Erik Bodendieck zu Sachsen: "Der Patient mit den besten Überlebenschancen bekommt das Bett"

·Lesedauer: 8 Min.

In Sachsen ist die Corona-Lage dramatisch. Kliniken sind überlastet und bereiten sich auf Triage-Situationen vor, sagt der Präsident der Landesärztekammer.

Intensivstation in Leipzig © Jens Schlueter/​Getty Images
Intensivstation in Leipzig © Jens Schlueter/​Getty Images

Sachsen hat seit Wochen die höchste Corona-Inzidenz in Deutschland, der Wert steigt und steigt. Mittlerweile liegt er bei über 1.000. Mehr als 2.000 Corona-Patienten werden im Krankenhaus behandelt, davon liegen mehr als 450 auf Intensivstationen. Die Kliniken sind überlastet, schon in wenigen Tagen könnte es so weit sein, dass nicht mehr genügend Betten auf den Intensivstationen frei sind – und Ärztinnen und Ärzte vor einer schwierigen Entscheidung stehen. Der Palliativmediziner und Allgemeinarzt Erik Bodendieck, 54, ist Präsident der sächsischen Landesärztekammer. Er bereitet sich mit Kliniken auf Triage-Situationen vor.

ZEIT ONLINE: Herr Bodendieck, wie dramatisch ist die Lage in Sachsen im Moment?

Erik Bodendieck: Die Situation ist akut. Immer mehr Krankenhäuser sind voll belegt. Ich habe mit Kollegen gesprochen, die sagen, dass sie wahrscheinlich schon Ende dieser, Anfang nächster Woche mit der Triage beginnen müssen. Das heißt: Wenn zwei, drei Patienten da sind, die an einen Behandlungsplatz oder ein Beatmungsgerät müssen, aber nur noch ein Bett frei ist, müssen die Ärzte entscheiden. Der Patient mit den besten Überlebenschancen bekommt das Bett. Das betrifft vordergründig Intensivbetten. Dort braucht es auch am meisten Personal. Die Betreuung von Intensivpatienten ist besonders anspruchsvoll. Betten und Maschinen haben wir ausreichend. Aber es fehlt an Personal.

ZEIT ONLINE: In Sachsen gab es schon vergangenen Winter eine schlimme Corona-Welle und eine Phase, in der Mediziner Triage-Fälle für möglich hielten. Aber es gab damals noch keinen Moment wie jetzt, in dem offiziell gesagt wird: Nun ist es bald wirklich so weit. Die Lage ist also schon jetzt im November schlimmer als vorigen Winter?

Bodendieck: Bisher haben wir immer versucht, Triage zu vermeiden, wir wollen das auch nicht. Aber nun ist die Lage in Sachsen extrem angespannt. Unbegrenzt Patienten in andere Regionen zu verlegen, wird nicht gelingen. Wenn ich mir die Inzidenzzahlen in Deutschland anschaue, dann haben wir ja eine Diagonale, die von Südwesten nach Nordosten geht, auf der östlichen Seite sind die Infektionszahlen besonders hoch. Wenn ich alles von der einen auf die andere Seite verlege, dann ist dort natürlich auch bald alles dicht. Im Moment sind Verlegungen noch möglich. Dabei muss auch auf den Zustand des Patienten geschaut werden, es geht ja zum Teil um Entfernungen von mehreren Hundert Kilometern.

ZEIT ONLINE: Wie geht es Ihnen als Arzt mit der Aussicht auf Triage?

Bodendieck: Absolut nicht gut. Es gibt Studien dazu, dass medizinisches Personal, das solche Entscheidungen schon einmal treffen musste, den Beruf eher verlässt. Man muss auch klarstellen: Eine Triage betrifft alle Patienten, die ein Intensivbett brauchen. Da wird nicht nach Corona-Patienten unterschieden, da geht es um alle. Wenn ein Patient mit einem Herzinfarkt oder einem Polytrauma kommt, hat er das Nachsehen. Das ist schrecklich. Dies muss den Menschen ebenso klar sein, die gerade an anderen Stellen auf Solidarität verzichten.

ZEIT ONLINE: Wie entscheidet man, wer die besseren Überlebenschancen hat?

