Erfindung der Pockenimpfung brachte erste Anti-Impf-Bewegung in Großbritannien hervor

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Die Pockenimpfung in Großbritannien brachte die erste große Anti-Impf-Bewegung hervor. Sie speiste sich nicht nur aus Angst vor der neuen Behandlung, sondern auch aus gezielter Desinformation.

Das Pockenvirus sorgte lange Zeit für zahllose Tote auf der ganzen Welt.
Eine Illustration des Pockenvirus. Es hat lange Zeit zu einer hohen Sterblichkeit geführt, erst die Impfung konnte die Krankheit stoppen. Foto: Getty

Es beginnt meist mit schmerzenden Gliedern, einem dröhnenden Kopf und hohem Fieber, dazu Schüttelfrost. Die Erreger kriechen nun in den Rachen, machen die Patient*innen höchst ansteckend.

Dann erst gibt sich die Krankheit zu erkennen, wenn sie die Haut zeichnet, an Händen, Füßen, Schenkeln, Bauch und Rücken: Anfangs sind es noch kleine Flecken, die sich aber schnell zu Bläschen aufblähen und mit infektiösem und übelriechendem Eiter füllen. Unbehandelt versterben drei aus zehn Menschen – an den Pocken.

Lange Liste angeblicher Nebenwirkungen – etwa Hörner

Die Impfung gegen die Pocken war deshalb eine große medizinische Innovation. Doch Anfang des 19. Jahrhunderts, als diese Form der Immunisierung in Großbritannien bekannt wurde, begegneten ihr die Menschen nicht etwa erleichtert. Sondern mit großer Skepsis.

Sie fürchteten sich vor angeblichen Nebenwirkungen: Verlust der Sehfähigkeit, Taubheit, Geschwüre. Und das Gerücht ging um, dass Geimpften Kuheuter und Hörner wachsen würden. Was daran lag, dass die Impfung in einer Infektion mit Kuhpocken bestand, die beim Menschen nur eine leichte Erkrankung auslöste – danach aber vor den gefährlicheren echten Pocken schützte.

Trotzdem wehrten sich die Menschen gegen die Impfung. Heute geht man davon aus, dass die Pocken die weltweit erste Anti-Impf-Bewegung hervorbrachte.

Hunderttausende sterben jedes Jahr

Und diese erhielt großen Zulauf, über Jahrzehnte hinweg. Im Interview mit der Washington Post erklärte kürzlich der Medizinhistoriker an der Yale Universität Frank Snowden: „Es handelte sich um eine Massenbewegung, die sich mit Traditionen und der Freiheit begründete. Die Impfung wurde aber auch aus politischen Gründen abgelehnt, sie wurde als eine Form der Tyrannei angesehen.“

Gleichzeitig forderten die Pocken zahlreiche Todesopfer. Historiker*innen schätzen heute, dass in Europa zu dieser Zeit jedes Jahr rund 400.000 Menschen an der Viruserkrankung verstarben.

Impfung ist Blasphemie

Doch die Gesellschaft in Großbritannien war zutiefst religiös geprägt. Impfgegner*innen argumentierten, dass eine Immunisierung mit Tiererregern eine Missachtung der menschlichen, von Gott gegebenen, Selbstheilungskräfte war. Snowden sagte dazu: „Biblisch gesehen galt der Mensch als Ebenbild Gottes. Es galt daher nicht nur als medizinisch abwegig, sondern gar als blasphemisch, minderwertiges tierisches Material in den menschlichen Körper zu injizieren.“

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Impfgegner*innen reisten deshalb durch das Land, hielten Vorträge vor großen Menschenansammlungen, gaben Karikaturen heraus, die Geimpfte mit Hörnern darstellten, verteilten Flugblätter mit skurrilen Nebenwirkungen wie dem „Kuhwahn“, der geimpfte Frauen in Hysterie verfallen, sie Sex mit Stieren und deshalb Kinder zeugen lassen würde, die zur Hälfte Mensch, zur Hälfte Kuh seien. Die Folge: Immer mehr Menschen lehnten die Pocken-Impfung ab.

Finanzieller Grund zur Desinformation

Zwei berühmte Impfgegner waren die Ärzte William Rowley und Benjamin Moseley, die auf diese Weise das Land bereisten. Sie hatten nicht nur religiöse Gründe, sondern dazu einen eigenen finanziellen Grund, die Impfung zu verteufeln: Sie behandelten Menschen mit einer weit gefährlicheren Praxis gegen die Pocken, die Variolation. Sie ritzten den Inhalt aus Pockenwunden von Menschen, die die Krankheit überstanden hatten, in die Haut von Gesunden. Das Problem: Nicht nur konnte dadurch eine echte Pockeninfektion ausgelöst werden, sondern andere ansteckende Krankheiten wurden ebenfalls übertragen, wie Syphilis oder Tuberkulose. Viele starben deshalb nach einer Behandlung durch Rowley und Moseley, unter anderem einer der Söhne von König Georg III.

Sieg über die Krankheit

Es dauerte aber noch bis ins Jahr 1853, bis die Pockenimpfung für Kinder zur Pflicht wurde. Schnell sank danach die Sterblichkeit der Kinder an der Krankheit um rund die Hälfte. Seit 1934 gelten die Pocken in Großbritannien als besiegt.

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