Erneut hunderttausende Franzosen gegen Rentenreform auf der Straße

Leerer Bahnsteig in Paris

Im Streit um die Rentenreform in Frankreich haben die Gewerkschaften den Druck auf die Regierung erhöht: Einen Tag vor der Vorstellung der Pläne durch die Regierung am Mittwoch gingen landesweit hunderttausende Menschen gegen befürchtete Einschnitte auf die Straße. Die Teilnehmerzahlen gingen allerdings deutlich zurück. Der sechste Streik-Tag in Folge sorgte zugleich für starke Einschränkungen im Zug- und Flugverkehr.

Landesweit gingen nach Angaben der Gewerkschaft CGT bis 17.00 Uhr rund 885.000 Menschen auf die Straße. Das Innenministerium sprach von 339.000 Protestierenden in ganz Frankreich. Zum Auftakt der Protestwelle am vergangenen Donnerstag waren es nach Regierungsangaben mehr als 800.000 Teilnehmer, laut CGT sogar 1,5 Millionen.

"In Paris sind es diesmal weniger Leute", räumte der Vorsitzende von CGT, Philippe Martinez, bei der zentralen Kundgebung ein. Einer von mehreren Medien in Auftrag gegebenen Zählung zufolge nahmen 27.000 Menschen an der Kundgebung in der der Hauptstadt teil, das Innenministerium sprach von 31.000 Teilnehmern. Die Gewerkschaften CGT und FO nannten eine Teilnehmerzahl von 180.000.

Am vergangenen Donnerstag hatten in der Hauptstadt mindestens 65.000 Menschen demonstriert, die Gewerkschaften zählten sogar 250.000 Teilnehmer.

"Gegen Sozialabbau", skandierten Demonstranten und riefen die Regierung auf, ihre Rentenpläne zurückzuziehen. In der Hafenstadt Marseille gingen ebenso wie in Toulouse nach Behördenangaben rund 12.000 Menschen auf die Straße. Weitere Kundgebungen gab es unter anderem in Lyon, Bordeaux und Nantes.

Reisende und Pendler mussten erneut viel Geduld mitbringen. Laut der staatlichen Bahngesellschaft SNCF verkehrten lediglich 20 Prozent der TGV-Schnellzüge. Die Fluggesellschaft Air France strich ein Viertel ihrer Inlandsflüge und etwa jeden zehnten Mittelstreckenflug.

In Paris blieben neun Metro-Linien geschlossen, auch die meisten Busse und Straßenbahnen verkehrten nicht. Viele Pendler waren wegen der Ausstände bereits zu Wochenbeginn auf Autos und Motorräder umgestiegen und sorgten damit für riesige Staus im Großraum Paris.

Der Streik bei der Pariser Nahverkehrsgesellschaft RATP soll noch bis Mittwoch weitergehen, womöglich gar bis Freitag. "Die Woche ist tot", sagte Gewerkschaftsvertreter Thierry Babec.

Auch viele Lehrer an Grund- und weiterführenden Schulen legten erneut die Arbeit nieder. An den Streiks und Kundgebungen beteiligten sich daneben auch Feuerwehrleute und Mitarbeiter des Energiekonzerns EDF. Auch sieben von acht Raffinerien waren erneut blockiert. Eine Treibstoffkrise droht nach Angaben der Regierung jedoch vorerst nicht.

Premierminister Edouard Philippe will die Rentenreform am Mittwoch im Detail vorstellen. Präsident Emmanuel Macron berief dazu für Dienstagabend eine Sondersitzung mit Kabinettsmitgliedern im Elysée-Palast ein. Macron will die mehr als 40 Rentensysteme vereinheitlichen, Vorrechte für viele Berufsgruppen abschaffen und das Defizit der Rentenkassen abbauen.

Die Gewerkschaften haben bereits eine Fortsetzung der Proteste angekündigt, sollte die Regierung nicht einlenken.