AfD-Parteitag: So lief der Demonstrations-Tag ab – größter Einsatz der Kölner Polizei

Köln hat einen Tag im Ausnahmezustand ohne größere Zwischenfälle überstanden.

Köln hat einen Tag im Ausnahmezustand ohne größere Zwischenfälle hinter sich gebracht. Die Nacht von Freitag auf Samstag war ruhig geblieben, entgegen der Befürchtungen der Polizei war es zu keinerlei Vorfällen mit gewaltbereiten Demonstranten gekommen. Am frühen Morgen brannte dann ein Auto in der Innenstadt, die Täter flüchteten.

Einen Bezug zu den geplanten Protesten gegen die Alternative für Deutschland (AfD) konnte die Polizei am Abend nicht bestätigen. Die Ermittlungen würden noch laufen, so eine Sprecherin. Die Polizei sicherte den AfD-Parteitag und die Demonstrationen mit rund 4000 Einsatzkräften ab. Für die Kölner Polizei war das der größte Einsatz in ihrer Geschichte.

Fünf Sternmärsche zum Heumarkt

Um 7 Uhr wurde der Demonstrationstag von fünf Sternmärschen zum Heumarkt eingeleitet. An den Startpunkten, darunter der Chlodwigplatz in der Südstadt und der Ottoplatz in Deutz, versammelten sich je mehrere Hundert Teilnehmer, darunter viele Antifa-Anhänger. Schon seit Wochen hatten die Veranstalter ein Ziel ausgegeben: die Blockade des AfD-Parteitags.

Bei mehreren Sternmärschen brachen zahlreiche Protestler dann auch aus der Menge aus, wichen von der vorher festgelegten Route ab und besetzten mehrere Straßen, etwa die Rheinuferstraße in Höhe des Schokoladenmuseums oder einen Zugangsweg zur Deutzer Brücke. Die meisten Verkehrswege waren allerdings als Vorsichtsmaßnahme der Polizei eh schon gesperrt worden, den Anreiseverkehr der AfD-Delegierten störten die Blockierer daher kaum.

Am Schokoladenmuseum zündeten die Linksautonome vereinzelt Rauchbomben, zu Gewalt kam es hier nicht. Die Versuche, Steine aus dem Garten einer nahe gelegenen Kirche zu sammeln, unterbunden die Beamten sofort energisch.

Auf dem Heumarkt standen zunächst nur ein paar Hundert Demonstranten. Um kurz nach 8 Uhr begann die Akkreditierung für Delegierte und Medienvertreter beim AfD-Parteitag. Jeder Journalist musste durch einen Bodyscan und eine Taschenkontrolle.

An den Zufahrtswegen zum Maritim kam es zu weiteren Blockaden durch Demonstranten, etwa mithilfe zahlreicher Fahrräder. Immer wenn ein AfD-Delegierter durch die Menschenmassen wollte, wurde es unruhig. Unter Polizeischutz und aggressiven Beschimpfungen der Umstehenden kamen die AfD-Mitglieder schlussendlich stets durch. In der Gürzenichstraße verfolgten linke Demonstranten immer wieder Personen auf dem Weg zum Parteitag.

Außer kleinerer Rangeleien, Laufspielen zwischen Demonstranten und Polizisten sowie aufgeregtem Geschrei passierte hier nichts weiter. An der Markmannsgasse griff ein Vermummter einen AfD-Delegierten an und schlug mit einer Holzlatte zu. Ein Polizist wurde verletzt, als er dazwischen ging. Der AfD-Delegierte blieb unverletzt, der Täter entkam.

Bei einer Menschenkette der feministischen Initiative „Frauen in Bunt“ an einigen der Absperrungen rund um das Maritim-Hotel beteiligten sich gegen 10.20 Uhr rund 200 Frauen. Unterdessen versammelten sich am Chlodwigplatz mehrere Hundert Menschen, um unter dem Motto „Bunt statt bla“ mit viel Farbe und Musik zum Heumarkt zu ziehen.

