Erdogan in London: Der ängstliche Despot

Tobias Huch
Journalist und Englandkorrespondent
Präsident Erdogan war stets von einem beachtlichen Sicherheitsaufgebot umgeben und bevorzugte die Hintereingänge (Bild: Tobias Huch)

In den türkischen Medien war davon nahezu nichts zu vernehmen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan war auf “Arbeitsbesuch” in Großbritannien. Die letzten drei Tage war er in London und im Umland unterwegs, die Öffentlichkeit scheute er dabei weitgehend. Ein Auftritt, der viel über Erdogans aktuelle Lage verrät.

Nachhaltige Aufmerksamkeit erfuhr der Kurztrip in Deutschland wegen einer Begegnung am Rande – Erdogan hatte einige Fußballer mit Begleitung getroffen und sich auf Anraten seiner Berater für einen Fototermin hergegeben; hierbei entstanden die mehr als peinlichen Fotos der deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit Erdogan. Stolz strahlten die beiden deutschtürkischen Fußballer in die Kamera und bezeichneten Erdogan als “ihren Präsidenten” – womit sie keinen Zweifel daran ließen, welchem Land und vor allem welcher Politik sie sich, Staatsangehörigkeit hin oder her, im Herzen verbunden fühlen.

Trotz dieses unglaublichen Affronts dürfen beide Profis vorläufig im Nationalkader bleiben, um an der – nicht minder umstrittenen – WM in Russland teilzunehmen. Zumindest in Deutschland hat Erdogan damit einen Erfolg verbuchen können, leisteten ihm die beiden DFB-Auswahlspieler doch kostenlose Wahlkampfhilfe bei den 1,5 Millionen in Deutschland lebenden türkischen Wahlberechtigten.

Anti-Erdogan-Protest vor Chatham House (Bild: Tobias Huch)

Ansonsten lief Erdogans Londonbesuch für ihn weniger erbaulich; wie erwartet, hagelte es massenweise Proteste gegen den Präsidenten, der derzeit gewaltig unter Druck steht. Vor gar nicht allzu langer Zeit schien er seinem Ziel schon recht nahe gekommen zu sein, die Türkei in eine Diktatur zu verwandeln; umso überraschender mutet die realistische Chance an, dass er doch noch zu scheitern droht. Tatsächlich ist nämlich fraglich, ob das Kalkül des Präsidenten aufgehen wird, sich durch vorgezogene Neuwahlen eine vorzeitige Absicherung seiner Machtbasis zu verschaffen.

Zum einen tritt die Opposition aktuell geschlossener denn je auf, allen Versuchen der Regierung zum Trotz, sie zu spalten. Vor allem aber ist die Bevölkerung weitaus skeptischer und kritischer eingestellt, als es Erdogan und seine Hauspartei AKP je für möglich gehalten hätten. Es bleibt also abzuwarten, ob Erdogan auch diesmal – wie schon beim Verfassungsreferendum – zu Wahlbetrug greifen muss, um die Zügel weiterhin in der Hand zu halten.

Seine Nervosität war Erdogan auch beim Englandaufenthalt anzumerken. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm, der türkische Präsident war ständig von mindestens 30 Personenschützern umgeben. Doch nicht nur diese ungewöhnlich massiven Schutzmaßnahmen, die von einer gewissen Angst vorm eigenen Volk zeugen, waren Indiz seiner Anspannung. Es war vor allem die Art seiner Auftritte in England.

Vor Chatham House hatten sich Anhänger und Gegner Erdogans unmittelbar nebeneinander versammelt, Ausschreitungen gab es trotzdem keine (Bild: Tobias Huch)

Erdogan war am Montag für 10 Uhr vormittags in Chatham House angekündigt, dem Sitz eines Think-Tanks für Außenpolitik. Chatham House liegt in der feinsten Büro- und Wohngegend Londons; praktisch vor der Haustür befindet sich der Green Park, einen Steinwurf entfernt residiert die Queen im Buckingham Palace. Die angrenzenden Hotels in Mayfair gehören zu den teuersten der Stadt, wie etwa das “Ritz”,  wo der Dresscode Anzug und Krawatte selbst beim Lunch vorschreibt, oder das verschwenderisch edle “Four Seasons”. In letzterem hatte es sich Erdogan samt seiner Entourage in standesgemäßem Luxus bequem gemacht.

Vor Chatham House versammelten sich Erdogans Gegner und Anhänger zu dessen Besuchstermin. Gewaltexzesse zwischen beiden Gruppen gab es glücklicherweise nicht – obwohl diverse AKP-Vertreter immer wieder mit rassistischen Äußerungen und Handzeichen auffielen, in der Hoffnung,  sie könnten so Übergriffe der kurdischen Seite provozieren. Doch Fehlanzeige: Die Demonstranten, darunter viele Kurden, verhielten sich äußerst diszipliniert.

Vorsorglich zog es Erdogan dennoch vor, das Gebäude nicht über den Hauptzugang zu betreten, sondern er sich über einen Hintereingang in die Veranstaltung – sehr zur Enttäuschung seiner Anhänger. Eigens für dieses Versteckspiel musste die britische Polizei einen kompletten Straßenzug mit zwei Polizeiketten absichern, bevor sich der gepanzerte Konvoi des Despoten, überwacht von einem Polizeihubschrauber, in die menschenleere Zufahrtsstraße wagte.

