"Die erneuten Kinoschließungen sind eine Katastrophe"

Sven Hauberg
·Lesedauer: 3 Min.

Ab Montag müssen die deutschen Kinos wieder schließen - mindestens bis Ende November. Was das für die Betriebe bedeutet, erklärt Dr. Christian Bräuer vom Branchenverband AG Kino.

Deutschland macht in Teilen erneut dich: Ab Montag, 02.11., müssen erneut Gastronomiebetriebe und Freizeiteinrichtungen schließen. Betroffen sind auch die Kinos, die bereits im Frühjahr wochenlang nicht öffnen durften. "Der Lockdown ist für uns sehr schmerzhaft", sagt Dr. Christian Bräuer. Bräuer ist nicht nur einer der beiden Geschäftsführer der Berliner Kinogruppe Yorck, die zwölf Arthouse-Kinos in der Hauptstadt betreibt, sondern auch Vorstandsvorsitzender der AG Kino. Der Verband mit Sitz in Berlin vertritt die Interessen von bundesweit mehr als 300 unabhängigen Filmkunst- und Programmkinos.

teleschau: Herr Bräuer, wie sehen Sie die erneuten Kinoschließungen?

Christian Bräuer: Der Lockdown ist für uns sehr schmerzhaft. Es ist uns gelungen, ein kulturelles Leben während der Corona-Pandemie sicherzustellen - sowohl hinsichtlich der Sicherheit für Publikum und Beschäftigte als auch trotz des paralysierten internationalen Filmmarkts mit einem wirklich exzellenten Programm. Mit konsequent umgesetzten Hygienekonzepten haben sich die Kinos als besonders sichere Orte bewiesen.

teleschau: Haben die bestehenden Hygienekonzepte wirklich ausgereicht?

Bräuer: Die Räumlichkeiten und der Betriebsablauf von Kinos eignen sich in besonderer Weise, um ausgeklügelte Sicherheitskonzepte umzusetzen. Dies bestätigen Gesundheits- und Ordnungsämter. Und auch das Publikum fühlt sich sehr sicher, wie eine von ComScore durchgeführte Umfrage zeigt und wie wir gerade auf den Social-Media-Seiten der Kinos auch lesen können. Weltweit ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Kino zum Infektionsherd wurde. Und auch wenn wir bei vielen Ansteckungen nicht den Ursprung kennen, wissen wir, wie Übertragungen erfolgen. Und diese Übertragungswege - ob bei Tröpfchen- oder Aerosolinfektionen - passen strukturell nicht zu Kulturorten wie Kinos und Theatern mit ihren Lüftungsanlagen und ausgefeilten Sicherheitskonzepten. Dort gibt es keine überfüllten oder schlecht belüfteten Räume, dort wird zumindest außerhalb der Bühne nicht laut gesprochen oder gesungen.

"Die Kinos liefen den Umständen entsprechend gut"

teleschau: Werden die Kinos die erneuten Schließungen überleben?

Bräuer: Für den ohnehin schon paralysierten Filmmarkt ist dies eine Katastrophe. Von elementarer Bedeutung ist, dass die Kompensationen nun zeitnah erfolgen. Hier muss dringend nachgesteuert werden. Andernfalls ist zu befürchten, dass wie schon im Frühjahr Teile des Mittelstands durch den Rost fallen. Dies würde die gesamte Kinowirtschaft nachhaltig beschädigen.

teleschau: Wie haben die Kinos denn die letzten Wochen erlebt?

Bräuer: In den Arthouse-Kinos hatten wir ein sehr vielfältiges Programm - auch dank der Unterstützung vieler unabhängiger Verleihfirmen, die mit ihren Filmen mit ins Risiko gegangen sind. Das Publikum honoriert dies, die Kinos liefen den Umständen entsprechend gut und waren mit den verringerten Kapazitäten oft ausverkauft.

teleschau: Haben Sie die Hoffnung, dass die Menschen ab Dezember wieder in die Kinos kommen? Oder fehlen dazu starke, gute Filme?

Bräuer: Auch wenn natürlich die Hollywood-Blockbuster fehlen, mangelt es nicht an tollen Filmen. Allerdings an Planbarkeit. Können wir sicher davon ausgehen, dass wir die Türen am 1. Dezember wieder öffnen? Das Herausbringen von Filmen erfordert Planbarkeit, da damit auch große Marketingbudgets einhergehen. Besonders tragisch ist es auch für die Filme im aktuellen Programm, die gut laufen und jetzt abgewürgt werden. Wie die erste Schließung zeigt, ist es kaum möglich, dass diese an ihre Besucherzahlen wieder anknüpfen.