Musiker, Künstler und Gastronomen aus der Südstadt hatten zur Teilnahme aufgerufen. Vielen Teilnehmer trugen bunte Luftballons, die Polizei sprach von einer überaus friedlichen Veranstaltung. Während des Marschs wuchs die Menge immer weiter. Am Ende waren es rund 3000 Personen, die Veranstalter sprachen sogar von rund 7500.

Zug durch die Kölner Innenstadt

Am frühen Mittag zogen mehrere Tausend Demonstranten von „Köln gegen Rechts“ dann durch die Innenstadt. Verschiedene Demonstrationszüge schlossen sich nach und nach an, darunter auch von Linksautonomen, die zuvor Blockaden errichtet hatten. Die Veranstalter sprachen von 20.000 Teilnehmern, anderen Schätzungen zufolge handelte es sich um 10.000 bis 15.000 Demonstranten.

Vereinzelt kam es zu kleineren Scharmützeln zwischen Autonomen und Polizisten, insgesamt blieb es aber friedlich. Einige der eher „bunten“ Demonstranten kritisierten lauthals den schwarzen Block aus Autonomen, bezeichneten deren aggressives Auftreten als „Gewalt“ und „Machogehabe“. Am Rande des Demonstrationszugs kam es zu zwei kleineren Zwischenfällen, als jeweils eine Scheibe einer Bank in der Komödienstraße und die eines Schnellrestaurants am Dom mit einem Stein eingeworfen wurden.

Henriette Reker will sich „Mund nicht verbieten lassen"

Nach der Kundgebung von „Köln gegen Rechts“ richtete sich „Köln stellt sich quer“ mit rund 15.000 Demonstranten auf dem Heumarkt ein. Zahlreiche Künstler und Musiker hielten Reden oder machten Musik. Neben Pfarrer Franz Meurer sprachen auch Politiker wie NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), die Spitzenkandidatin der Linken in NRW, Özlem Demirel, Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) oder Cem Özdemir (Grüne).

„Erst gehen die Parolen spazieren, und dann die Messer“, sagte Henriette Reker in ihrer Rede, die 2015 kurz vor ihrer Wahl zur Oberbürgermeisterin Opfer eines Anschlags geworden war. Die Politikerin sagte, sie lasse sich nicht den Mund verbieten. Reker: „Ich bin stolz auf diese Stadt: Wir heißen die Menschen willkommen, die bei uns Schutz suchen.“ Im Anschluss an die Kundgebung zogen Zehntausende Menschen bei einer Musikdemonstration unter dem Motto „Tanz die AfD“ durch die Stadt.

Mehrere Tausend Menschen besuchten ab dem frühen Nachmittag auch die Protestveranstaltung des Festkomitee Kölner Karneval im Grüngürtel an der Aachener Straße. Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn sagte in einem Grußwort: „Wer menschenfeindlich ist, hat in dieser Stadt nichts verloren. Köln ist bunt und friedlich. Mir all sin Kölle.“

Nach einem kurzzeitigen Stromausfall sangen kölsche Bands wie die Höhner, Brings, Kasalla, die Bläck Fööss und die Paveier die Fööss-Klassiker „Stammbaum“ und „En unsrem Veedel“ mit dem Publikum. Kasalla-Frontmann Bastian Campmann sagte: „Heute stehen wir hier nicht als Künstler, sondern als freie Bürger dieser freien Stadt, um unsere demokratischen Rechte zu verteidigen. Die Zeit des Schweigens ist vorbei.“

An mehreren Orten Pfefferspray eingesetzt

Polizeipräsident Jürgen Mathies war zufrieden mit dem Verlauf der unterschiedlichen Demonstration: „Unsere Lageeinschätzung war gut und es war richtig, schon früh Grenzen aufzuziehen und Sperrungen durchzusetzen. Das hat zur Deeskalation beigetragen.“ Bisher sei es weitgehend ruhig geblieben, abschließend sei das aber erst am Sonntag zu beurteilen.

