Das hält "Inspector Barnaby" vom Brexit

Erik Brandt-Höge
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Das hält "Inspector Barnaby" vom Brexit

Er gilt als Muster-Brite - und als Mann der klaren Worte: Neil Dudgeon, der Mann, der im ZDF "Inspector Barnaby" verkörpert, äußert sich im Interview dezitiert zum Thema Brexit. Die Stimmung in London, sagt er, "fühlt sich an wie verdammter Selbstmord".

Sie wird in zig-Ländern ausgestrahlt, ist seit 22 Jahren ein Garant für gute Quoten, und Angela Merkel ist Fan: die britische Krimireihe "Inspector Barnaby" war, ist und bleibt wohl noch lange ein TV-Hit (englischer Originaltitel: "Midsomer Murders"). Das Format ist eine echte Marke, was wiederum ganz wesentlich mit dem Mann, der nun auch schon sehr lange hinter der Hauptfigur steht, zu tun hat: Seit 2011 wird Barnaby von Neil Dudgeon gespielt - und vom Publikum geliebt. Beim Interview in Hamburg spricht der 58-Jährige über die Erfolgsformel des Formats (sechs neue Folgen ab Sonntag, 22. Dezember, 22.15 Uhr, ZDF), über Zuschauer im Spiegel der Schauspieler - und den Brexit.

teleschau: Neil Dudgeon, Sie kommen gerade aus London - dem Zentrum des Brexit-Chaos.

Neil Dudgeon: Stimmt, genau so fühlt es sich dort gerade an: wie Chaos. Mehr noch: Es fühlt sich an wie verdammter Selbstmord! Darf man das sagen? (lacht)

teleschau: Sagen Sie es so, wie es Sie es meinen!

Dudgeon: Es ist einfach keine gute Zeit für unser Land. Die Bevölkerung ist gespalten: Die einen wollen raus aus Europa, die anderen wollen bleiben. Diejenigen von uns, die lieber in der EU bleiben wollen, sehen den Brexit als ein schlimmes Vergehen des extrem rechten Flügels der Conservative Party und ihrer medialen Unterstützer sowie einer sehr kleinen Gruppe von Leuten, die finanzielle Interessen verfolgen.

teleschau: Sie scheinen eindeutig zu den sogenannten "Remainern", also den Brexit-Gegnern zu gehören.

Dudgeon: Na ja, wir haben ja auch vor allem Nachteile durch den Brexit, uns geht sehr vieles verloren. Und dann die Kosten! Es werden uns Milliarden aus der EU fehlen. Ich sehe es als großes Missverständnis, dass einige Leute wirklich glauben, sobald wir aus der EU austreten würden, könnten wir ganz tolle Wirtschaftsdeals und überhaupt so ziemlich alles machen, was wir wollen. Unsere Souveränität wird aber nicht in der Form vorangetrieben werden, im Gegenteil. Das Einzige, was der Brexit bringt, sind blaue Pässe.

teleschau: Einmal sagten Sie, Sie sähen sich als sehr britisch. Was ist Britischer: Auf der "Remainer"-Seite zu stehen oder auf der anderen?

Dudgeon: Die Brexit-Befürworter sehen sich natürlich als die wahren Briten, deshalb wollen sie auch so sehr die Alleinstellung Großbritanniens. Sie empfinden sich als sehr couragiert und stark, wenn sie aus der EU austreten. Aber die Remainer lieben ihr Land ebenfalls sehr! Liebe zu Großbritannien geht schließlich auch, wenn man sich als Teil von Europa betrachtet.

"Vielleicht werde ich ja in der Show auch noch gekillt"

teleschau: Ausnehmend britisch ist jedenfalls "Inspector Barnaby", und die Show wird nicht bloß in Großbritannien, sondern weltweit geliebt - die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gilt als Fan. Bedeutet Ihnen das etwas?

