"Es ist erschreckend, wie schnell das wieder passieren könnte"

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In "Eldorado KaDeWe" spielt Valerie Stoll ihre erste Serienhauptrolle. (Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/Dávid Lukács)
In "Eldorado KaDeWe" spielt Valerie Stoll ihre erste Serienhauptrolle. (Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/Dávid Lukács)

Im ARD-Historyformat "Eldorado KaDeWe" spielt sie ihre erste Serienhauptrolle: Valerie Stoll im Interview über ihre junge Karriere in Pandemiezeiten und die Parallelen zwischen den 20er-Jahren und heute.

Nachwuchsschauspielerin? - Eine Beschreibung, mit der Valerie Stoll kein Problem hat. Sie mache den Beruf schließlich erst seit zwei Jahren professionell, so die 22-Jährige, die einen Großteil ihrer Karriere bislang unter Coronabedingungen verbrachte. Immerhin habe sie auch während der Pandemie Glück gehabt: Nach der Romanadaption "Parfum" (2018) und unter anderem einigen Krimi-Auftritten spielt die gebürtige Berlinerin nun zum ersten Mal eine Serienhauptrolle. In Julia von Heinz' ARD-Miniserie "Eldorado KaDeWe" (sechs Episoden, am Montag, 27.12., ab 20.15 Uhr, bereits ab 20.12. in der Mediathek) verkörpert sie eine junge Angestellte des berühmten Berliner Kaufhauses, die in den 20-ern in einen Strudel aus junger Liebe, Emanzipation und autoritärer Bedrohung gerät. Im Interview, dass nicht weit vom echten KaDeWe tatsächlich in persona stattfinden kann, spricht Stoll über die Herausforderungen einer jungen Schauspielerin in schwierigen Zeiten, das aufregende Hauptstadtleben und die Parallelen zwischen historischen und heutigen 20er-Jahren.

teleschau: Sie sind erst 22, waren aber schon in einigen Formaten zu sehen. Interviews haben Sie jedoch noch nicht allzu viele gegeben ...

Valerie Stoll: Ja, ich mache das erste Mal Pressearbeit. Und ich lerne dabei richtig viel dazu. Das ist schon aufregend. Ich werde zum Glück auch an die Hand genommen (lacht). Wenn man einmal drin ist, macht es wirklich Spaß.

teleschau: Meist werden Sie "Nachwuchsschauspielerin" genannt. Finden Sie sich darin wieder?

Stoll: Das trifft es ganz gut. Ich bin ja noch nicht so lang dabei. Seit zwei Jahren bin ich hauptberuflich Schauspielerin. Inzwischen arbeite ich mit einer ganz anderen Disziplin als während der Schulzeit. Damals war alles neu, ich hatte noch nicht so viel Ahnung. Erst jetzt habe ich das Gefühl, richtig verstanden zu haben, was der Beruf bedeutet und was er mit sich bringt. Ich bin gerade in der intensivsten Phase des Wachsens und Lernens.

teleschau: Das heißt aber auch, dass ein Großteil Ihrer Karriere bislang unter Pandemiebedingungen stattfand. Kann das auch frustrieren?

Stoll: Ich hatte viel Glück, was die Pandemie angeht. Das lag vor allem auch an "Eldorado KaDeWe" - der Dreh nahm ja ein ganzes Jahr in Anspruch und das inmitten der Coronapandemie. Es gab sehr strenge Hygienebedingungen - das schränkt zwar ein, ist aber okay. Man kann damit umgehen. Das ist viel, viel besser als nicht zu drehen. Ich bin vor allem sehr dankbar dafür, dass es keine Zwangspause gab.

teleschau: In "Eldorado KaDeWe" spielen Sie Ihre erste Hauptrolle in einer Miniserie. Wie war das im Vergleich zu Ihren bisherigen Figuren und Formaten?

Stoll: Cool ist, dass man richtig viel erzählen kann. Die Dramaturgie ist anders aufgebaut und es gibt mehr Zeit, die Entwicklung einer Figur zu zeigen.

teleschau: Konnten Sie eigene Ideen zur Entwicklung Ihrer Figur Hedi beitragen?

Stoll: Ich glaube, das zeichnet eine gute Zusammenarbeit zwischen Schauspieler und Regisseure aus: Die Rolle wird einem zugemutet, man bereitet sich vor, bringt das mit zum Dreh. Die Vorbereitungszeit mit meinen Kolleginnen und der Regisseurin Julia von Heinz gestaltete sich sehr eng, wir tüftelten viel an den Charakteren. Und dann kann die Regie die Figur ein Stück weit abgeben. Am Ende kannte ich Hedi wohl am besten - weil ich mich sechs Monate lang mit ihr beschäftigt hatte.

teleschau: Was gefiel Ihnen an ihr am besten?

