EM-Kolumne von Pit Gottschalk - Jetzt taucht eine unsichtbare EM-Tabelle auf, die mich verzweifeln lässt

Verzweifelte Kroaten nach dem 1:1 gegen Italien<span class="copyright">Imago</span>
Verzweifelte Kroaten nach dem 1:1 gegen ItalienImago

Vier der sechs besten Drittplatzierten rutschen auf den letzten Drücker ins Achtelfinale. Focus-online-Kolumnist Pit Gottschalk verzweifelt an dieser Rechenaufgabe fast und fand eine Ungerechtigkeit für Gastgeber Deutschland

Zaccagni-Schlenzer in den Torwinkel, Italien schafft in allerletzter Sekunde das 1:1 und steht im Achtelfinale. Die Kroaten auf der anderen Seite: am Boden zerstört, in Tränen aufgelöst, quasi ausgeschieden. Am liebsten würden sie sofort nach Hause abhauen.

Doch, Moment: Theoretisch könnten die zwei Punkte aus zwei Unentschieden fürs Weiterkommen reichen - das entschied sich aber nicht am Montagabend bei ihrem Spiel in Leipzig, sondern erst am Dienstag in Köln - oder doch erst am Mittwoch in Hamburg?

Ja, dieses EM-Spiel- und Tabellensystem ist so verrückt, wie es klingt. England muss Slowenien in Köln nur eine Packung mit mindestens drei Toren Unterschied verabreichen und die Türkei gegen Tschechien in Hamburg gewinnen: Dann rutscht Kroatien in einer Tabelle, die auf keinem EM-Spielplan dieser Welt zu sehen ist, auf Platz vier und damit ins Achtelfinale.

In dieser unsichtbaren Tabelle kommt es auf jedes Tor an. Vielleicht stehen am Donnerstag aber auch ganz andere Mannschaften drin als am Dienstagmorgen*.

Aber jetzt nochmals von vorne.

Zur perfekten Vorbereitung auf das EM-Turnier in Deutschland habe ich mir den Spielplan aus dem Internet heruntergeladen, in Farbe ausgedruckt und die Vorrundengruppen auswendig gelernt. Das System ist ja nicht schwer zu verstehen: sechs Gruppen A bis F mit jeweils vier Mannschaften, jeder gegen jeden an drei Spieltagen - fertig sind die sechs Tabellen. Das Problem dieser Heim-EM beginnt nach der Vorrunde.

Von den 24 teilnehmenden Nationen können nur 16 Teams das Achtelfinale erreichen. Jetzt rechnen wir kurz: Die beiden Erstplatzierten aus sechs Gruppen - macht zwölf. Die restlichen vier Plätze in der K.o.-Runde bekommen die, Achtung, „vier besten Drittplatzierten“.

Das ist das Doofe an diesem EM-System: Nach den sechs Tabellen der Vorrunde kommt die oben erwähnte neue und siebte Tabelle: die der sechs Drittplatzierten.

Man muss immer die Tabelle mitdenken, die es gar nicht gibt

In der England-Gruppe B steht dort zur Stunde Slowenien. Wenn aber England das Duell heute Abend gewinnt, nimmt Serbien den Platz mit einem Unentschieden gegen Dänemark ein. Gewinnt Serbien sogar, ist plötzlich Dänemark Dritter.

Man muss die Tabelle, die es nicht gibt, immer im Hinterkopf behalten, wenn man die Paarungen im Achtelfinale ermitteln will. Denn auch das ist bei einem Spielsystem mit 24 Teams wichtig: Wie spielten die anderen Dritten?

Wir Deutschen haben es einfach. Wir wussten: Werden wir Gruppenerster, spielen wir gegen den Zweitplatzierten der Gruppe C; als Gruppenzweiter gegen den Zweiten der Gruppe B. So geht’s auch der Gruppe D: entweder gegen den Zweiten der Gruppe F oder den Zweiten der Gruppe E. Nur bei den anderen Vorrundengruppen hat jemand seine Buchstabensuppe über meinen ausgedruckten EM-Spielplan ausgeschüttet.

Der Erste der Gruppe B spielt gegen den Dritten von A, D, E oder F. Der Erste der Gruppe E aber gegen den Dritten aus A, B, C oder D. Liebe Uefa, Ihr merkt’s hoffentlich selbst: Das ist Bullshit. Und übrigens ungerecht. Gastgeber Deutschland bekommt’s, weil in Gruppe A gesetzt, immer mit einem starken Gegner zu tun, der Erstplatzierte der Gruppen B und C sowie E und F aber jeweils mit dem Fallobst des Turniers. Versteht das einer?

24 Teams bei der EM - das ist Wahnsinn und ein falscher Kompromiss

Ich kann ja gut verstehen, dass man die Europameisterschaft ausweiten wollte. Je mehr Spiele, desto mehr TV-Übertragungen. Es gab Zeiten, dass vier Mannschaften bei einem Turnier den Europameister ermittelten. Dann wurden es acht, 16 und seit acht Jahren 24.

Mit dem Kollateralschaden, dass Portugal 2016 mit drei Unentschieden irgendwie ins Achtelfinale hoppelte und tatsächlich den EM-Titel im Finale gegen Frankreich holte.

Aber die Teilnehmerzahl 24 ist Wahnsinn und ein falscher Kompromiss. 16 war der Uefa zu wenig, weil es dann nur 31 Spiele gibt. Und 32 zu viel, weil dann mehr als die Hälfte der 55 Verbände zum Turnier fahren würde.

Also 24: Es gibt 51 Spiele, ausreichend Plätze für Fanlieblinge wie Schottland und Debütanten wie Georgien und obendrein eine schöne Rechenaufgabe für halb Europa, wer’s über den Umweg doch noch ins Achtelfinale schafft. Ganz ehrlich: Das nervt.

* PS: Bitte sehen Sie mir nach, wenn ich jetzt irgendwo einen Rechenfehler begangen, eine Konstellation übersehen oder einen sonstigen Gedankensprung verpatzt haben sollte. Ich weiß gottseidank aus meinem Umfeld: ich bin nicht alleine. Am Ende verlasse ich mich darauf, dass die Uefa in ihrem Kuddelmuddel dann doch alles korrekt ausrechnet. Meinen Beziehungsstatus zu diesem EM-Spielsystem würde ich so bezeichnen: Es ist kompliziert.