Erdogan und AfD sind Geschwister im Geiste

Recep Tayyip Erdogan und Frauke Petry haben bei genauer Betrachtung einiges gemeinsam (Bilder: dpa)

Der türkische Präsident will mehr Kinder sehen. Im Programm der AfD steht das auch. Vielleicht ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Wie gut, dass es einen Präsidenten gibt, der sich um alles kümmert, auch wann man mit wem ins Bett zu gehen hat. Und da muss das Ergebnis natürlich stehen. „Macht nicht drei, sondern fünf Kinder, denn Ihr seid die Zukunft Europas“, sagte Recep Tayyip Erdogan am vergangenen Freitag im westtürkischen Eskisehir – an die Deutschtürken adressiert. „Das wird die beste Antwort sein, die Ihr auf die Unverschämtheiten, Feindseligkeiten und Ungerechtigkeiten, die man Euch antut, geben könnt.“

Die Vorstellung ist schon drollig. Familienplanung gilt als überlegtes Vorhaben, da ist der Job oder meist zwei, die Miete, die Vorsorge… Geplant oder manchmal auch ganz spontan, eben als Produkt der Liebe, entstehen Babys. Aber durch präsidentielles Dekret? Weil der Präsident der Türkei es sagt, so wie man am nächsten Freitag hundert Gramm mehr Käse nachhause bringen soll? Bestenfalls ist Erdogan anmaßend. Peinlich sowieso.

Einmal aufregen, bitte

Aber der Präsident scheint schmerzfrei unterwegs zu sein. Und seine Worte entspringen einem Kalkül. Eigentlich sind nicht die Deutschtürken seine Zuhörer, sondern die Mitglieder der Bundesregierung. Denn Erdogan geht langsam sein Eskalationsvokabular aus. Mitte April steht das Referendum über seine angestrebte Verfassungsreform an, und das Strohfeuer der Erregung über abgesagte Ministerauftritte in Europa erlischt gerade.

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Erdogan aber braucht die Eskalation. Es geht ihm nicht um Auftritte. Und auch nicht um die Fertilität. Er will sich Empörung abholen, er will Absagen kassieren. Dann kann er eigene Empörung generieren, Anhänger mobilisieren; und im schlimmsten Fall, wenn die Verfassungsreform im Referendum abgelehnt werden sollte, kann er dafür einen Schuldigen präsentieren: das böse Europa…

Überhaupt liegt Erdogan völlig neben der Spur. Deutschtürken bringen im Schnitt nicht drei Kinder zur Welt. Laut Bundesamt für Bevölkerungsforschung lag die Geburtenziffer im Jahr 2014 bei 1,47. Und nun ist es nicht so, dass Deutschtürken diesen Schnitt erhöhen würden. Nein, sie haben sich dem Trend angepasst. Oder um es einfacher auszudrücken: Deutschtürken kriegen nicht mehr Kinder als andere Deutsche.

Leute mit Verschwörungsanfälligkeiten mögen keine Statistiken. Die sind zu genau. Bei der AfD zum Beispiel habe ich immer wieder gehört, Muslime, also eben Türken, würden viel mehr Kinder zur Welt bringen als „Deutsche“, und daher würde Deutschland irgendwann „kippen“, da ist die Rede von der Umvolkung durchs Ehebett. Abgesehen davon, dass es da um ziemlich viele interessante sexuelle Phantasien bei den AfD-Funktionären geht – der lustvolle Orient lässt grüßen -, spiegelt dieses Gerede nur die eigenen Vorstellungen von Fertilität.

Dreimal Kinder, bitte

Die AfD formuliert nämlich in ihrem Grundsatzprogramm, als hätte Erdogan von ihr abgekupfert. „Den demografischen Fehlentwicklungen in Deutschland muss entgegengewirkt werden“, heißt es dort. „Die volkswirtschaftlich nicht tragfähige und konfliktträchtige Masseneinwanderung ist dafür kein geeignetes Mittel.“ Es folgen recht vernünftige Vorschläge in Form von Darlehen und Bafög-Vergünstigungen oder Rentenanrechnungen, bis die AfD so richtig eingreift: „Wir wollen eine echte Wahlfreiheit zwischen Fremdbetreuung in Krippen oder familiennaher Betreuung.“ Wahlfreiheit ist immer gut. Das eine ist aber „fremd“ und klingt wie die „Fremdarbeiter“, wie Oskar Lafontaine es gern formuliert, und ist blöd. Alles andere ist „familiennah“ und klingt toll. Nun, in unmittelbarer Nähe zu meiner Wohnung ist eine Kita, aber ich weiß nicht, ob dies von der AfD als familiennah akzeptiert wird.

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Weiter geht es mit dem programmatischen Wortspiel, da fordert die AfD eine „Willkommenskultur“ für Neugeborene und Ungeborene. Das Wort wurde ja in einem anderen Kontext gebraucht. Aber die AfD deutet gern um. Es geht ihr im Grunde um eine verbale Um-Volkung.

Man könnte sagen, die AfD geht Erdogan auf den Leim. Man könnte aber auch sagen, die beiden brauchen sich wie Yin und Yang. Sie bedingen sich gegenseitig, leben beide von einer latenten Erregungsbereitschaft, deuten alles als ein ziemlich emotionales Ereignis und sind Geschwister im Geiste. Wann kommt eigentlich der Zeitpunkt, an dem die AfD den türkischen Präsidenten als machtvollen Führer preist, wie sie es bei Wladimir Putin tut?

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