Stoll: Sie besitzt eine gewisse Leichtigkeit - vor allem im Umgang mit den Männern in dieser Zeit. Sie hat einen guten Weg gefunden, sich durchzuschlängeln. Ich beneide sie um ihre Straßenschläue. Sie hat etwas Keckes und Toughes, kann aber in den richtigen Momenten Verantwortung übernehmen. Ich liebe ihre Sinnlichkeit und ihr Gespür für Schönheit. Auf der einen Seite kann sie träumen - aber sie ist dabei nie naiv. Sie kommt aus armen Verhältnissen und kennt die Realität gut, aber sehnt sich nach dem Glanz des "KaDeWe".

teleschau: Sie und Ihre Figur sind beide Berlinerinnen. Half das, sie zu spielen?

Stoll: Ich wurde in Berlin geboren, wohnte aber während meiner Grundschulzeit für sechs Jahre in Spanien, bevor ich wieder zurückkam. Aber klar: Hedi und ich sind ungefähr im selben Alter - viele Grundzüge einer jungen Frau in Berlin ähneln sich. Es gibt ein grundlegendes Verständnis für die Aufregung, die diese Stadt mit sich bringt. Auch dafür, sich mitreißen zu lassen vom Berliner Nachtleben. Und ständig alles neu zu erfahren und zu entdecken.

teleschau: In der Serie entdeckt Ihre Figur irgendwann die Berliner Untergrundlocations ...

Stoll: ... und fühlt sich dort sehr verstanden. Das kann ich als Valerie sehr nachvollziehen. Egal, wie ich mal sein werde - ich würde bestimmt immer in Berlin Anschluss finden.

"Ich hatte viel Glück, was die Pandemie angeht", sagt Valerie Stoll, die in "Eldorado KaDeWe" die Figur der Hedi verkörpert. (Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/Dávid Lukács)
"Ich hatte viel Glück, was die Pandemie angeht", sagt Valerie Stoll, die in "Eldorado KaDeWe" die Figur der Hedi verkörpert. (Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/Dávid Lukács)

"Die Geschichte meiner Figur könnte auch heute so stattfinden"

teleschau: Ähneln sich das Berlin der 20-er und das von heute?

Stoll: Das fragen Sie eine 22-jährige? Die Stadt besaß und besitzt wohl nach wie vor eine unglaubliche Anziehungskraft. Heute ist das natürlich auch im Wandel, gerade aufgrund der Gentrifizierung. In ein paar Jahren wird die Clublandschaft hier sicher nicht mehr dieselbe sein. Ich fand es sehr interessant, dass Berlin in den 20er-Jahren ein großer Sehnsuchtsort für viele homosexuelle Menschen gewesen sein soll. Das ist es aus meiner Erfahrung heute ja noch immer. Damals fand das vielleicht mehr im Untergrund statt.

teleschau: Die Serie erzählt anhand Ihrer Figur auch die Geschichte einer sexuellen Befreiung von damaligen Tabus ...

Stoll: Die Geschichte meiner Figur könnte auch heute so stattfinden. Beziehungsweise findet so statt: In anderen Ländern ist es noch immer keine Selbstverständlichkeit, seine Homosexualität ausleben zu können. Andersdenkende und Andersfühlende werden oft noch immer verfolgt.

teleschau: Auch sonst verweist die Serie auf viele Parallelen zu heute. Lernten Sie, die 20er-Jahre noch einmal von einer anderen Seite zu betrachten?

Stoll: Zum ersten Mal mit den 20er-Jahren in Berührung kommt man ja in der Schule. Dort ging es vor allem darum, wie die Weimarer Republik scheiterte, das fanden viele Schüler öde. Später gab es zahlreiche Filme und Serien, die in der Zeit spielen. Und die Deutschen lieben nun mal historische Formate. Ich auch! (lacht) Da begriff ich erst, dass noch viel mehr dahintersteckt. Dieser Aufbruch, das Neue. Ich fand es spannend zu sehen, wie fortschrittlich die Menschen damals waren. Und wie groß der Rückschritt war, der darauf folgte. Und dieser große Unterschied zwischen Arm und Reich. Es ist erschreckend, wie schnell das wieder passieren könnte.

teleschau: Informierten Sie sich zur Vorbereitung auf den Dreh noch einmal besonders über das Jahrzehnt?

Stoll: Ja, ich las Literatur aus der Zeit und beschäftigte mich vor allem mit der Untergrundszene. Vor allem mit der queeren Community - auch wenn es das Wort damals noch nicht gab. Da lernte ich vieles, das ich vorher nicht wusste.

teleschau: Gab es bestimmte AutorInnen oder Vorbilder aus jener Zeit, die Ihnen mit Blick auf die queere Szene im Gedächtnis geblieben sind?