Dudgeon: Klar! Ich meine: Angela Merkel ist seit 14 Jahren Kanzlerin. Wenn jemand, der so lange die Verantwortung für eine so große Nation trägt, die Show toll findet, bedeutet mir das auf jeden Fall etwas. Zudem scheint sie eine Person zu sein, die sehr bodenständig ist. Sie ist offensichtlich keine dieser schrecklich selbstverliebten Menschen aus der Politik. Ich habe übrigens gehört, dass zu der Zeit, als David Cameron noch Premierminister war, Merkel und er bei einem abendlichen Treffen eine Box "Inspector Barnaby" auspackten und sich beim Schauen der Show von der Arbeit entspannten. Das ist sehr herzerwärmend.

teleschau: Vielleicht mögen Merkel und so viele andere "Inspector Barnaby" auch deshalb, weil die Show die schlechten Angewohnheiten der britischen Upper Class so klar thematisiert ...

Dudgeon: Nun, die Geschichten spielen sich auf dem vornehmen englischen Land ab, und dieses dörfliche Setting erlaubt tatsächlich große Nonkonformität. Ein Stück weit zeigt "Inspector Barnaby" britische Stereotypen, auch den typisch britischen Humor. Alle Figuren sind oberflächlich sehr gut erzogen, sehr höflich, beim genaueren Hinsehen lügen sie aber auch ständig - vor allem gegenüber der Polizei. Die meisten Lügen gibt es wegen Geldgeschichten oder veränderter Identitäten. Und einer lügt immer wegen Mordes.

teleschau: Schauen die Zuschauer also, ob bewusst oder nicht, in einen Spiegel?

Dudgeon: Ich denke schon, denn sonst würden sie sich mit der Serie vielleicht nicht so sehr und so häufig beschäftigen. Sie sehen sich oder jemanden, den sie kennen. Ich glaube auch, dass Menschen grundsätzlich das Böse mögen - wenn es denn jemand anderes vorführt. (lacht) Und wir haben in der Show reichlich Figuren, die, nun ja, auf Ehrlichkeit und Bescheidenheit nicht allzu großen Wert legen. Zudem finde ich, dass man sich in "Inspector Barnaby" aufgrund der Schrägheit der Geschichten besser verlieren kann, als, sagen wir, in "Line of Duty", wo Polizeiarbeit sehr realistisch dargestellt wird. Bei uns wird eben auch mal jemand nackt an einen Baum gefesselt, mit Trüffelöl überschüttet und lebendig gegessen. Ist einfach unterhaltsamer und macht es leichter für die Zuschauer, mit dem Schlechten, das sie sehen, klarzukommen.

teleschau: Die nächste in Deutschland ausgestrahlte "Inspector Barnaby"-Episode trägt den Titel "Mord nach altem Rezept". Es geht um eine Leiche, die im Kessel einer privaten Bierbrauerei gefunden wird. Ist das typisch "Barnaby"?

Dudgeon: (lacht) Ja, das könnte man so sagen. Das ist schon irgendwie unser Rezept - in der Langform: Irgendwas Schlimmes, oft Bizarres, passiert in einer ländlichen Gegend - dann tauchen zwei Polizisten auf, gucken, was passiert ist, treffen jede Menge Lügner und Fieslinge und lösen den Fall.

teleschau: Sie haben nun bereits zehn "Barnaby"-Jahre hinter sich. Können Sie sich vorstellen, dass es noch mindestens zehn weitere werden?

Dudgeon: Zumindest werden es keine 20! (lacht) Ach, ich schaue allgemein nicht so weit in die Zukunft. Als ich 2010 mit "Midsomer Murders" anfing, dachte ich: "Ich mache das jetzt mal ein paar Folgen, gebe mein Bestes und schaue, wie die Leute es finden." Glücklicherweise schien es mit mir zu funktionieren, man ließ mich weitermachen - zehn Jahre! Ich war immer davon überzeugt, dass irgendwann jemand kommen und sagen würde: "Das war's!" Es kam auch regelmäßig jemand, aber der sagte immer: "Das ist super, genau so weiter!" Keine Ahnung, was noch passieren wird.

teleschau: Also: Wie geht es mit Barnaby weiter?

Dudgeon: Wir drehen 2020 erst mal eine neue Staffel, und dann schauen wir mal. Vielleicht werde ich ja in der Show auch noch gekillt. (lacht) Das wäre doch fantastisch: Barnaby wird selbst das Opfer eines Verbrechens!