Erdogan droht mit Angriffen auf syrische Regierungstruppen in Idlib

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Menschen fliehen aus der Provinz Idlib

Im Norden Syriens spitzt sich die militärische Konfrontation zwischen der türkischen Armee und den von Russland unterstützten syrischen Streitkräften zu. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan drohte Damaskus am Mittwoch mit Angriffen "überall" im Land, sollten erneut türkische Soldaten unter Beschuss geraten. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) forderte ein Ende des "türkisch-russischen Konflikts auf dem Rücken der Menschen in Syrien".

"Wenn unseren Soldaten auf den Beobachtungsposten oder anderswo auch nur der geringste Schaden zugefügt wird", werde die türkische Armee die syrischen Regierungstruppen angreifen, sagte Erdogan bei einer Rede vor seiner AKP-Regierungsfraktion im Parlament in Ankara. Dies gelte "ungeachtet des Abkommens von Sotschi", warnte Erdogan mit Blick auf eine 2018 von seinem Land und Russland geschlossene Waffenstillstandsvereinbarung für Nordsyrien.

Gleichzeitig attackierte Erdogan auch das Vorgehen der russischen Armee in Syrien. "Mit Unterstützung russischer Streitkräfte und pro-iranischer Milizen greifen die syrischen Streitkräfte ständig Zivilisten an, verüben Massaker und vergießen Blut."

Der türkische Staatschef kündigte überdies an, dass Ankara "auf dem Boden und in der Luft alles Nötige" tun werde, um die syrischen Truppen aus der nordwestlichen Provinz Idlib zu verdrängen. Seine Regierung werde es zudem nicht zulassen, dass sich Flugzeuge, die Angriffe auf Wohngebiete verübten, weiterhin "frei bewegen" könnten.

Das Außenministerium in Damaskus erklärte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana, Erdogan habe den "Realitätsbezug" verloren. Die Bemerkungen des türkischen Präsidenten seien "inhaltsleer".

Moskau wiederum hielt Ankara vor, es sei der im Sotschi-Abkommen vereinbarten "Neutralisierung von Terroristen" nicht nachgekommen. Diese "Terrorgruppen" verübten von Idlib aus Angriffe auf die syrischen Streitkräfte und verhielten sich "aggressiv gegenüber russischen militärischen Stellungen", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Dies sei "inakzeptabel und ein Verstoß gegen die Sotschi-Abkommen".

Die syrischen Regierungstruppen gehen seit Dezember mit Unterstützung Moskaus militärisch verstärkt gegen die überwiegend islamistischen und dschihadistischen Milizen in der Provinz Idlib vor. Die benachbarte Türkei unterstützt hingegen die Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad in ihrer letzten Hochburg. Seit Monatsbeginn wurden bei mehreren Angriffen der syrischen Truppen auf türkische Stellungen in Idlib 14 türkische Soldaten getötet und 45 weitere verletzt.

Moskau teilte am Mittwoch mit, dass Russlands Staatschef Wladimir Putin und Erdogan in einem Telefonat die "Bedeutung einer vollständigen Umsetzung" der Vereinbarungen von Sotschi festgehalten hätten. In dem Abkommen hatten sich Russland und die Türkei auf die Einstellung der Kämpfe in Idlib geeinigt. Alle seither vereinbarten Feuerpausen wurden jedoch kurz nach ihrem Inkrafttreten gebrochen.

Außenminister Maas forderte in der "Süddeutschen Zeitung" (Donnerstagsausgabe) ein Ende der Angriffe von allen Seiten. "In einem türkisch-russischen Konflikt auf dem Rücken der Menschen in Syrien wird es nur Verlierer geben. Deswegen brauchen wir eine politische Lösung, mit der auch das türkische Engagement in Syrien der Vergangenheit angehört."

Laut der Beobachtungsstelle eroberten Assads Streitkräfte seit Dienstagabend zahlreiche Orte entlang der strategisch wichtigen Autobahn M5 zurück. Bei russischen Luftangriffen wurden demnach erneut vier Zivilisten getötet. Durch die Kämpfe in Idlib wurden seit Dezember hunderte Zivilisten getötet, fast 700.000 Menschen wurden nach UN-Angaben vertrieben.