EU-Behörde sieht derzeit keine Notwendigkeit für allgemeine Corona-Drittimpfungen

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Spritzen mit Corona-Impfstoff (AFP/JOSEPH PREZIOSO)

Die Krankheitsbekämpfungsbehörde der EU sieht für die allgemeine Bevölkerung derzeit "keine dringende Notwendigkeit" einer Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus. In einem am Mittwochabend veröffentlichten Vermerk empfiehlt das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) solche zusätzlichen Dosen allerdings für Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Frankreich begann bereits am Mittwoch mit Auffrischungsimpfungen für alte und schwer kranke Risikopatienten.

"Nach derzeitigem Kenntnisstand besteht keine dringende Notwendigkeit, Auffrischungsdosen an vollständig geimpfte Personen in der Allgemeinbevölkerung zu verabreichen", erklärte das ECDC. "Die Priorität sollte darin bestehen, die in Frage kommenden Personen zu impfen, die ihre Impfung noch nicht abgeschlossen haben".

Für Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem sollten jedoch zusätzliche Dosen in Betracht gezogen werden, wenn sie keinen ausreichenden Impfschutz erreichen, fügte die in Stockholm ansässige Agentur hinzu.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte die reichen Länder im August aufgefordert, auf Auffrischungsimpfungen zu verzichten, solange viele Millionen Menschen in armen Länder noch auf ihre erste Impfdosis warten. WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan sagte, Länder wie die USA, die bereits mit Auffrischungsimpfungen begonnen haben, teilten "zusätzliche Rettungswesten an Menschen" aus, "die schon Rettungswesten haben, während wir andere Menschen ertrinken lassen".

Die Europäische Union wies die WHO-Kritik am Mittwoch zurück. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton sagte , die EU benötige für mögliche Auffrischungsimpfungen geschätzt 300 bis 350 Millionen Impfdosen - so viel Corona-Impfstoff werde in der EU in einem Monat produziert.

"Ich verstehe die Botschaft, aber die Zahlen geben das nicht her", sagte Breton, der für den Ausbau der Produktionskapazitäten in der EU zuständig ist. Zusammengenommen produzierten die EU und die USA 500 bis 600 Impfdosen pro Monat. Die EU exportiere zudem hunderte Millionen Impfdosen in bedürftige Länder.

Auffrischungsimpfungen werden in vielen Ländern als Reaktion auf die wegen der ansteckenderen Delta-Variante stark ansteigenden Infektionszahlen diskutiert. Es besteht die Sorge, dass der bestehende Impfschutz nicht reicht, um besonders gefährdete Menschen auch in den kommenden Monaten zu schützen.

Frankreich hat am Mittwoch eine Kampagne für Auffrischungsimpfungen für besonders gefährdete Menschen gestartet. Sie zielt auf Menschen über 80 Jahre, immungeschwächte Patienten und andere Menschen mit einem sehr hohen Risiko wie beispielsweise Krebs- oder Dialysepatienten ab. In den kommenden Wochen soll die Kampagne auf alle Menschen über 65 Jahre sowie auf Menschen mit besonderen Risikofaktoren wie beispielsweise Fettleibigkeit oder Diabetes ausgedehnt werden.

Auch Großbritannien will "so bald wie möglich" mit Auffrischungsimpfungen für rund eine halbe Million Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem starten, wie Gesundheitsminister Sajid Javid am Mittwoch ankündigte.

Die WHO hat das Ziel formuliert, dass jedes Land der Welt bis Ende September mindestens zehn Prozent seiner Bevölkerung geimpft haben soll. Bis Ende des Jahres sollen es 40 Prozent sein und 70 Prozent bis Mitte 2022. Davon sind viele Länder noch sehr weit entfernt.

Spanien, einer der Vorreiter in Sachen Impfung in Europa, hat das Ziel von 70 Prozent Impfquote hingegen bereits erreicht, wie Regierungschef Pedro Sánchez am Mittwoch verkündete.

Vor dem Auftauchen der Delta-Variante schätzten Experten, dass 70 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein müssen, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Diese Schwelle wurde aber inzwischen angehoben.

fml/mid

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