Türkei startet Boden- und Luftoffensive gegen kurdische Stellungen in Nordsyrien

Rauchwolke nach türkischem Luftangriff

Die türkische Armee hat ihre angekündigte Luft- und Bodenoffensive gegen kurdische Stellungen im Norden Syriens gestartet. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Samstag, die Offensive auf die von Kurden kontrollierte Stadt Afrin habe "de facto" begonnen. Die türkische Armee erklärte, die "Operation Olivenzweig" richte sich gegen die Kurdenmiliz YPG und die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Russland äußerte sich "besorgt" und zog seine Soldaten aus dem umkämpften Gebiet ab.

Die Türkei werde "Schritt für Schritt" einen "Terror-Korridor" zerstören, den die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) errichtet hätten, sagte Erdogan in einer im Fernsehen übertragenen Rede. Nach der Offensive auf Afrin solle auch die von Kurden gehaltene Stadt Manbidsch angegriffen werden.

Die türkische Armee erklärte, die "Operation Olivenzweig" habe am Samstag um 15.00 Uhr (MEZ) begonnen. Türkische Kampfflieger bombardierten kurdische Stellungen in der Grenzregion, wie Regierungschef Binali Yildirim sagte. Ziel sei die "Zerstörung" der von der Türkei als Terrororganisation eingestuften YPG.

Ein AFP-Reporter auf der türkischen Seite der Grenze sah, wie zwei türkische Kampfflugzeuge Ziele auf syrischem Territorium angriffen und Rauchwolken aufstiegen. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete zudem, protürkische Milizionäre der Freien Syrischen Armee rückten in der Region Afrin vor.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu sagte im Fernsehen, die syrische Regierung von Machthaber Baschar al-Assad werde über das türkische Vorgehen informiert. Die türkische Armee hatte in den vergangenen Tagen Panzer und Artillerie an der Grenze zu Syrien zusammengezogen und wiederholt Granaten auf YPG-Stellungen abgefeuert.

Die russische Regierung äußerte sich "besorgt" über die Offensive. Das Außenministerium in Moskau rief die gegnerischen Parteien zur "Zurückhaltung" auf.

Die russischen Streitkräfte zogen ihre Soldaten aus der umkämpften Region ab. Damit sollten "mögliche Provokationen" vermieden und eine "Bedrohung für Leben und Gesundheit der russischen Soldaten" ausgeschlossen werden, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau.

Scharfe Kritik am türkischen Vorgehen kam aus Deutschland. Die frühere Grünen-Chefin Claudia Roth erklärte, das militärische Vorgehen der Türkei in Syrien werde "die Lage dort dramatisch verschlimmern und das Ausmaß der humanitären Katastrophe vergrößern".

Die stellvertretende Vorsitzende der Linken-Fraktion im Bundestag, Sevim Dagdelen, sprach von einem "verbrecherischen Überfall" der türkischen Armee auf Afrin. Die Bundesregierung müsse einen "sofortigen Rüstungsstopp" gegen die Türkei verhängen.

Afrin und das hundert Kilometer weiter östlich am Euphrat gelegene Manbidsch gehören zur halbautonomen Kurdenregion im Nordwesten Syriens. Ankara will einen Zusammenschluss der Kurdengebiete westlich und östlich des Flusses und damit die Entstehung einer eigenständigen Kurdenregion an der Südflanke der Türkei verhindern.

Das Vorgehen gegen die YPG ist für Ankara aber riskant. So unterhält Russland gute Verbindungen zu der Kurdenmiliz. Der Nato-Bündnispartner USA sieht die YPG zudem als wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den IS an.

Erdogan wirft der US-Regierung aber vor, sich nicht an ihr Versprechen zu halten, die YPG von Manbidsch fernzuhalten. Die Türkei betrachtet die YPG als syrischen Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Die US-geführte Allianz zum Kampf gegen den IS hatte am vergangenen Sonntag den Aufbau einer 30.000 Mann starken Truppe im syrischen Grenzgebiet zur Türkei angekündigt. Diese soll die Grenzen im Norden und Osten Syriens sichern, um ein Wiedererstarken der IS-Miliz zu verhindern. Die Hälfte der Kämpfer soll von den Syrischen Demokratischen Kräften kommen, die von den YPG beherrscht werden.

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