Erstaunliches Buch: Halbschwester von Zuhälter Abels Män veröffentlicht Biographie

„Wer hat schon einen Zuhälter als Bruder?“ ist der Titel von Dagmar Kobers Buch.

„Wer hat schon einen Zuhälter als Bruder?“ Der Titel ist nicht schlecht. Die Autorin Dagmar Kober war auf ihren Halbbruder, Abels Män, der in den 1970er Jahren als schönster Lude von Köln galt, schon auch immer ein bisschen stolz.

Für sie, die von der angetrunkenen Mutter ständig hörte, dass sie blöd und hässlich sei und besser nie geboren worden wäre, war Män ein „Held in goldener Rüstung“, der die triste elterliche Wohnung bei Besuchen für ein paar Minuten glänzen ließ. „Män hat meiner Mutter öfter mal mit einem Bündel Geldscheine vor der Nase rumgewedelt und gesagt: Die hättest du wohl auch gern, was?“, erinnert sich Kober.

Ihre Biografie hätte auch „Tabula rasa“ heißen können, „Nicht geliebt, nur geduldet“, „Kaltstart“, „Wenn der Schmerz dich beugt“ oder „Eisblumen am Fenster“. Mehr als 200 Titel haben Dagmar Kober und ihr Mann Kurt auf Zettel notiert und mit einem Gummibändchen verschnürt. Der Zettelstapel liegt auf ihrem Schreibtisch im Wohnzimmer der kleinen Dachgeschosswohnung in Vingst neben einem Synonymwörterbuch mit 15000 Begriffen, das mit Textmarkern und schriftlichen Anmerkungen durchgearbeitet ist wie eine Doktorarbeit.

Mit 16 schwanger werden war ihr Plan

Dagmar Kober hat die Volksschule nach acht Jahren verlassen. Mit 16 ist sie schwanger geworden – „das war unser geheimer Plan“, sagt Kurt Kober, der seine Frau bei deren erstem Zeitungsinterview anguckt wie ein verliebter Junge. Dagmar hielt es zu Hause in Humboldt nicht mehr aus. Eine Schwangerschaft schien ihr und ihrem jungen Freund die einzige Möglichkeit, der „Antimutter“ zu entkommen.

Jetzt hat Dagmar Kober ihren geheimen Plan umgesetzt, ein Buch über ihr Leben zu veröffentlichen. Es sei wie eine Therapie gewesen, sagt die 62-Jährige. „Immer wenn es brenzlig wurde in meinem Leben, bin ich weggelaufen. Zig Jobs habe ich gekündigt, wenn ich mich nicht anerkannt fühlte. Ich wollte immer weg.“ Als der Verlag ihr mitteilte, dass sie aus ihrer Biografie womöglich auch lesen müsse, zog sie das Skript zurück. „Das war unvorstellbar.“ Nach langen Gesprächen mit Kurt fragte sie den Verlag ein halbes Jahr später, ob noch Interesse bestehe. Jetzt übt sie betontes Lesen.

Der Reichtum des Halbbruders Män wurde nie hinterfragt

Wer ein Buch über das wilde Leben mit ihrem Halbbruder Män erwartet, der im Sommer 2011 einsam und aufgedunsen in einer Kalker Sozialwohnung starb, wird enttäuscht. Män, der eigentlich Gottfried Abel hieß, mit Gott aber nichts am Hut hatte und vorgab, „Män“ komme von Manfred, schillert nur ab und zu auf: Als Prahlhans im Schlangenlederanzug, der seine Schwester eine Runde in seinem Mercedes 350 SL drehen ließ, der Familie aber nie Geld gab; und nie erzählte, was ihn bewegte. Män, erzählt Kober beiläufig, war sein Spitzname, weil er bei der Geburt winzig klein war. Er wurde 1,95 Meter groß, ließ viele Frauen für sich anschaffen, kaufte die Corvette von Fußball-Star Bernd Schuster und hatte vorgeblich zwischenzeitlich mehr als eine Million Mark in seinem Tresor. Aus der Sicht der Mutter hatte er es geschafft. Wie, wurde nicht hinterfragt. Die angeblich so blöde Tochter hinterfragte dagegen alles.

Dagmar Kober sagt, sie habe nie auf Machos gestanden. „Angeber kann ich nicht ertragen.“ Sie meint damit nicht Män, der sei zu Hause anders gewesen. „Ich habe in einer Disko auf der Kalker Hauptstraße mal eine Schlägerei mit Schäfers Nas und Dummse Tün erlebt, seitdem war mir klar: Gorillas stoßen mich ab, ich stehe eher auf Softies, die wissen, was sie wollen, aber nicht damit protzen müssen.“ Sie steht seit 45 Jahren auf ihren Kurt. Ihre Biografie ist kein Buch über Män und keins über Onkel Peter, der der Jungfrau Maria im Dom die Krone stahl und in der Kneipe sogleich gegen Kölsch eintauschen wollte. Es ist ein Buch über ihr Leben mit Kurt, über eine Liebe, die immer größer war als jeder Hass und jedes Schuldenloch und jede Demütigung.