Die Polizei zog immerhin ein vorläufiges Fazit: Außer dem Polizisten, der durch einen Schlag mit einer Holzlatte von einem Demonstranten verletzt worden war, gab es nur einen weiteren verletzten Beamten. Dieser hatte sich bei einer Rangelei mit Demonstranten verletzt, als diese eine Sperrstelle am Ottoplatz in Deutz durchbrechen wollten. Beide Beamten wurden nach ambulanter Behandlung wieder entlassen.

An mehreren Orten setzten Polizisten im Laufe des Tages Pfefferspray ein, vereinzelt seien von Demonstranten bengalische Feuer gezündet worden. Zwei Personen hatten zudem offenbar versucht, zwei Fahrzeuge der Polizei anzuzünden. Eine Polizeisprecherin sagte, es seien Sachbeschädigungen gefunden worden, die darauf hindeuteten, dass Feuer gelegt werden sollten. Derzeit würde noch ermittelt. „Insgesamt ist es sehr viel ruhiger geblieben, als es zu befürchten war“, sagte Polizeisprecher Christoph Gilles am Nachmittag.

Abseits der Proteste ähnelte die Altstadt an manchen Orten einer Geisterstadt.

Unmut unter Kölner Einzelhändlern

Das Rheinufer, der Rheinufertunnel und weitere Teile der Altstadt waren abgeriegelt worden, nur Anwohner und Journalisten durften den Bereich betreten. Unter den Gewerbetreibenden in der Innenstadt herrschte indes Unmut über „Panikmache” und „übertriebene Sicherheitsvorkehrungen” im Vorfeld.

Zwischen Rudolplatz und Ehrenstraße etwa waren viele Geschäfte geschlossen. Hinter den wenigen geöffneten Ladentüren herrscht meist gähnende Leere – ob Edelboutique, Schuhgeschäft oder Feinkostrestaurant.

„Samstag ist der wichtigste Tag in der Woche für mich, meine Stammkunden sind aus Angst alle nicht erschienen“, sagte Gastronom Mario De Petris vor seinem Lokal an der Breite Straße. Er nimmt es aber gelassen und sagt: „Immerhin konnte man sich rechtzeitig darauf einstellen.“ Wie er entschieden sich heute viele Gewerbetreibende spontan, ob sie schließen oder weiter auf Kundschaft warten wollten. Die wenigen Bummler genossen den Tag: „Herrlich entspannt heute, man hört nur ab und zu den Helikopter in der Entfernung“, sagte eine Einkäuferin im Vorbeigehen.

Brautpaare mit Polizeibegleitung

Trotz des Ausnahmezustands ließen es sich mehrere Brautpaare nicht nehmen, in der Altstadt zu heiraten. Vom Kolpingplatz über die Minoritenstraße begleitete die Polizei Brautpaare, die im Rathaus heiraten wollten. Von ihren Motorrädern aus achteten die Beamten darauf, dass die Paare unbeeinträchtigt von möglichen Auswirkungen der Demonstrationen das Standesamt erreichten. Eines der insgesamt 14 Paare, die sich heute in der Innenstadt das Ja-Wort gaben, sind Chris und Anna Frey.

„Uns war schon erst etwas mulmig zumute, aber dann hat ja alles toll geklappt“, sagte der glückliche Bräutigam. „Die Polizei hat das super gemacht, die feierliche Stimmung wurde durch die Anwesenheit der Beamten nicht gestört,“ fügte die Braut hinzu. Nachdem das Paar um 10.40 Uhr getraut wurde, konnte die Gesellschaft vor dem historischen Gebäude noch einen Sekt einschenken, dann mussten sie den Hof langsam räumen – der nächste Hochzeitskonvoi mit Polizeieskorte näherte sich dem Rathaus.

Über die Demonstrationen und Ereignisse im Zuge des AfD-Parteitages in Köln berichteten Hendrik Geisler, Alexander Holecek, Andreas Damm, Anna Hörter, Christian Hümmeler, Kordula Doerfler, Philipp Meckert, Arton Krasniqi, Ingo Hinz, Oliver Meier, Tim Stinauer, Matthias Meurer, Adnan Akyüz, Patrick Fouad, Ulrich Kreikebaum, Robert Baumanns, Matthias Heinekamp....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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