Emotionen: Die Wohlstandsschwestern von Pegida

Jana Hensel

Die Hygienekundgebungen im Westen sind den ostdeutschen Protesten nach 2015 ähnlicher, als viele meinen. Wir sollten sie auch genauso ernst nehmen.

3. Oktober 2016 in Dresden (links) und 9. Mai 2020 in Stuttgart (rechts) © Sean Gallup, Christian Kaspar-Bartke/​Getty Images

Das ist ein Text über ein Gefühl. Wer Texte über Gefühle nicht mag, muss an dieser Stelle nicht weiterlesen. Zumal ich noch gar keinen Namen für dieses Gefühl habe, Aber ich habe in den vergangenen Wochen gemerkt, dass ich von einer diffusen Unruhe erfasst bin, eine gewisse Angespanntheit von mir Besitz ergriffen hat. Auch ostdeutschen Kollegen und Freunden geht es so. Ich habe sie gefragt. Sie beobachten ebenso wie ich im Moment genauer, was im Westen des Landes gerade vor sich geht.

Ich rede von den sogenannten Hygienedemos. Ich meine die Tausenden Menschen, die sich in Stuttgart und auch an anderen Orten vor allem Süddeutschlands in Corona-Zeiten versammeln, um zumindest auf der Oberfläche gegen die Einschränkungen und Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Pandemie zu demonstrieren.  

Diese Proteste sind friedlich, sie gleichen mitunter sogar einem Happening. Es sind viele Frauen, Paare, Familien mit Kindern und jüngere Leute auf der Straße. Diese Menschen sehen mehrheitlich eigentlich ganz sympathisch aus. Umso mehr irritiert mich, dass sie dennoch Transparente tragen, auf denen "Jesus rettet Leben – Bill Gates zerstört Leben", "Wir sind das Grundgesetz" und "Wir sind das Volk" steht. Einige fordern den Rücktritt von Angela Merkel ebenso, wie das die Leute von Pegida einst gefordert hatten. Männer aber, die "Deutsches Reich"-Flaggen oder schwarz-rot-goldene Hosenträger mit einem Kreuz darauf tragen, bilden in dieser gesellschaftlichen Minderheit noch einmal die Minderheit.

Comeback des Wutbürgers

Rein äußerlich entsprechen die "Widerstand 2020"-Demonstranten also nicht dem Bild, das wir uns von den Pegida- und AfD-Demonstrationen im Osten gemacht haben. Dennoch werden sie im Moment mit Pegida verglichen. Denn sie scheinen längst eine Art innere Koalition mit jenen eingegangen zu sein, die wir als Wutbürger, Antidemokraten und, teils zu Recht, als Rechtsextreme bezeichnen. Und die wir weitgehend als ein ostdeutsches Phänomen zu betrachten uns angewöhnt haben, obwohl etwa die AfD in ihren Spitzen von Westdeutschen dominiert ist.

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