Emotionaler Lockdown-Talk mit Marlene Lufen: "Die Nerven liegen blank!"

Jens Szameit
·Lesedauer: 5 Min.

So gefühlig sind Talkshows selten: Marlene Lufen ließ nach ihrem millionenfach geklickten Instagram-Video Talk-Gäste über das Leben im Lockdown klagen. Mit konkreten politischen Forderungen und Verbesserungsvorschlägen ging die Runde allerdings sparsam um.

"Wir alle wissen, dass es eine schwere Krise ist": Marlene Lufen hielt sich in ihrem Talk mit grundsätzlicher Lockdown-Kritik zurück. (Bild: SAT.1)
"Wir alle wissen, dass es eine schwere Krise ist": Marlene Lufen hielt sich in ihrem Talk mit grundsätzlicher Lockdown-Kritik zurück. (Bild: SAT.1)

Gut möglich, dass Marlene Lufen von der Resonanz auf ihr Instagram-Video von vergangener Woche selbst ein bisschen überwältigt wurde. Fast 11 Millionen Aufrufe werden inzwischen gezählt für den hoch emotionalen Monolog der SAT.1-Moderatorin über die unerwünschten Nebenwirkungen der bitteren Corona-Medizin Lockdown.

Lufen machte in 14 Minuten Selfie-Modus ihren Sorgen Luft über benachteiligte Menschen, die in der Pandemie besonders leiden: Kinder, psychisch Kranke, Alte, Frauen mit gewaltbereiten Partnern. Dafür gab es viel, viel Zustimmung in der Welt der sozialen Medien. Weil aber die 50-Jährige der Hypothese Raum gab, "der Lockdown war das Falscheste, was wir hätten machen können", und weil nicht jede zitierte Statistik dem Faktencheck standhielt, war auch mancher vernichtende Medien-Kommentar zu lesen. Und, noch schlimmer: Es gab Beifall von unerwünschter Seite, die gemeinhin mit "Corona-Leugner" überschrieben ist.

Marlene Lufen (links) sprach unter anderem mit Schülersprecher Alexander Löher (18) aus Bayern und der Bloggerin Charis Krüger. (Bild: SAT.1)
Marlene Lufen (links) sprach unter anderem mit Schülersprecher Alexander Löher (18) aus Bayern und der Bloggerin Charis Krüger. (Bild: SAT.1)

Von Maßnahmen-Kritik ist plötzlich nichts mehr zu hören

Bei SAT.1, wo man den Video-Klickerfolg in eine Hauptabend-Talkshow überführen wollte, klang Marlene Lufen, sonst fürs "Frühstücksfernsehen" zuständig, in ihren politischen Botschaften am Montagabend jedenfalls deutlich zurückhaltender. Die Verdrehung, nicht das Virus verursache Leid und Verunsicherung, sondern der zu gnadenlose, zu lange Lockdown: ward nicht mehr gehört. Von der unterschwelligen Behauptung, mit einem wie auch immer zu bewerkstelligenden besseren Schutz der Pflegeheimbewohner wäre der Pandemie schon der schlimmste Zahn gezogen: keine Spur mehr.

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Im SAT.1-Studio zur besten Sendezeit klang Marlene Lufen nun so: "Ich möchte auch nicht in der Rolle der Politiker sein - wie machst du's richtig?" Denn: "Wir alle wissen, dass es eine schwere Krise ist, dass Maßnahmen wichtig sind." Und mit Blick auf die anstehende Ministerpräsidentenkonferenz: Vielleicht könne man ja "ein bisschen nachjustieren beim nächsten Corona-Gipfel". - "Was kann man noch verbessern, damit alle gut durch die Zeit kommen?"

Marlene Lufen traf mit ihrem millionenfach geklickten Video ganz offenbar einen kollektiven Nerv. (Bild: SAT.1 / Marlene Lufen)
Marlene Lufen traf mit ihrem millionenfach geklickten Video ganz offenbar einen kollektiven Nerv. (Bild: SAT.1 / Marlene Lufen)

Tim Raue: "Ich hab' heut morgen aus Frust ein Nacktbild von mir gepostet"

Eine berechtigte Fragestellung, daran kann es keinen Zweifel geben. Wenngleich man es sich im Ergebnis etwas konstruktiver und konkreter hätte vorstellen können, als es der SAT.1-Talk "Marlene Lufen: Deutschland im Lockdown" am Ende zu bewerkstelligen vermochte.

