Einsam zu Weihnachten: Familienfest oft nur ein Luftschloss

Insbesondere in der Weihnachtszeit zeigen sich fehlende soziale Kontakte und Menschen spüren stärker ihre Einsamkeit.

Einsamkeit ist Studien zufolge ein zunehmendes gesellschaftliches Problem. Insbesondere in der Weihnachtszeit zeigen sich fehlende soziale Kontakte. Die Betroffenen erleben die Feiertage oft als Tortur.

Berlin (dpa) - Dass die Zeit rund um den Jahreswechsel für einsame Menschen keine Zeit wie jede andere ist, lässt sich bei der Berliner Telefonseelsorge gut beobachten. «Die Themen unserer Anrufe kriegen eine andere Richtung», sagt Martina Kulms, Ausbilderin beim Verein Telefonseelsorge Berlin.

«Wenn sich die Familie nicht meldet, hat das in der Weihnachtszeit eine besondere Schwere.» Konflikte in der Familie und die eigene Einsamkeit würden dann umso sichtbarer, sagt Kulms.

Zwar könne sie keine Zunahme der Anrufe nachweisen, da im ganzen Jahr die Drähte bei der Telefonseelsorge glühten. Sätze wie «Sie sind der einzige Mensch, mit dem ich heute gesprochen habe» kriegen die Mitarbeiter der nach eigener Aussage ältesten Telefonseelsorge Deutschlands am Jahresende jedoch häufiger zu hören. «Weihnachten ist stark emotional besetzt», erklärt Kulms. Die Leute hielten an der Vorstellung fest, die Feiertage müssten mit der Familie verbracht werden.

Ein Bild, von dem sich viele Menschen über die Feiertage lösen müssten, weil sie fernab von zu Hause sind, arbeiten müssen, keine nahen Verwandten mehr haben oder Streitigkeiten die Familien-Beziehungen haben abbrechen lassen. Deshalb sei es schwierig, das allseits propagierte Idealbild eines intakten Familienfestes als Maßstab an sich anzulegen, sagt Kulms. «Es ist frustrierend, wenn fehlende Kontakte wie unter dem Brennglas sichtbar werden.»

Martina Kulms und die etwa 120 ehrenamtlichen Seelsorger bieten ihren Anrufern lediglich Gespräche an, persönliche Treffen seien nicht Teil des Services, erklärt Kulms. So ein Gespräch könne aber auch schon mal eine Stunde dauern.

In Deutschland leiden immer mehr Menschen an dem Gefühl der Einsamkeit. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung im Mai dieses Jahres auf eine Anfrage der FDP hervor. Demnach ist die Einsamkeitsquote bei den 45- bis 84-Jährigen von 2011 bis 2017 um rund 15 Prozent gewachsen. Im Jahr 2017 fühlten sich 9,2 Prozent der Menschen dieser Altersklasse immer oder häufig einsam. Die Zahlen stammen vom Deutschen Alterssurvey und einer Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts zur Kindergesundheit.

Selbst Kinder und Jugendliche sind demnach vor dauerhafter Einsamkeit nicht gefeit. Im Rahmen der Studie des Robert-Koch-Instituts zwischen 2014 und 2017 gaben bereits 4,2 Prozent der 11- bis 17-Jährigen an, sich dauerhaft einsam zu fühlen. Dabei trat das Gefühl häufiger bei Jungen als bei Mädchen auf.

Aus gesundheitspolitischer Perspektive ist Einsamkeit eine echte Herausforderung, denn sie macht nachweislich krank. Soziale Isolation und Einsamkeit erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an chronischem Stress sowie an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einer Depressionen oder Demenz zu erkranken. Das zeigt eine 2010 veröffentlichte Studie der Cambridge-Universität zum Zusammenhang von sozialen Kontakten und der Mortalitätsrate.

Auch deshalb beschäftigt sich die Politik verstärkt mit dem Thema. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte in diesem Jahr einen Regierungsbeauftragten, der sich explizit mit der Einsamkeit in der Gesellschaft auseinandersetze. Großbritannien hatte 2018 einen Regierungsposten geschaffen, um gegen Probleme infolge von Einsamkeit vorzugehen. Nach Angaben der FDP-Bundestagsfraktion gehen auch Japan, Dänemark und Australien gezielt gegen Einsamkeit vor.

Es gebe drei Lebensphasen, in denen das Risiko, an Einsamkeit zu leiden, besonders hoch sei, sagt Psychologin Sonia Lippke von der Jacobs University Bremen. Typisch seien Zeiten des Umbruchs: «Wenn man zu Hause auszieht, also in den Zwanzigern, und nach neuen sozialen Gefügen sucht.» Dann wieder zwischen Mitte 40 bis Mitte 50, wenn «typischerweise diejenigen, die Kinder haben, dann erleben, dass die sich abnabeln und zu Hause ausziehen». Zuletzt sei das Risiko für alte Menschen hoch. «Da gibt es dann jenseits der 85 auch Studien, die zeigen, dass jeder zweite sich eigentlich einsam fühlt», erklärt Lippke. Das hänge oft stark mit gesundheitlichen Einschränkungen zusammen.

Insbesondere Depressionen führten bei vielen Menschen in die dauerhafte Einsamkeit, sagt der Leiter der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin und Brandenburg, Uwe Müller. Auch der demografische Wandel befeuere die kollektive Einsamkeit. «Die Menschen werden immer älter. Insbesondere in der letzten Lebensphase treten bei vielen Anzeichen einer Depression auf.»

Die Telefonseelsorge Berlin will den Betroffenen Möglichkeiten aufzeigen, ihre Einsamkeit durch Kontakte in der unmittelbaren Umgebung zu überwinden. «Wir empfehlen unseren Anrufern Veranstaltungen in ihrer Nähe oder anderweitige Möglichkeiten zum Austausch mit anderen Menschen», sagt Martina Kulms. Letztendlich helfe das immer noch am besten.