Eine Stunde später verließ Erdogan das Chatham House schon wieder, schüttelte aber noch für die staatshörigen türkischen TV-Sender ein paar Hände und ließ sich inmitten einer Schar stark verschleierter “Groupies” ablichten, die man offenbar eigenes für diese Polit-Publicity angekarrt hatte. Im Umgang mit den zahlreichen anwesenden Journalisten erwies sich die präsidiale Security dagegen als heillos überfordert; kein Wunder, Pressefreiheit kennt man in Erdogans Türkei nicht.

Erdogan posiert mit einigen ausgewählten Fans (Bild: Tobias Huch)

Einzelne mitgereiste Sicherheitsbeamte der türkischen Polizei versuchten, mit Rempeleien den Medientross fernzuhalten; sie konnten die Reporter aber nicht wirklich einschüchtern, weil die türkische Polizei in London zum Glück nichts zu melden hat und die Briten, anders als das Regime in Ankara, großen Wert auf eine unbehinderte und freie Berichterstattung legen.

Am Dienstag stand dann der zentrale und wohl wichtigste Termin für Erdogan auf der Tagesordnung: Das Treffen mit der britischen Premierministerin May. Mutmaßliche Themen waren umfangreiche Waffenlieferungen und Wirtschaftshilfen für die kurz vorm Staatsbankrott stehende türkische Republik.

Erdogan wird von der Queen empfangen (Bild: John Stillwell/Pool via Reuters)

Vorab war Erdogan kurz von der Queen und Prinz Charles empfangen worden, wobei der türkische Gast sich auffallend tief verbeugte und geradezu devot auftrat. Anscheinend musste Erdogan nolens-volens gute Stimmung verbreiten. Die Lage seines Landes ist in der Tat so angespannt, dass er sich mit Unbotmäßigkeiten und Provokationen, wie man sie ansonsten von ihm gewohnt ist, dieses Mal zurückhielt.

Die unterwürfige Haltung, das fast schon servile Befolgen protokollarischer Etikette durch ihren großen Führer hatten die fanatischen Anhänger der AKP vor der Downing Street in Westminster anscheinend nicht auf dem Merkzettel. Denn ihr gewohnt rüpelhaftes Verhalten kontrastierte Erdogans diplomatische Kratzfüßigkeit sichtbar. Es hatte den Anschein, dass man sie – vermutlich mit finanziellen Anreizen – zum Ort der kurdischen, britischen und kemalistischen Gegendemonstration gelockt hatte, um dort für Randale zu sorgen.

Demonstranten protestieren vor Downing Street 10 gegen die Verfolgung der Presse in der Türkei (Bild: Tobias Huch)

Mehrere Anheizer befahlen der türkischen Claque – rund 200 Personen – immer wieder, wie sie aufzutreten und was sie zu brüllen hatten. Und wie schon am Vortag war hundertfach das “Rabia”-Handzeichen der islamistischen Muslimbruderschaft zu sehen, ebenso wie der in Deutschland als “Leisefuchs” bekannte Bozkurtgruß – eine Art türkischer Hitlergruß.

Diesmal hatten Erdogans Provokateure teilweise Erfolg: Es kam zu Rangeleien und Übergriffen zwischen demokratischen Gegendemonstranten und den aggressiven erdogantreuen “Jubelpersern”. Durch ein hartes Durchgreifen unter Einsatz von berittenen Beamten und Schlagstöcken und einigen Festnahmen auf beiden Seiten, brachte die Londoner Polizei die Lage jedoch rasch unter Kontrolle und vermied so eine weitere Eskalation.

Auch bei diesem Termin ließ sich Erdogan übrigens nicht öffentlich blicken. Er befuhr die Downing Street über die hintere Einfahrt und verließ das Treffen mit May ebenso klammheimlich, ohne seine Anhänger zu grüßen – zu groß war wohl die Angst vor unvorteilhaften Bildern mit Gegendemonstranten und einem eingeschüchtert daherkommendem Erdogan.

Die drei Tage seines London-Besuchs machten für aufmerksame Beobachter mehr als deutlich, wie angeschlagen der türkische Präsident ist. Erdogan wirkte stark vorgealtert; immer wieder gab es zuletzt sogar Gerüchte um eine angebliche Krebserkrankung. Doch neben der eingefallenen physischen Erscheinung konnte man erstmals Furcht und Verunsicherung im Auftreten des sonst so selbstherrlich auftretenden Staatschefs erkennen. Es ist die Angst vor der Wahlniederlage und drohendem Machtverlust, womöglich aber auch Angst vor Rache des Volkes an seinem korrupten Familienclan, der Milliarden außer Landes geschafft haben soll.

Demonstranten entrollen eine Flagge der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG vor Downing Street 10 (Bild: Tobias Huch)

Was von Erdogans Londonreise bleibt, ist der Eindruck eines angeschlagenen Despoten, der auf Abschiedstournee bei den wahren großen Staatslenkern dieser Welt ist. Nicht nur die Demokraten in der Türkei hegen die Hoffnung, dass es ein Abschied auf Nimmerwiedersehen wird.