Eurovision Song Contest: Frauen-Pop-Duo „Sisters” fährt für Deutschland nach Israel

Mila Lemke
Freie Autorin
Carlotta Truman und Laura Kästel mit Moderatorin Barbara Schöneberger (rechts) Foto: ARD

Am Freitagabend gewannen Carlotta Truman und Laura Kästel knapp den ESC-Vorausscheid in Berlin. Die beiden Musikerinnen werden Deutschland am 25. Mai in Tel Aviv vertreten. Ihre erste Reaktion nach dem Erfolg: „Wir werden erst mal schlafen und heulen vor Freude.”  

Die Sisters sind gar keine Schwestern. Das Duo wurde vom NDR gecastet. Sowohl Carlotta Truman (“Das Supertalent” und “The Voice Kids”) als auch Laura Kästel (“Kiddy Contest”, “Star Search”) haben einschlägige Castingshow-Erfahrung. Über ihren Siegertitel „Sisters” sagen die Sisters: „In diesem Song geht es um Akzeptanz und um Zusammenhalt, darum sich selbst und andere akzeptieren.”

Sowohl Carlotta Truman, die in einer deutsch-britischen Familie in Hannover groß wird, als auch Laurita aus Wiesbaden wachsen in musikalischen Elternhäusern auf. Lauritas Vater ist Pianist, ihre Mutter Sängerin. Mit so viel musikalischem Input gewinnt sie schon als Zehnjährige 2002 den “Kiddy Contest” im ZDF.

Wie verlief der ESC-Abend?

Die gute Nachricht: Tolle Stimmen, professionelle und sympathische Künstler. Enttäuschend: fast alle Songs ohne Ecken und Kanten. Kaum eine überraschende Idee. Keine Experimente. Aber vielleicht braucht es Mainstream-Mugge, wenn man den Geschmack eines Massenpublikums treffen will.

Wem die ARD-Show zu langweilig war, der konnte parallel den Liveticker der Münchner Tageszeitung „tz” lesen. Der war wirklich lustig. („Das Hemd des Frontmannes ist ein Hilferuf.”) Im Gegensatz zu den Humorversuchen von Moderatorin Barbara Schöneberger. Kostprobe: „Bei mir ist alles nachhaltig, alles vegan, bei mir ist alles aus Plastik.” Höhöhö. Doch zurück zur Musik.

Brit Awards 2019: Ein ganz besonderer royaler Moment

Insgesamt sieben Künstler kämpften am Freitagabend in Berlin um einen Platz beim Eurovision-Songcontest-Finale (ESC) in Israel. Geschrieben hatten die Interpreten ihre Songs im NDR-Songwriter-Camp, was ein bisschen nach betreutem Komponieren klingt. Tatsächlich hatten alle Kandidaten ein eigenes Team am Start, zur Unterstützung. Textlich drehen sich die Lieder um Liebe, Dämonen und Taschenlampen, die in den Himmel scheinen.

Da man bei der ARD ist, wurde geklotzt und nicht gekleckert. Gleich drei Jurys wählten den deutschen Beitrag für Israel: Eine 20-köpfige Expertenjury aus verschiedenen europäischen Ländern. Außerdem 100 Personen, die den Musikgeschmack der europäischen Zuschauer repräsentieren sollten und die in einer Art Klassenzimmer hockten. Und selbstverständlich durften auch die Fernsehzuschauer votieren.

Und das waren die Kandidaten

Aly Ryan

Sie stammt aus dem hessischen Ort Oberursel, heißt eigentlich Alexandra Eigendorf, zog mit 16 nach Los Angeles, nannte sich dort erst Charly Cole und später Aly Ryan. Über ihre Elektro-Pop-Nummer “Wear Your Love” sagt sie: „Er geht darum, die Liebe von jemand anderem zu spüren.”

