"Es wird ein langer und bitterer Bürgerkrieg in Syrien"

München (dapd). Der blutige Konflikt in Syrien dauert nun schon fast zwei Jahre. Etwa 60.000 Menschen sind offiziellen Schätzungen zufolge bereits ums Leben gekommen. Doch beschränkt sich die internationale Gemeinschaft beim Sturz des Assad-Regimes mehr oder weniger auf Lippenbekenntnisse. Oppositionsführer Moaz al-Khatib reicht es. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz ruft er zum Eingreifen auf.

Syrien ist ohne Zweifel der "Dauerbrenner" auf der Konferenz, zu der 90 hochrangige Delegationen angereist sind. Hinter den Kulissen wird in München fieberhaft nach einem Ausweg gesucht: Denn militärisch kann Präsident Baschar al Assad den Bürgerkrieg kaum gewinnen. Nur ist diese Opposition (noch) nicht wirklich eine Alternative. Würde eine militärische Unterstützung des Auslands helfen? Zweifel sind angebracht.

Unwissen im Westen und Angst vor Instabilität

Eine bittere Einschätzung legt Verteidigungsminister Thomas de Maizière vor. "Ich bin da völlig illusionslos", sagt der CDU-Politiker am Rande der Konferenz - und meint nicht nur die militärischen Schwierigkeiten, auf die ausländische Streitkräfte in dem ethnischen Flickenteppich stoßen würden. Vielmehr geht es darum, wen genau man eigentlich stützen sollte. Wen verkörpert die Opposition und wie stark ist sie wirklich? Und was bringt es?

Eines hat der Arabische Frühling den Westen gelehrt: Ein Umsturz birgt nicht nur Chancen, sonder auch die Gefahr der politischen Instabilität - ein Blick nach Ägypten genügt. Also steht die große Frage, inwieweit Assad so geschwächt ist, dass das Regime absehbar zusammenbrechen wird. Abgesehen davon, dass Russland bislang trotz aller Hoffnungen des Westens nicht bereit ist, die schützende Hand über seinem Verbündeten wegzuziehen.

"Ich weiß nicht, wie einflussreich die Oppositionsvertreter im eigenen Land sind", sagt der deutsche Verteidigungsminister und fügt hinzu, dass in der Regel der Einfluss jener größer ist, die kämpfen, als jener, die im Ausland unterwegs sind. Das hat de Maizière wohl der Fall Afghanistan gelehrt. Deren ausländische Oppositionsgruppen verschwanden sehr schnell von der politischen Bühne, übrig blieb die kämpfende Nordallianz. Und dass die damals geschlagenen Taliban später nicht in den Friedensprozess einbezogen wurden, erweist sich heute als ein strategischer Fehler.

Syrische Opposition auf Werbetour

Derweil wirbt Moaz al-Khatib in München um Verständnis und versucht in vielen Hintergrundrunden, internationale Bedenken zu zerstreuen. Natürlich sei die große Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte zu Verhandlungen mit Assad bereit, versichert er. Immer wieder. Doch wie ernst ist es ihm, wenn er als Vorbedingung die Entlassung 100.000 Gefangenen stellt?

Zudem wird klar: Auch die nächste Forderung hat der Oppositionsführer schon im Gepäck. Sollte Assad nicht zu Gesprächen bereit sein - und danach sieht es überhaupt nicht aus, dann müsse die Internationale Gemeinschaft eingreifen. Militärisch! Zunächst mit elektronischen Kampfmitteln, um die Kampfjets der Führung in Damaskus am Einsatz zu hindern, später auch mit direkter Unterstützung der Rebellen. Das geht selbst manchem Syrer zu weit.

Ein neuer Einsatz größer als Afghanistan?

Wieder ist es de Maizière, der zur Ruhe mahnt. "Es würde 100.000 bis 200.000 Soldaten brauchen, um seriöserweise einen Erfolg zu haben", rechnet er vor. Das wären in der Spitze mehr, als die NATO und ihre Verbündeten je nach Afghanistan geschickt haben. Am Hindukusch hat das westliche Verteidigungsbündnis in mehr als zehn Jahren Einsatz zudem lernen müssen, dass eine Militärmission nicht ohne Konzept und erst recht nicht ohne eine Vorstellung darüber begonnen werden sollte, "wie man wieder raus kommt".

Ein Kampfeinsatz von Bodentruppen in Syrien ist deshalb trotz intensiven Werbens von Al-Khatib wenig wahrscheinlich. Interessenabwägung nennt das die NATO. Und de Maizière stößt bei vielen europäischen Staaten auf Verständnis, wenn er sagt: "Es kann nicht sein, dass allein die Intensität der Fernsehbilder darüber entscheidet, ob man eingreift." Fast fatalistisch fügt er hinzu: "Ich glaube, es wird noch lange ein bitterer Bürgerkrieg bleiben und unsere Einflussmöglichkeiten sind begrenzter, als viele denken."

dapd

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