Bodendieck: Die Deutsche Gesellschaft für Intensivmedizin hat beispielsweise voriges Jahr Vorschläge gemacht, wie man in einer Triage-Situation vorgeht, daran orientieren wir uns. Es ist eine rein ärztliche Entscheidung, die nach bestem Wissen und Gewissen getroffen werden muss. Dies bestätigt auch die rechtliche Bewertung.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit den Patienten, die schlechtere Überlebenschancen haben?

Bodendieck: Diese Patienten müssen dann natürlich ebenso nach bestem Wissen und Möglichkeiten versorgt werden. Durchaus kann das auch eine palliativmedizinische Versorgung sein.

ZEIT ONLINE: Würden Ärzte zwischen Patienten mit und ohne Corona-Impfung unterscheiden?

Bodendieck: Nein, das darf grundsätzlich keine Rolle spielen bei solchen Entscheidungen. Es kann aber im konkreten Einzelfall so sein, dass ein intensivpflichtiger an Covid-19 erkrankter Patient ohne Corona-Impfung eine deutlich schlechtere Prognose hat als ein Covid-19-Patient mit Impfung.

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon mal so eine Situation erlebt?

Bodendieck: Nein, nicht annähernd. Ich kann mich dunkel an Szenarien in meiner Zeit als Medizinstudent in der DDR erinnern. Da wurde gesagt, dass nicht alle Patienten über 60 an die Dialyse kommen, weil es nicht genug Geräte gab. Das ist aber nicht vergleichbar mit der jetzigen Situation. Als Arzt in der DDR musste man mit Mangel umgehen. Jetzt ist der Mangel ein anderer. Wir haben zwar alle technischen Ressourcen zur Verfügung, aber das Personal fehlt. Das ist im Übrigen etwas, das nicht nur die Corona-Situation jetzt mit sich bringt, das beklagen wir schon lange.

ZEIT ONLINE: Warum ist die Lage in Sachsen erneut so eskaliert?

Bodendieck: Mir scheint, die Sachsen sind eher skeptisch, aus der Geschichte heraus besonders gegenüber staatlichen Regelungen, welche schnell als Bevormundung empfunden werden. Dann gibt es viele Regionen, vor allem im Ländlichen, da leben wenig junge Leute. Dort gibt es oft festgefahrene Meinungen und einen Nährboden für die Idee, dass man bevormundet wird, einem andere etwas Böses wollen. Da ist man auch schnell in einem Mehrheitsstrudel drin und es ist ganz schwer, als Einzelner seine Meinung zu ändern. Was ja etwas völlig Normales ist, seine Meinung auch mal zu ändern. Dies zu sagen, fällt aber umso schwerer, wenn hundert Menschen in der Umgebung gleicher Meinung sind. Das erlebe ich auch beim Impfen so.

ZEIT ONLINE: Sie haben eine Hausarztpraxis in der Nähe von Leipzig. Was erleben Sie, wenn Sie mit Ihren Patienten übers Impfen sprechen?

Bodendieck: Meine Praxis passt zum allgemeinen Bild in Sachsen. Die eine Hälfte meiner Patienten hat sich impfen lassen, die andere Hälfte bisher nicht. Vorhin habe ich erst mit einer jungen Patientin gesprochen, die sich auch mit dem Mund-Nasen-Schutz schwertut. Ich habe ihr wieder von der dramatischen Lage erzählt. Sie hat gesagt, wenn ich ihr das erzähle, das sei ja das eine, aber sie will das alles selbst sehen. Viele haben das Gefühl, belogen zu werden, sie nehmen die Bedrohung nicht wahr. Sie fühlen sich von einer Berichterstattung, die warnend und völlig sachgerecht ist, bevormundet. Sie haben ihre eigene Wahrheit und da spielen soziale Netzwerke eine große Rolle, wo Lügen und Halbwahrheiten verbreitet werden. Ich bedauere das sehr.

ZEIT ONLINE: Haben einige Menschen zu wenig Angst vor Corona – und wenn ja, warum ist das so?

Bodendieck: Da kennt man eben den einen oder anderen, der Corona hatte, dem es trotzdem gut ging. Anderes wird ausgeblendet. Und dann gibt es auch noch eine gewisse Leugnung. Wir haben erst so einen Fall im Erzgebirge erlebt. Da ist jemand an Corona gestorben, die Bekannten haben für ihn eine Annonce in die Zeitung gesetzt, aber impfen lassen wollen sie sich trotzdem nicht. Das ist natürlich schwer nachzuvollziehen.