„Die Liebe hat gefehlt und die Anerkennung“

Ihre Eltern hassten Kurt, weil der aus noch kleineren Verhältnissen stammte – aus der Würzburger Straße. „Meine Mutter hielt ihn für Abschaum“, erinnert sich Dagmar Kober. Kurt lebte mit seiner Familie in einem Haus „voller Loser, Säufer, Diebe, Frauenschläger“. In dem „Asibau“ seien Pornos gedreht worden, die Jugendlichen hätten auf einer versifften Matratze im Stundentakt Sex gehabt – „ein probates Mittel, um sozialen Druck zu entschärfen“. Kurt fand interessant, was dort ablief, war aber anders – genau wie Dagmar, die nicht so viele Jungs anzog wie ihre ältere Schwester Brigitte.

In dem Buch beschreibt sie die Schattenseiten ihres Halbbruders, sieht in ihm aber auch einen „Dienstleister“: „Ohne die Frauen, die diesen Job machen, gäbe es viel mehr häusliche Gewalt, das ist völlig klar.“ Sie selbst sei nie geschlagen worden, sagt Kober, sie habe im Rückblick deswegen „keine schlechte Kindheit“ gehabt. „Nur die Liebe hat gefehlt und die Anerkennung.“ Sie hat mit Kurt drei Kinder bekommen, die alle heute eine gute Ausbildung haben, und sehr viel gearbeitet. Als Botin und Raumpflegerin, Hot-Dog-Verkäuferin, Reinigungsangestellte und, und, und. Über Jahre hat sie allein verdient, weil Kurt an Depressionen litt und manchmal im Winter barfuß durch Vingst wandelte. Wenn jemand fragte, warum ihr Mann sie mittags zur Arbeit fahre, sagte sie: „Der ist Bäcker.“

Seit vielen Jahren hat Dagmar Kober einen 450-Euro-Job bei Leckerland. Kurt bekommt 630 Euro Rente, den Rest zur Grundsicherung in Höhe von 1300 Euro stockt die Arge auf. In der Küche hängt ein Essensplan, dazu eine Liste, was bei Aldi und Lidl eingekauft wird. Wenn ein Bleistift zerbricht, kauft Dagmar Kober einen neuen im Ein-Euro-Shop. Sie will weg von Hartz IV, „das ist ein Stigma“, sagt sie, „aber es ist gut, dass es den Sozialstaat gibt, ich hatte mit den Sachbearbeitern auch nie Probleme“. An Theater oder Kino, sagt sie, „ist nicht zu denken“.

Kurt und Dagmar lernen Englisch und immer neue deutsche Wörter

An eine Biografie schon. Mehr als sechs Jahre hat sie daran gearbeitet. Sie habe einfach mal 100 Seiten zum Emons-Verlag geschickt, sagt sie. „Ich war total überrascht, dass die mehr haben wollten. Sogar der Herr Emons wollte mich treffen.“ Kurt und Dagmar Kober sagen, sie seien „verrückt nach Bildung“. Sie lesen Biografien, lernen Englisch und immer neue deutsche Wörter. „Sprache ist ein Wunder, wir reden über alles“, sagt Kurt. „Über alles, was unsere Eltern verschwiegen haben“, sagt Dagmar.

Das Mädchen, das ihre Eltern für dumm erklärten und keinen Schulabschluss schaffte, kann sehr gut schreiben, voller Witz und seltener Wörter. Sie wurde nicht geliebt und fand Liebe. Sie hat es allen gezeigt. Sie weiß nicht, wie ihre Verwandten reagieren werden, keiner weiß von dem Buch, sie ist gespannt, aber ruhig. Sie wird die Reaktionen verschmerzen, denn sie hat ihren Kurt, ihre Kinder und Enkelkinder. Sie hat eine viel schönere Geschichte als Abels Män. Sie bräuchte auch seinen Namen nicht, um Bücher zu verkaufen, denn „materiell hat uns nie was gefehlt“, sagt sie. Aber weg von Hartz IV, als Schriftstellerin, „da würde ich nicht Nein sagen“.

Dagmar Kober: Wer hat schon einen Zuhälter als Bruder? Emons-Verlag, 392 Seiten, 19,80 Euro....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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