"Perspektiven" müssten aufgezeigt werden, sagte ein Schülersprecher aus Bayern. Einblendungen über Hilfsangebote für Menschen in seelischer Not nach TV-Ansprachen wünschte sich eine depressionskranke Bloggerin. Die Auszahlung der versprochenen Corona-Hilfen und Kurzarbeitergeld auch für Auszubildende verlangte der TV-Koch Tim Raue. "Ich hab' heut morgen aus Frust ein Nacktbild von mir gepostet", wusste der Berliner Spitzengastronom zu berichten. Die Botschaft: "Ich bin blank."

Um eine Art emotionales Blankziehen ging es den gut 60 Talk-Minuten in einmütiger Runde. Nicht Statistiken, sondern der Erfahrungshorizont Einzelner sollte belegen, dass - so Lufen - in Deutschland die "Nerven blank liegen". Dem kamen die Gäste erwartungsgemäß nach. Kontroverse Gegenrede schien bei der Auswahl der Diskussionsteilnehmer auch nicht vorgesehen zu sein.

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"Die Leute sind gereizt", hat Schülersprecher Alexander Löher (18) unter seinen Mitschülern beobachtet. Auch sei die "Effektivität des Home Schoolings nicht gegeben" durch zu viel Ablenkung daheim. Bloggerin Charis Krüger, seit zehn Jahren schwer depressionserkrankt, hat die Video-Telefonate mit ihrer Therapeutin gestresst abgebrochen und nun wieder mit Angstattacken zu kämpfen. Und die zugeschaltete ambulante Pflegekraft Manuela Kraft sorgt sich, ob ihre betagten Kunden nach der Pandemie noch die Kraft aufbringen werden, wieder ihr Zuhause zu verlassen. "Viele meiner Kunden waren aktiv, jetzt sitzen sie in ihren vier Wänden und beschäftigen sich den ganzen Tag alleine."

Kinderärztin befürchtet bleibende Hirn-Schäden

Nicht für sich selbst, sondern als "Stimme der Kinder" sprach die Kinderärztin Dr. Karella Easwaran, die passenderweise "zwei tolle Bücher" zum Thema bewerben durfte. Frau Easwaran machte sich für eine schrittweise und durch Tests abgesicherte Wiedereröffnung der Schulen und Kitas stark. Denn sie befürchtet Fehlentwicklungen bei kindlichen Gehirnen durch mangelnde soziale Interaktion: "Wir haben gesunde Kinder, die Zeichen der Belastung im Gehirn zeigen." In ihrer Praxis beobachte sie "pathologische Zustände". Es laufe auf irreparable Schäden "in der kognitiven Entwicklung" hinaus, auch bei bislang unauffälligen Kindern aus "tollen Familien". Dort dürften die Aussagen das Stressempfinden zuschauender Eltern nicht gerade gelindert haben. Man weiß spontan gar nicht, wann Karl Lauterbach, von Marlene Lufen unlängst bei "stern TV" als Angstmacher gescholten, zuletzt öffentlich so etwas Alarmierendes gesagt hat.

Was die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten aus diesem Abend Konkretes mitnehmen dürfen in die nächste Beratungsrunde? Viel ist es offen gestanden nicht. Aber vielleicht ging darum in dieser Sendung ohne die üblichen Talkshow-Expertengesichter auch gar nicht. Vielleicht hat es ja schon geholfen, dass ganz normale Menschen sich einmal zur besten Sendezeit den vollauf berechtigten Frust und die Angst von der Seele reden durften. Dass mal zur Sprache kommt, "was außerhalb der Todeszahlen noch mit uns Menschen geschieht", wie Tim Raue es formulierte.

Der Moderatorin scheint die Methode schon geholfen zu haben: "Das Wichtigste ist, dass wir die Hoffnung nicht verlieren", verabschiedete Marlene Lufen die Zuschauer. Dem ist natürlich nicht zu widersprechen.

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