Götterdämmerung bei Jogi Löw?

Nico Stankewitz
Der FC Bayern tat sich in den letzten Wochen ungewohnt schwer. Trotz allem sieht der Bundestrainer den neuen Trainer des Rekordmeisters nicht dafür verantwortlich.

Noch gibt es keine ernsthafte Alternative zum Weltmeistertrainer – aber Löw wird sich ändern müssen, um das DFB-Team wieder an die Spitze zu führen.

Eine Analyse von Nico Stankewitz.

Natürlich ist es nicht so, dass Deutschland bei jedem großen Turnier ins Finale kommen oder gar immer Welt- oder Europameister werden muss – andererseits hatte Deutschland mit Spanien den stärksten Kader aller Mannschaften des Turniers, so dass man aus deutscher Sicht sicherlich nicht das Maximum in Frankreich erreicht hat. Und abgesehen von den nackten Ergebnissen gab es in den zwei Jahren seit dem Weltmeistertitel auch nicht viele überzeugende Leistungen der DFB-Elf. Und eine ganze Reihe von Problemen liegen in Entscheidungen des Bundestrainers direkt begründet. Löw hat natürlich noch Kredit wegen des Titelgewinns von Rio, aber er hat mit gravierenden Fehlern im Vorfeld und während des Turniers entscheidend zum Halbfinal-KO beigetragen.

Offensivspiel: Wo ist der Plan?

Seit dem Abschied von Miroslav Klose und dem WM-Endspiel war ein klarer Weg nicht zu erkennen: Der Platz in der Sturmmitte war vakant, auf den Flügeln gab es keine Kontinuität – bis sie dann vor der EM komplett rasiert wurden. Natürlich gab es auch viele Verletzungen, aber Löw scheint im Kern wohl immer an Mario Götze als "falsche Neun" geglaubt zu haben, denn auch als Gomez nach mehrjähriger Pause zurückkehrte, war er ganz offensichtlich nur die B-Lösung. Nun ist Götze natürlich dazu in der Lage, diese Position auszufüllen, aber ob die Spielidee ohne Mittelstürmer nachhaltig funktioniert, ist grundsätzlich unbewiesen – egal ob Barcelona, Real, Bayern, Juve, Paris, ManCity, Dortmund oder wer auch immer – alle erfolgreichen Teams spielen mit "echten" Neunern. Und wenn die Vereine keine anbieten, könnte man ja mal neuen Leuten eine Chance geben auf dieser Position, Sandro Wagner und Kevin Volland wären mögliche Alternativen – wenn das denn überhaupt der Plan gewesen wäre. Erst beim zweiten EM-Spiel erkennt Löw offenbar, dass es mit Mittelstürmer besser funktioniert und bringt Gomez, der sich schnell unverzichtbar macht – aber als der türkische Torschützenkönig ausfällt, gibt es keine Alternative.

Flügel? Welche Flügel?

Die zweite Komponente ist die Zusammenstellung der anderen Offensivpositionen: Natürlich können Özil und Müller (definitiv die beiden individuell stärksten Spieler in der Offensive) zusammen spielen – aber dann brauchen sie andere Nebenleute, Spieler die den beiden Freigeistern nicht den Platz nehmen. Gab es in der Qualifikation noch Flügelstürmer (oft  Reus und Bellarabi), wurde dieser Spielertypus zu Turnierbeginn praktisch ausgemustert – im Grunde vertraute Löw zum EM-Auftakt vier relativ ähnlichen Spielertypen – neben Müller und Özil Draxler und Götze – die alle am liebsten in ähnlichen Räumen operieren – enorm schwierig, diese vier zu einer funktionierenden Einheit zusammen zu basteln.

Personalentwicklung seit 2014

Neben der Offensive gab es vor allem eine weitere Problemposition seit dem Rücktritt von Philipp Lahm im Anschluss an das WM-Finale: Den rechten Verteidiger. Löw wählte, offensichtlich unzufrieden mit dem Angebot in der Bundesliga, hier den Weg, ohne einen gelernten Spieler auf dieser Position auszukommen, er spielte die Qualifikation mit den zentralen Mittelfeldspielern Can und Rudy, testete auch den Dortmunder Ginter, der im Herbst 2015 immerhin eine starke Bundesliga-Halbserie in dieser Rolle spielte. Im Turnier begann dann der Schalker Höwedes, bevor Bayern-Talent Kimmich den Rest des Turniers recht ordentlich auf dieser speziellen Position auftrat. Eine eingespielte Formation konnte es also nicht sein, Kimmich, dem zweifellos die Zukunft auch in der Nationalelf gehört, hätte sicherlich besser vorbereitet sein können. Es ist schon ein beträchtlicher Vorteil, wenn man eine Position ständig spielt, das konnte bei dem 20-Jährigen nicht der Fall sein. Insgesamt vertraute Löw erneut nicht auf Spezialisten, sondern brachte die nach seiner Meinung 20 besten Feldspieler mit nach Frankreich – und dabei waren dann 5 Innenverteidiger und 6 zentrale Mittelfeldspieler. Auffällig, dass es alle anderen großen Fußballnationen anders machten, und mit eingespielten Kadern auftraten, wo jede Position doppelt besetzt ist – im Falle von Ausfällen kann man positionsgetreu wechseln, ohne das Mannschaftsgefüge zu verändern.

Fragwürdige Turnierstrategie

Joachim Löw sagte selber auf einer Pressekonferenz vor Turnierbeginn, er brauche "zwei Mannschaften, eine für die Vorrunde und eine für die KO-Runde" - zu sehen war von diesem Plan nichts. Es wirkte eher, als hätte Löw mit den Veränderungen im Polen-Spiel seine Mannschaft mit Gomez, Kimmich und Hummels gefunden und als hätte er in der Folge versucht, diese Mannschaft immer wieder zu bringen, welche Möglichkeiten der Kader geboten hätte, blieb unklar. Spiel für Spiel wurde die medizinische Abteilung begeistert gelobt, weil sie es geschafft hatte, den unverzichtbaren Jerome Boateng wieder rechtzeitig auf den Punkt fit zu bekommen, aber es gibt zumindest eine gewisse Logik dahinter, dass dem Münchner eine Pause gut getan hätte – und ist es nur ein Zufall, dass ausgerechnet Boateng im entscheidenden Moment ausfiel, als die Nationalelf ihn am dringendsten benötigt hätte? Insbesondere gegen die international drittklassigen Nordiren hätte es sich angeboten, einige der ganz offensichtlich angeschlagenen Spieler zu schonen, vor allem weil ein Ausscheiden nur noch rechnerisch möglich war.

Ist die Zeit des Bundestrainers deshalb abgelaufen? Sicherlich nicht, aber die vielen Fragezeichen machen auch deutlich, dass die DFB-Elf nicht optimal vorbereitet und aufgestellt das Turnier in Frankreich bestritten hat. Der Weg nach Russland ist kein Selbstgänger, eine gründliche Aufarbeitung der vergangenen zwei Jahre ist dringend erforderlich.