Eurovision Song Contest: Wie wichtig ist eine gute Performance für den Sieg?

Netta gewann am Samstagabend für Israel den Songcontest. (Bild: AP Photo/Armando Franca)

Auch, wenn der Titel „Song Contest“ es vielleicht suggerieren mag: Einzig und allein um substanzielles Songwriting geht es beim Eurovision Song Contest längst nicht. Doch worauf kommt es dann an?

Egal, ob die bärtige Travestie-Künstlerin Conchita Wurst im wallenden Ballkleid mit großem Orchesterpathos, die Monsterkostüme der Metaller von Lordi oder das schrille Geisha-Outfit der diesjährigen Gewinnerin Netta samt ihrer bunten Bühnenshow: Der ESC ist kein Konzert, sondern in erster Linie ein Spektakel. Um bei so einem Spektakel punkten zu können, braucht es mehr als einen eingängigen oder interessanten Song. Die zwei ausschlaggebenden Punkte: Performance und Persönlichkeit.

Monster-Spektakel gegen Cowboy-Langeweile

2006 gewann die finnische Hardrock-Band Lordi mit dem Stück „Hard Rock Hallelujah“ den Wettbewerb in Athen. Nicht, dass der Song an sich nicht eingängig, toll produziert und einprägsam gewesen wäre. Dass die Band in regulären Lederjacken mit demselben Song ganz Europa zu Begeisterungstürmen hingerissen hätte, darf allerdings bezweifelt werden. Daran, dass die Band in Monsterkostümen auftrat, erinnert man sich aber noch heute – mehr brauchten Lordi bei ihrer Performance nicht zu tun, um den ersten Platz zu belegen: Der ESC wurde zur Monster-Party!

Dagegen hatte der deutsche Beitrag keine Chance. Die Band Texas Lightning setzte mit „No No Never“ auf harmlosen Country – und zwar nicht nur musikalisch, sondern auch optisch. Die LED-Kakteen als Bühnendekor sahen eher nach billiger Schlagerdisko aus – und mehr Show als ein wenig Saloon-Geschrammel hatte die Band nicht zu bieten. Performance dürftig, Song austauschbar: Es reichte für einen Platz im Mittelfeld – Platz 15 von 24. Es hätte durchaus schlimmer kommen können.

Schrulligkeit als Kern der Performance

Acht Jahre vor Lordi bewies Guildo Horn 1998 in Birmingham, dass auch Schrulligkeit durchaus gut ankommt. Mit dem von Stefan Raab produzierten „Guildo hat euch lieb“ schaffte er es auf den achten Platz – zwar keine Spitzenplatzierung, aber ein durchaus respektables Ergebnis. Hier zeigte sich, dass auch Kuriositäten (Lange Haare/Glatze-Kombination, schräge Klamotten, altbackener Schlager) durchaus belohnt werden können.

Im Fall von Horn, genau wie im Fall Lordi, zeigte sich zudem, dass sich Performance und Persönlichkeit in manchen Fällen nicht voneinander trennen lassen – Horns Persönlichkeit war seine Performance, große Showeffekte brauchte er keine. Ein noch besseres Ergebnis mit ähnlicher Formel erzielte Stefan Raab 2000: Mit dem Nonsen-Song „Wadde hadde dudde da“ und Glitzerklamotten sang er sich auf den fünften Platz.

Persönlichkeit

Chance gegen die Erstplatzierte hatte Guildo Horn trotz Sympathiebonus dennoch keine. Hier zeigt sich der ausschlaggebendste Faktor einer guten Wertung deutlich – die Persönlichkeit bzw. die Hintergrundgeschichte der Teilnehmer. So gewann 1998 mit Dana International eine israelische Trans-Frau den Songcontest, 2015 mit Conchita Wurst ein Travestie-Künstler. Das passt gut zur Botschaft des Songcontests – bunt, weltoffen und grenzenlos zu sein. Und auch immer für einen sozialen Kommentar zu sorgen. Man darf nicht vergessen, dass die LGBTQ-Community immer noch eine der größten ESC-Fangemeinschaften ist – und deren Segen oft mehr als nur ein Zünglein auf der Voting-Waage ist.

Dabei könnten besagte Gewinnerbeiträge nicht unterschiedlicher sein: Den Song von Dana International kann man getrost als musikalisch mäßig interessanten Disco-Schlager bezeichnen, Conchita Wurst entschied mit einer imposanten, hochproduzierten James-Bond-Ballade.

Auch die Gewinnerin des diesjährigen Jahres passte gut in dieses Muster: Bei Netta mit ihrem Song „Toy“ kamen mehrere Faktoren zusammen, die eine Spitzenplatzierung zumindest begünstigten. Ihr Song war eingängig, aber schrill genug, um zu polarisieren – mindestens genauso wichtig war aber auch die Message: Body Positivity, Selbstbestimmung, Feminismus.

Dass Deutschland mit Michael Schulte einen spektakulären vierten Platz landen konnte, ist ebenfalls nicht einzig dem – zweifellos eingängigen und perfekt produzierten – Lied „You Let Me Walk Alone“ geschuldet. Vielmehr berührte die Hintergrundgeschichte viele – Schulte hatte das Lied für seinen verstorbenen Vater geschrieben und in Interviews mehrfach darüber gesprochen. Auch in die Lichtshow ließ Schulte diesen Hintergrund einfließen: So wurden auf der LED-Leinwand hinter ihm Bilder von Kindern mit ihren Vätern gezeigt. Dass Schulte im Vorfeld des ESC ankündigte, selbst Vater zu werden, tat sein Übriges: Es ist durchaus plausibel, anzunehmen, dass ein persönlicher Bezug der Zuschauer (und eventuell auch der Jury) zur Geschichte eines Kandidaten durchaus dienlich für das Endergebnis ist.

Genau wie Schulte startete auch Lena Meyer-Landrut im Vorfeld ihres Triumphs 2010 eine mediale Charme-Offensive. Bei ihr passte einfach alles: Der Song „Satellite“ war ein eingängiger, international klingender Pop-Hit, ihr Image vom frechen, vorwitzigen Mädchen kam gut an – ihre souveräne Performance vervollständigte den Auftritt.

 

Ein Patentrezept für ein gutes ESC-Ergebnis zu finden, ist letztlich unmöglich. Es kommt auf das Zusammenspiel verschiedenster Faktoren an – und nicht zuletzt ist auch eine Menge Glück im Spiel. Eines kann man aber trotzdem sagen: Eine gute Performance plus eine auffällige Persönlichkeit oder ein aktuelles politisches bzw. soziokulturelles Anliegen haben noch keinem Teilnehmer geschadet.

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