EM-Kolumne von Pit Gottschalk - Das Türkei-Aus erleichtert mich, doch fürs Halbfinale fürchte ich das Schlimmste

Die Türkei ist bei der EM gegen Holland gescheitert, die Engländer sind nach einem Sieg über die Schweiz weiter<span class="copyright">Imago</span>
Die Türkei ist bei der EM gegen Holland gescheitert, die Engländer sind nach einem Sieg über die Schweiz weiterImago

Seit dem Wolfsgruß von Merih Demiral drohte dem EM-Turnier die große Politisierung. Das ist jetzt vorbei. Vier große Fußballnationen stehen im Halbfinale. Unser Kolumnist beschleicht jetzt eine ganz andere Angst - dass die falschen Teams das Endspiel erreichen.

Am Ende war ich glücklich bei dem Gedanken, dass Holland die Türkei 2:1 aus dem EM-Turnier geworfen hat. Tausende von türkischen Fans wollten das Viertelfinale im Berliner Olympiastadion missbrauchen und provozierten mit ihrem Wolfsgruß vorm Stadion und auf den Tribünen.

Die Provokateure, gottlob immer noch Minderheit, scherten sich kein bisschen darum, dass der europäische Verband Uefa den türkischen Verteidiger Merih Demiral aus gutem Grund für zwei Spiele gesperrt hatte. Jubelposen mit Hassbotschaften haben auf dem Rasen keine Berechtigung.

Das Türkei-Spiel: Es ging nicht mehr um Fußball, sondern Politisches

Ich mag mir nicht ausmalen, was bei einem historischen Einzug ins Halbfinale passiert wäre. Kleiner und Zeigefinger ausgestreckt und die restlichen Finger zur Wolfsschnauze geformt: Das Handzeichen der rechtsextremen „Grauen Wölfe“ wäre zur Bildsprache dieser EM geworden.

Man hat ja gesehen, wie der Stadionbesuch von Präsident Erdogan und seinem servilen Begleiter Mesut Özil die Überschriften während des Türkei-Spiels bestimmten: Es ging nicht mehr um Fußball, sondern Politisches. So eine Europameisterschaft will ich nicht haben.

Bei den Paarungen im EM-Halbfinale beschleicht mich eine ganz andere Angst

Mal abgesehen davon, dass Deutschland fehlt: Im Halbfinale am Dienstag und Mittwoch stehen jetzt große Fußballnationen. Zuerst in München Spanien gegen Frankreich, dann in Dortmund Niederlande gegen England. Bei den Paarungen beschleicht mich eine ganz andere Angst.

Es steht zu befürchten, dass die Franzosen und die Engländer mit ihrem bisherigen Grottenkick das Finale in Berlin erreichen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Frankreich zum Beispiel kroch mit nur drei Toren (davon ein Elfmeter) ins Halbfinale. Und ist nun weiter als Deutschland.

Wir können das doof finden - aber genau das ist Fußball. Meistens attraktiv, manchmal ungerecht, immer emotional. Die Spanier gehen geschwächt in das Frankreich-Spiel: Mittelfeldstar Pedri ist verletzt, Verteidiger David Carvajal gesperrt. Die Franzosen werden das zu nutzen wissen.

Wer gewinnt, hat recht, notfalls mit Anti-Fußball

Mies kicken und trotzdem gewinnen: Das ist auch eine Qualität. England spielt noch schlimmer . Jeder Auftritt quält meine Augen. Trainer Gareth Southgate aber hält’s mit seinem französischen Kollegen Didier Deschamps: Wer gewinnt, hat recht. Notfalls mit Anti-Fußball.

Gareth Southgate jubelt<span class="copyright">Imago</span>
Gareth Southgate jubeltImago

Deutscher habe ich die Engländer jedenfalls nie spielen gesehen: Sie kämpfen Fußball wie wir in den 80er-Jahren, nicht schön, aber effizient, und schießen beim Elfmeterschießen gegen die Schweiz jeden, wirklich jeden Ball rein. Das kannte man nicht von ihnen. Deswegen stehen sie im Halbfinale.

Der Southgate-Plan geht auf: Das nervt - aber es geht nicht um Schönheit

Mannschaften wie die Niederlande liegen den Engländern: Die anderen machen das Spiel und sie so viele Tore, wie sie brauchen. Auch das vergisst man bei ihnen bei aller Kritik schnell: Das Team um Kapitän Harry Kane und Jude Bellingham hat noch keines der bisher fünf EM-Spiele verloren.

Der Southgate-Plan scheint aufzugehen. Das mag mich als Fußballromantiker stören. Aber um Schönheit, siehe oben, ging es noch nie beim Fußball.

Ich sehe den Duellen der Fußballkulturen mit Vorfreude entgegen. Und bin ja schon froh, dass es nicht um Politik geht.