«Essenz von Japan» - Ausstellung zur Teezeremonie

Die Japanerin Fuki Wanibe führt eine traditionellen Teezeremonie in Tokio vor. Foto: Lars Nicolaysen

Mit vollendeter Anmut schöpft Fuki Wanibe heißes Wasser aus einem schwarzen Kessel. Den Oberkörper aufrecht und doch unverkrampft, sitzt die Japanerin in ihrem Kimono vor dem Museumsbesucher, ihren Blick auf eine erlesene Teeschale gerichtet, in die sie nun sanft das heiße Wasser füllt.

«Bitte, genießen Sie, es ist nicht so bitter», sagt sie lächelnd.

Was Wanibe hier im altehrwürdigen Tokyo National Museum zelebriert, ist Teil einer aufsehenerregenden Sonderausstellung zur Kunst der Teezeremonie, wie es sie seit rund 40 Jahren nicht mehr in Japans Hauptstadt gegeben hat. «Chanoyu», zu deutsch: heißes Wasser für Tee, heißt die Schau, deren Untertitel «The Arts of Tea Ceremony, The Essence of Japan» (deutsch: Die Kunst der Teezeremonie, die Essenz von Japan) lautet. In den hohen Gemäuern sind nicht nur kostbare Teeschalen zu sehen, sondern auch andere erlesene Utensilien, die bei einer traditionellen Teezeremonie verwendet werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Kunst der Teezeremonie von der Muromachi-Zeit (etwa 1336-1573) bis zur Moderne.

Die Teezeremonie gehört zu Japan wie Sumo oder Sushi. Dabei ist das Erlernen dieser Kunst heutzutage längst nicht mehr so verbreitet wie früher - ein Schicksal, das die Teezeremonie mit anderen traditionellen Künsten Japans teilt: das Weben von Kimonos, das Herstellen von Lackwaren oder die Töpferei. Nicht zuletzt in Folge der Überalterung der Gesellschaft kam es auch im Kunsthandwerk zu Nachwuchsmangel. Doch in jüngster Zeit nehme das Interesse unter jungen Japanern an der traditionellen Kultur des Landes wieder zu, sagt Keiko Mikasa, Kuratorin am Tokyo National Museum.

«Im Vergleich zu früheren Jahren gibt es viele junge Menschen, die wieder Interesse an der Teezeremonie haben und das auch praktizieren wollen», sagt Mikasa. Geschürt wird dies durch die Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe. Durch Förderung von Patriotismus an Schulen und die aktive Rückbesinnung auf traditionelle Werte und Kultur - dazu zählt auch die Teezeremonie - will Abe das heutige Japan in ein «schönes Land» verwandeln. Die Kunst der rituellen Teezubereitung werde wieder an Schulen gelehrt, so Mikasa.

Das gestiegene Interesse mache sich bereits wenige Tage nach Eröffnung der bis zum 4. Juni laufenden Ausstellung bemerkbar. Auch Wanibe und ihre Teezeremonie-Kolleginnen freuen sich über die vielen Besucher. Dabei steht nicht nur der Genuss des Tees im Vordergrund. Die Kunstform «Chanoyu» ist vielmehr ein Erkenntnisweg. Der Mensch soll sich innerlich sammeln und mit reiner Seele zu einem harmonischen Verhältnis mit der Natur und dem Kosmos gelangen.

Der Teekult war ursprünglich mit dem Buddhismus nach Japan gelangt, wo er lange Sache der Mönche und Aristokraten war. Als der Zen-Mönch Yosai im 12. Jahrhundert in China den Brauch kennenlernte, schaumig geschlagenen Pulvertee zu trinken, fand Tee allmählich auch im Volk Verbreitung. Ein eigener Stil für Teezusammenkünfte entwickelte sich. Unter dem Teemeister Sen-no-Rikyu wurde er zu einer Kunstform perfektioniert, die bis heute «Chanoyu» genannt wird.

Zu den Ausstellungsobjekten in Tokio gehören Teeschalen, an denen das für die Teekunst zentrale ästhetische Ideal des «wabi» sichtbar wird, auf das der Zen-Buddhismus starken Einfluss hatte. Die «wabi»-Ästhetik zeichnet sich durch Unvollkommenheit, Schlichtheit und Natürlichkeit aus. Mit seiner Ästhetik hat der Teeweg auch andere Kunstbereiche wie die Architektur und die Gartenkunst entscheidend beeinflusst. Eine Ästethik, die junge japanische Künstler für sich nutzen.

So kommen in Japans modernem Alltag Schlichtheit und Funktionalität im Design von Möbeln oder auch in der Mode zum Ausdruck. Dieses immer währende Fortführen uralter Traditionen mache die «Essenz von Japan» letztlich mit aus, sagt die Kuratorin Mikasa.

Webseite zur Sonderausstellung

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