BB Thomaz

Kam als Béatrice Thomas im Stadtteil Greenwich-Village in New York zur Welt, zog mit zehn Jahren nach Deutschland. Sie arbeitet als Zumba-Trainerin, trat 2017 bei “The Voice of Germany” an, wo sie auf Platz vier kam. Über ihre sehr persönliche R&B-Ballade sagt die 34-Jährige: „Ich will die Leute mitreißen, mitnehmen auf eine Reise.” Mitreißend war ihr Song wirklich. Dazu eine großartige Stimme. Eine willkommene Abwechslung zwischen all den Schmachtballaden.

Gregor Hägele

Der 19-jährige Abiturient ist der Jüngste im Teilnehmerfeld und wie sein Name schon vermuten lässt, stammt er aus dem Schwabenländle. Er sammelt Gitarren, liebt Kochen und das Reisen. Über seinen Song „Let Me Go” sagt er: „Er handelt von der Suche nach seinem eigenen Glück.” Musikalisch eine nette Popballade. Im Gegensatz zu den anderen Kandidaten verzichtete Gregor Hägele auf eine große Bühnenshow.

Lilly Among Clouds

Sie heißt eigentlich Elisabeth Brüchner, kommt aus Straubing und mag Elektro-Songs. Über ihren Auftritt mit dem Titel „Surprise”, den die Sängerin tatsächlich selbst geschrieben hat und der nicht im Songwritercamp entstanden ist, sagt sie: „Ich hoffe, dass mich diese große Bühne zusätzlich pusht.” Einer der wenigen Nummern, die aus dem Rahmen fielen. Ihre Mischung aus Bombast und Ballade war wirklich originell.

Linus Bruhn bringt viele Mädchenherzen zum Schlagen (Bild: Getty Images)

Linus Bruhn

Der 20-jährige Justin-Bieber-Wiedergänger stammt aus Hamburg und spielte den jungen Tarzan im gleichnamigen Disney-Musical. Er mache Musik im Auto und unter der Dusche, erzählt er. Über seinen Poptitel „Our City” sagt er: „Der Song spricht die Situation an, wie alle mit ihren Handys in einer Welt gefangen sind, die gar nicht mehr real ist. Auch ich bin davon betroffen.”

Makeda

Die Musical-Sängerin („Bodyguard”) hat in der Vergangenheit diverse Anfragen von Castingshows abgelehnt, was schon mal ein gutes Omen ist. Sie singt beim Joggen und eigener Aussage zufolge über „Identitätsfragen”. Ihr Beitrag “The Day I Loved You Most” ist eine klassische ESC-Ballade. Über ihren Song sagt sie: „Für mich geht es darum, den Menschen zu verzeihen, mit denen wir in Wut oder Trauer auseinander gegangen sind, und uns nur an die schönen Momente zu erinnern.” Mit ihrer tollen Soulstimme ragte sie heraus aus dem Teilnehmerfeld.

Erwünschte Wirkung: Fettes Brot veröffentlichen Song gegen Rechts

Was sonst noch geschah

Lena Meyer-Landrut performte im McFit-Neukölln-Outfit ihre neue Single und das Publikum flippte völlig aus. Warum? Man weiß es nicht. Anschließend dudelte Revolverheld Befindlichkeitspop für 30-jährige Soziologie-Studenten („Geduld ist für uns ein Fremdwort, das man googeln kann.”). Autsch.

Lena Meyer-Landrut präsentierte ihre neue Single (Bild: Getty Images)

Wie Pop funktionieren kann, zeigte ein sehr alter Mann: Udo Lindenberg. Witzig ohne Weltschmerz. Romantisch, aber nicht kitschig. Udo ist einfach eine coole Socke. Er sang: „Nerv mich nicht mit deinen Lappalien – ich bin der König von Scheißegalien.” Wenn die ARD nur halb so lässig wäre wie der Mann mit Hut.

VIDEO: Von wegen Trash: So teuer ist das Dschungelcamp wirklich