Er will's noch mal wissen: Horst Seehofer tritt wieder an

Ministerpräsident Horst Seehofer kassiert sein angekündigtes Karriereende. Foto: Sven Hoppe/Archiv

CSU-Chef zu werden, das war Horst Seehofers Lebenstraum. Bayerischer Ministerpräsident dagegen nicht unbedingt. Doch er wurde beides - und will nun beides bleiben: Der 67-Jährige will in diesem Herbst noch einmal als Parteichef und im September 2018 noch einmal als Ministerpräsident kandidieren.

Aber was ist das für ein Mensch? Da gehen die Meinungen auseinander: Ein Quertreiber und Dauer-Nörgler, ein gnadenloser Populist und Opportunist - sagen die einen. Ein Kümmerer, eine Art Volkstribun, ein Diener des Volkes und des Freistaates - so sieht er sich selbst und erwähnt dabei gerne, dass in seiner Amtszeit noch keine Entscheidung getroffen wurde, die Nachteile für Bayern hatte.

Ob fehlerfrei oder nicht - schon jetzt blickt Seehofer auf vier Jahrzehnte Politik zurück: 1980 zog er in den Bundestag ein, 1992 wurde er Bundesgesundheitsminister. Nach der Wahlniederlage der Union 1998 gab der CSU-Politiker, nach langem Streit mit der CDU über die Gesundheitspolitik, zuerst die Zuständigkeit für die Sozialpolitik in der Unionsfraktion und dann den Vize-Fraktionsvorsitz ab. Ein Jahr vor der Bundestagswahl 2005 war Seehofer - wie er selbst einmal sagte - «politisch tot». Doch er kam wieder: als Bundesagrarminister, durchgesetzt von Edmund Stoiber.

Sein Weg nach Bayern führte über eine weitere Niederlage: Auf dem Parteitag 2007, als es um das Erbe Edmund Stoibers ging, unterlag er im Kampf um den Parteivorsitz dem Niederbayern Erwin Huber. Erst ein Jahr später, nach der dramatischen CSU-Wahlniederlage mit dem Verlust der absoluten Mehrheit, schlug Seehofers große Stunde: Im Herbst 2008 wurde er binnen weniger Tage Parteichef und Ministerpräsident.

Seither durchlebte Seehofer Höhen und Tiefen. Die Rückeroberung der absoluten Mehrheit in Bayern 2013 war sein bislang größter Triumph. Doch schon bei der Europawahl ein Jahr später ließ eine missglückte Wahlkampfstrategie Seehofers die CSU wieder dramatisch absacken.

Inzwischen richtet Seehofer seine Politik nahezu vollständig am Willen der Bevölkerung aus - jedenfalls wie er diesen versteht. Die von ihm selbst ausgerufene «Koalition mit den Bürgern» ist ihm wichtiger als die Zusammenarbeit mit seinen eigenen Leuten. Die beschimpft er notfalls als «Kleinstrategen» oder «Leichtmatrosen». Erfolge der CSU in Berlin - erst recht gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel - schreibt er vor allem sich selbst auf die Fahnen.

Es gibt aber immer wieder auch die Situationen, fast zyklusartig, in denen Seehofer übers Ziel hinausschießt. Sogar viele in den eigenen Reihen glauben inzwischen, dass es Seehofer mit seiner Dauerkritik an der Kanzlerin im Streit um die Flüchtlingspolitik übertrieben hat.

Seehofer lässt derlei Kritik an sich abperlen. Er gilt als Einzelgänger, beratungsresistent. Seine Kritiker werfen ihm einen fast absolutistischen, rücksichtlosen Regierungsstil vor. Irgendetwas zwischen patriarchalisch und diktatorisch, sagt ein CSU-Mann.

Seehofer stört das nicht: Er verweist auf seine Zustimmungswerte in der Bevölkerung. Und Seehofer wäre nicht Seehofer, wenn er nicht für jeden Kritiker im Gegenzug eine eigene Kritik parat hätte. Als jüngst etwa aus der Landtagsfraktion Ärger wegen einer Wahlrechtsreform drohte, konterte Seehofer mit einem Generalangriff und warf den eigenen Leuten Arroganz und fehlendes Machtbewusstsein vor.

Aber warum will er jetzt noch einmal weitermachen, was treibt ihn und verhindert das lange angepeilte Pensionszeitalter mit weniger Stress und mehr Zeit für Familie wie Modelleisenbahn? Gesundheitlich hatte er in den vergangenen Jahren ganz vereinzelt Schwächen gezeigt - was bei ihm immer besondere Aufmerksamkeit erregt, weil er einmal an einer Herzmuskelentzündung erkrankt war.

Geht es ihm um die Partei - oder doch nur um sich selbst, seinen Platz in den CSU-Geschichtsbüchern? Wohl beides. Seehofer hält sich für unverzichtbar, fürchtet um die absolute Mehrheit in Bayern, wenn er nicht wieder antritt. Es heißt, ohne den ungeliebten Kronprinzen Markus Söder, ohne die Flüchtlingskrise und ohne die AfD hätte er 2018 Schluss gemacht. Und selbstverständlich ist da auch eine gehörige Portion Eitelkeit: Seehofer will nicht als der in die CSU-Annalen eingehen, der die absolute Mehrheit erst zurückerobert und dann wieder verspielt hat.

Auf seine alten Tage zeigt sich Seehofer übrigens ab und an von einer bislang kaum bekannten Seite: Selbstkritisch erklärt er die Ankündigung zum Karriereende 2018 als großen Fehler. Dadurch habe er Unruhe in die Partei gebracht. Das kann er nun anders machen.

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