ZEIT ONLINE: Was muss passieren, damit die Corona-Lage in Sachsen nicht noch schlimmer wird?

Bodendieck: Das Beste wäre, wenn jetzt alle nach Hause gehen und sich einschließen, Entschuldigung, wenn ich das so sage. Aber die Menschen sollten wirklich erst mal keinen Kontakt zueinander haben und die Ansteckungen durchbrechen. Viele Mediziner und Wissenschaftler, auch ich, haben der Landesregierung empfohlen, dass es mindestens 60 Prozent Kontaktreduktion braucht. Aber die sehe ich, in dem was nun beschlossen wurde, nicht.

ZEIT ONLINE: In Sachsen gibt es seit Montag einen Teil-Lockdown. Einige Maßnahmen betreffen alle, andere gelten nur für Ungeimpfte, zum Beispiel Ausgangsbeschränkungen. Sie denken nicht, dass das reicht?

Bodendieck: Ich hoffe es zwar, aber ich glaube nicht, dass diese Maßnahmen die Welle nachhaltig senken werden. Es hätte nicht nur der Medizin, sondern auch der Wirtschaft nachhaltig besser getan, wenn wir mal zwei, drei Wochen richtig dichtgemacht hätten. Nun haben wir ein Dahinkleckern, ein Hinauszögern des Dramas.

ZEIT ONLINE: Sachsen hat die niedrigste Impfquote, trotzdem gibt es noch immer lange Schlangen bei den Impfaktionen. Warum geht es mit dem Impfen und der Logistik in Sachsen nicht schneller?

Bodendieck: Im Moment kriegen wir das noch nicht gewuppt, die mobilen Teams sind überlastet. Ich sehe nach wie vor die Arztpraxen als wichtigste Säule beim Impfen, aber dort müssen Freiräume geschaffen werden. In den Praxen ist es besser lösbar als in Impfzentren, Termine zu vergeben. Und es impfen ja auch Fachärzte und Betriebsärzte sowie Krankenhäuser mit. Nur: Das Impfen hilft uns nicht, um diese Welle sofort zu brechen. Bei Erstimpfungen haben wir frühestens einen Effekt in ein, zwei Monaten. Das heißt aber nicht, dass wir nicht impfen müssen, weil wir ja so bald wie möglich auch mal raus aus der Pandemie wollen.

ZEIT ONLINE: Einige Ärzte lehnen das Impfen ab. Kennen Sie viele solcher Beispiele?

Bodendieck: Leider finden sich auch in der Ärzteschaft seltsame Ansichten. Ich finde es fatal, wenn Ärztinnen und Ärzte sich nicht an wissenschaftliche Erkenntnisse halten. Es ist auch unsere Verantwortung als Ärztekammer, etwas dagegen zu unternehmen. Wir bieten Schulungen an, geben Impfnewsletter heraus. Wir haben schon mehrmals versucht, gegen Ärzte, die die Wissenschaft leugnen, vorzugehen, aber berufsrechtlich haben wir da nur ein nasses Pappschwert in der Hand. Wir haben einige Ärzte auch angezeigt, aber das ist alles im Sande verlaufen. Wir sind meist machtlos. Nur ein Beispiel: In Ostsachsen gibt es einen Arzt, der hat ohne Maske Patienten getestet, sein Personal auch. Da wurde die Polizei gerufen. Der Arzt hat sich vor den Augen der Polizei ein Attest ausgestellt, dass er keine Maske bräuchte. Das ging dann bis zum Staatsanwalt, aber das und ähnliche Verfahren wurden eingestellt.

ZEIT ONLINE: Medizinisches Personal wird bedroht, auch bei Impfaktionen. Passiert so etwas immer häufiger?

Bodendieck: Solche Fälle nehmen deutlich zu. Mir schreiben Kolleginnen und Kollegen, dass sie beschimpft werden, weil sie impfen, man droht ihnen deshalb mit Anzeigen. Ich höre in Notfallaufnahmen, in Praxen, dass medizinisches Personal sogar aufhört, weil die Bedrohungen und Aggressionen in dem Beruf zu viel werden.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.