Stoll: Ein Beispiel wäre Magnus Hirschfeld, der sehr viele wissenschaftliche Texte geschrieben hat. Damit gingen aber auch immer viele persönliche Geschichten einher. Zum Eldorado, das in unserer Serie ja zentral ist, findet sich auf den ersten Blick ziemlich wenig. Schaut man aber genauer, erschließen sich viele spannende Quellen. Dann gibt es natürlich Filme wie "Aimée & Jaguar", die mich sehr inspirierten.

"Hedi und ich sind ungefähr im selben Alter - viele Grundzüge einer jungen Frau in Berlin ähneln sich", sagt Valerie Stoll über ihre Figur. (Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/Dávid Lukács)
"Hedi und ich sind ungefähr im selben Alter - viele Grundzüge einer jungen Frau in Berlin ähneln sich", sagt Valerie Stoll über ihre Figur. (Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/Dávid Lukács)

"Das KaDeWe ist heute ganz anders als damals"

teleschau: Auch in der letzten Zeit beschäftigten sich einige deutsche Produktionen mit den 20-ern. Versuchten Sie Serien wie "Babylon Berlin" auszublenden - oder konnten die auch als eine Art Vorlage dienen?

Stoll: Tatsächlich vermied ich das aktiv. Ich schaute mir "Babylon Berlin" extra nicht an, um mich nicht beeinflussen zu lassen. Das passiert ja, auch wenn man das eigentlich nicht will. Letztlich ist "Eldorado KaDeWe" auch ganz anders geworden: Die Hauptcharaktere sind viel jünger, andere Themen stehen im Zentrum. Es gibt zudem keinen Krimi- und Mordstrang. Außerdem hat unsere Serie optisch und in der Sprache einen Gegenwartsbezug, sodass man manchmal vergisst, dass es eine historische Serie ist.

teleschau: Man sieht bisweilen Szenen aus dem gegenwärtigen Berlin, Autos und Menschen aus dem 21. Jahrhundert, aktuelle Plakate und vieles mehr. Sagte dieses experimentelle Konzept Ihnen zu?

Stoll: Ich fand es super. Man kann einen tollen Bogen zwischen den 20er-Jahren des vergangenen und dieses Jahrhunderts spannen. Viele gesellschaftliche und politische Themen sind immer noch oder wieder präsent - das wird dadurch unterstrichen.

teleschau: Gerade in der Coronakrise werden bisweilen Parallelen zwischen 20er-Jahren und heutiger Zeit gezogen. Oft geht es dabei um den "Tanz auf dem Vulkan". Glauben Sie, dass die Menschen auch nach der Pandemie intensiver leben wollen?

Stoll: Aktuell ist ja eher das Gegenteil der Fall. Aber sollte die Pandemie tatsächlich irgendwann vorüber sein, wird es sicher krass werden. Die Leute sehnen sich danach. Das sah man schon im Sommer - die Straßen waren voll, die Schlangen so lang.

teleschau: Was verbanden Sie mit dem Kaufhaus KaDeWe, bevor Sie von dem Serienprojekt hörten?

Stoll: Ich war zuvor noch nie im KaDeWe gewesen. Das hatte sich nie ergeben. Wenn man ohnehin schon in Berlin wohnt, ist das einfach da. Es ist ein größeres Ding, wenn man etwa als Tourist vorbeikommt. Zur Vorbereitung auf die Serie hab ich das KaDeWe aber besucht.

teleschau: Welchen Eindruck hatten Sie?

Stoll: Ich fand es schön. Ich konnte nachvollziehen, wie erstaunt meine Figur über den ganzen Luxus und die Schönheit ist. Wenn man reinkommt, ist plötzlich alles so groß und schick. Allerdings komme ich nicht aus denselben Verhältnissen wie Hedi, weshalb der Kontrast nicht so stark ist. Außerdem muss man sagen: Das KaDeWe ist heute ganz anders als damals.

"Ich liebe ihre Sinnlichkeit und ihr Gespür für Schönheit", sagt Valerie Stoll (rechts) über ihre Figur Hedi, die sich in "Eldorado KaDeWe" in Fritzi (Lia von Blarer) verliebt. (Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/Dávid Lukács)
"Ich liebe ihre Sinnlichkeit und ihr Gespür für Schönheit", sagt Valerie Stoll (rechts) über ihre Figur Hedi, die sich in "Eldorado KaDeWe" in Fritzi (Lia von Blarer) verliebt. (Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/Dávid Lukács)
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