Erdogan ruft im Konflikt mit Macron zu Boykott französischer Waren auf

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Erdogan und Macron 2018 im Elysée-Palast
Erdogan und Macron 2018 im Elysée-Palast

Im Streit um die Islamäußerungen von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zum Boykott französischer Waren aufgerufen. "Achtet nicht auf französisch gekennzeichnete Waren, kauft sie nicht", sagte Erdogan am Montag in einer im Fernsehen übertragenen Rede und schloss sich einer Reihe von Boykottaufrufen im Nahen Osten an. Die Bundesregierung verurteilte derweil die Äußerungen Erdogans über Macron als "völlig inakzeptabel". 

Hintergrund ist der Streit über Macrons Reaktion auf die mutmaßlich islamistisch motivierte Ermordung eines Geschichtslehrers nahe Paris, der im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Macron hatte strengere Kontrollen von Moscheen und anderen muslimischen Einrichtungen angekündigt.

Macrons Äußerungen, unter anderem zum Festhalten am Zeigen von Karikaturen, sorgten in der arabischen Welt für Empörung; in mehreren muslimisch geprägten Staaten gab es am Wochenende Proteste und Boykott-Aufrufe gegen Frankreich, die sich auch zu Wochenbeginn fortsetzten. Erdogan warf Macron Islamfeindschaft vor und riet dem Präsidenten, seinen "Geisteszustand untersuchen" zu lassen.

Mit Blick auf die angebliche Islamfeindschaft in Europa holte Erdogan am Montag erneut aus und zog einen Vergleich zum Nationalsozialismus. Muslime seien in Europa einer "Lynchkampagne" ausgesetzt, die mit der Verfolgung "der Juden vor dem Zweiten Weltkrieg" vergleichbar sei, sagte Erdogan. Europäischen Staats- und Regierungschefs warf er vor, "im wahren Sinne Faschisten" und "Kettenringe des Nationalsozialismus" zu sein. Europa müsse die "von Macron gesteuerte Hasskampagne" gegen Muslime beenden. 

Gleichzeitig ließ Erdogan über seinen Sprecher mitteilen, dass er den "ungeheuerlichen Mord" an dem Geschichtslehrer Samuel Paty verurteile. Nichts könne den Angriff rechtfertigen.

Der Präsident des muslimischen Dachverbands CFCM in Frankreich, Mohammed Moussaoui, betonte derweil, Muslime würden "nicht verfolgt". Frankreich sei "ein großartiges Land", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Angesichts des Boykotts französischer Produkte forderte er die Menschen auf, die Interessen des Landes zu verteidigen. 

Erdogans Aussagen stießen auch in der EU auf Entrüstung. "Das sind diffamierende Äußerungen, die ganz und gar inakzeptabel sind", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Sie seien inakzeptabel, "erst recht vor dem Hintergrund der Mordtat eines islamistischen Fanatikers" an dem französischen Lehrer Paty, sagte Seibert weiter. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts wies darauf hin, dass auch Außenminister Heiko Maas (SPD) "großes Verständnis" für die Haltung Macrons geäußert habe.

Auch die Ministerpräsidenten Italiens, der Niederlande und Griechenlands brachten ihre Unterstützung für Frankreich zum Ausdruck, ebenso wie die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen.

Frankreich berief als Reaktion auf die Verbalattacken am Wochenende seinen Botschafter aus Ankara zu Konsultationen nach Paris. Pakistan wiederum bestellte den französischen Botschafter am Montag ein, um sich über die "systematische islamfeindliche Kampagne" Frankreichs zu beschweren.

Der Präsident des größten französischen Arbeitgeberverbandes Medef, Geoffroy Roux de Bézieux, bezeichnete die Boykottaufrufe gegen Frankreich in arabischen Staaten am Montag als "schlechte Nachricht". Zugleich rief er die Verbandsmitglieder auf, sich einer solchen "Erpressung" zu widersetzen: "Unsere Werte zählen mehr als unsere Geschäfte", sagte er dem Radiosender RMC. 

Der Pädagoge Paty war am Freitag vor einer Woche von einem 18-jährigen Attentäter tschetschenischer Herkunft enthauptet worden, offenbar weil er seinen Schülern Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte, um das Thema Meinungsfreiheit zu illustrieren. 

mkü/lan