Entwicklungsminister bei Markus Lanz: Europas Schicksal hängt von Afrika ab

Mila Lemke
Freie Autorin
Entwicklungshilfe darf nicht nur aus Geld bestehen, argumentiert Minister Gerd Müller bei Markus Lanz.

“Warum kommt Afrika nicht auf die Beine?”, das ist die zentrale Frage von Markus Lanz zu Beginn der Sendung. Korruption, Bevölkerungswachstum und Klimawandel die komprimierte Antwort von Entwicklungsminister Gerd Müller.

“Mit Geld erreichen wir am wenigsten”, so sein Standpunkt über Entwicklungshilfe. “Afrikaner, das sage ich sehr deutlich, müssen selber mehr leisten.” Moment. Afrikaner? Der Kontinent besteht aus 55 Länder, die unterschiedlich fortgeschritten sind. Müsste da nicht differenziert werden? Moderator und Gesprächspartner ignorieren das, pauschalisieren die Sendung hindurch Afrika als rückständig und Europa als vorbildlich. Es ist eine Diskussion mit wenig neuen Ansätzen.

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Unterstützt wird nur, wer sich anpasst

Müller betont: Es liege in der Verantwortung reicher Staaten, Entwicklungsimpulse in Afrika zu setzen.  Nur wenn Afrika sich weiterentwickle, könne Migration eingedämmt werden. Europas Schicksal hänge von Afrika ab. Doch der Blick einer westlichen Brille zieht sich durch die Sendung. “Was ich jedem Afrikaner sage: Du musst selber in die Hände spucken! Schau nach Deutschland. Schau nach Europa.”

Wer nicht gegen Korruption kämpfe und sichtbare Erfolge aufweise und wer sich nicht Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bewege, den habe Deutschland nicht mehr an der Seite. Wenn es um Korruption geht, muss sich der Kontinent also selber helfen. Außerdem wird die westliche Staatsform verlangt? Auch Journalist Graw, der betont, keine neokolonialistischen Ansätze verbreiten zu wollen, redet von der Errichtung von Musterstädten mit Produktionsanlagen in nicht entwickelten Regionen. Unterschwellig ist zu hören: Die reichen Industriestaaten machen vor.

Kritik an Regierung

Doch es wird auch thematisiert, dass die Industrienationen an den Problemen des Kontinents – von Klima bis Ausbeutung – beteiligt sind. Im Hinblick auf die Entwicklungshilfe kritisiert Graw, dass sich die Bundesregierung zu wenig um die Aufklärung über Familienplanung bemühe. Diese spiele angesichts der wachsenden Population eine erhebliche Rolle.

“Sie hören nicht genau hin!”, entgegnet Müller. Für ihn liegt der Schlüssel für Afrikas Zukunft in der Stärkung der Frauenrechte. “Wenn wir Frauen Bildung bringen, gehen auch die Geburtenraten zurück.” Außerdem brauche es faire Löhne und fairen Handel. “Ich will keinen Anzug tragen oder ein Hemd, wo ausbeuterische Kinderarbeit drinnen steckt”, so Müller. Aus Graws Sicht sollte der öffentliche Druck genutzt werden, um Unternehmen dazu zu bringen, soziale und ökologische Standards einzuhalten. Müller sieht dies als Aufgabe des Staates, sollte Freiwilligkeit nicht funktionieren. Die Punkte, die angesprochen werden, sind wichtig – aber auch nicht neu.

Markus Lanz leitet zu den anderen beiden Gästen des Abends über und beendet die Diskussion mit: “Wir haben uns mal die Zeit genommen, im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeit, zu debattieren.” Da stellen sich die Fragen: Welche bescheidene Möglichkeit? Und ist die Sendung nicht dazu da, zu debattieren? Wie auch immer. Thematisch wird es interessant.

In der Runde bei Markus Lanz (v.l.): Entwicklungsminister Gerd Müller, Moderator Dirk Steffens, Autorin Ines Grillmeister und Journalist Ansgar Graw.

“Ich wette, dass hier im Studio niemand ohne Plastik im Gehirn sitzt”

Terra X-Moderator Dirk Steffens spricht über die anstehende BBC-Deutschlandtour “Unser Blauer Planet II” und präsentiert beeindruckende Bilder aus der Tierwelt. Zum Beispiel wie ein Clownfisch intelligent Wege sucht, um sich fortzupflanzen: Das stärkste Männchen verwandelt sich in ein Weibchen und legt Eier. Steffens thematisiert zudem das globale Plastik-Problem und macht auf seine Schuhe aufmerksam, die aus alten Fischernetzen und Plastikmüll hergestellt sind. Bei der Debatte um Mikroplastik merkt er an: “Ich wette, dass hier im Studio niemand ohne Plastik im Gehirn sitzt.”

Ehemann durch Krebs verloren

Besonders viel Kraft muss der Auftritt von Ines Grillmeister gekostet haben. Sie hat vergangenes Jahr ihren Mann an einer aggressiven Art von Blutkrebs verloren. Bei Lanz erzählt sie, wie ihre Kinder mit dem schweren Schicksalsschlag umgehen: Sie stellen sich vor, der Vater sitze auf einer Wolke und könne auf einem Regenbogen herunterrutschen. Die Krankheit habe die Lebenseinstellung der Familie verändert: “Wir leben viel bewusster”, so die 34-Jährige. “Wir machen’s einfach und warten nicht.” Dankbarer und achtsamer sei sie geworden. Eine gute Haltung für jeden von uns.

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