Exclusiv im Ersten: Die Mär vom gesundheitsschädlichen Diesel?

Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat Fahrverbote für Gelsenkirchen und Essen verhängt – zum ersten Mal auch für eine Autobahn, die A40. (Bild: NDR)

Die Dokumentation kommt spät, immerhin sind die Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub europäisch verankert. Viele deutsche Gerichte berufen sich mittlerweile darauf. Auch deshalb wird das ARD-Exclusiv „Diesel-Desaster“ für Gesprächsstoff sorgen.

Die Drohnenaufnahme eines Autofriedhofs. Genauer: eines Dieselfriedhofs. Mit diesem Bild, tausende stillgelegte Fahrzeuge, gebraucht, aber eigentlich in bester Ordnung, beginnt die Dokumentation „das Diesel-Desaster“ in der ARD. Und es zeigt die verfahrene Situation, in die sich Deutschland, die Politik, die Fahrzeughersteller und Umweltaktivisten manövriert haben. Denn die Fahrzeuge sind nicht alt und schon gar nicht schrottreif. Aber ihre Besitzer trauen der Technologie nicht mehr. Wie konnte es soweit kommen?

Diese Frage stellt sich auch Alexander Zimmich (38). Er arbeitet für den Sicherheitsdienst eines Stuttgarter Krankenhauses. Das liegt am anderen Ende der Stadt. Ohne sein Auto wäre er daher aufgeschmissen, vor allem, wenn er Nachtschicht hat. Vor Jahren hat er sich für einen Diesel entschieden, weil der „umweltfreundlich und ressourcenschonend“ sein sollte. Weil aber anscheinend beides eine Lüge des Herstellers war, darf Zimmich bald nur noch dank einer Ausnahmegenehmigung durch die Stadt fahren. Trotzdem ist sein Auto nur noch die Hälfte wert. „Ich zahle meine Steuern, meine Rechnungen, da sollte meine Wertanlage sicher sein. Jetzt ist sie wertlos und nicht mehr nutzbar. Das ist eine katastrophale Situation.“ Wie Zimmich geht es vielen Deutschen.

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Bislang gibt es Fahrverbote in Hamburg und Stuttgart, in weiteren Städten sind sie gerichtlich angeordnet, dazu kommen laufende Klagen in zahlreichen Kommunen. Fast immer klagt die Deutsche Umwelthilfe. Federführend: Jürgen Resch, der Geschäftsführer. Er hat der Autoindustrie den Kampf angesagt und eilt seither von juristischem Erfolg zu juristischem Erfolg. Denn die Gerichte bestätigen reihenweise, dass der Diesel bis zur Abgasnorm Euro 4, gesundheitsschädlich ist.

Die Grenzwerte basieren auf Schätzungen

Zuletzt in Gelsenkirchen, wo mit der A40 eine der wichtigsten Autobahnen des Ruhrgebiets betroffen ist. Dazu sagt Resch: „Ich glaube, was in den USA das Recht auf Waffentragen ist, ist in Deutschland die Autobahn. Dort ein Fahrverbot ist die deutlichste Warnung, die ein Gericht aussprechen kann und das deutlichste Urteil, was man vom Regierungshandeln hält. Nämlich gar nichts.“

Doch die Gerichtsurteile ruhen auf wackligen Säulen, wie die beiden Autoren der Dokumentation Thomas Berbner und Torben Börgers zeigen. Gesundheitsschädlich am Diesel sind vor allem zwei Stoffe: Feinstaub (hier liegt der Grenzwert bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter) und Stickstoffdioxid, bekannt als NO2, (Grenzwert: 40 Mikrogramm pro Kubikmeter oder auch 40 Millionstel Gramm pro Kubikmeter Luft). Nur: Die Werte basieren auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Werte, von denen man früher – die Forschung ist mittlerweile 14 Jahre alt – dachte, dass man die Bevölkerung damit wirksam schützt.

Doch nicht nur die Grenzwerte, auch die Studien an sich zweifelt die ARD-Doku an. Stark vereinfacht wurde darin die Sterblichkeitsrate der Landbevölkerung und der Stadtbevölkerung verglichen. Heraus kam, dass Menschen in der Stadt früher sterben. Das wurde auf die Luftqualität zurückgeführt und damit auf Stickstoffdioxid und Feinstaub.

Es sind Korrelationen und keine Kausalitäten

„Feinstaubalarm ist eine einzige Volksverdummung. Alarm ist ein Zustand von akuter Not, das ist hier mitnichten gegeben. Die Bevölkerung verbindet das mit Gefahrenzustände, viele denken, sie können Stuttgart nicht mehr betreten“, sagt Martin Hetzel. Er ist Direktor des Roten-Kreuz-Krankenhaus in Stuttgart. In der Kesselstadt wird regelmäßig Feinstaubalarm ausgerufen.

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Nur: „Es gibt keine Feinstauberkrankung und keine Stickstoffdioxid-Erkrankung im Krankenhaus. Es gibt auch keinen einzigen Todesfall, der kausal darauf zurückzuführen ist. Das sind konstruierte Modelle, die nicht plausibel sind. Die Konzentrationen können die Todesfälle nicht verursachen, die derzeit impliziert werden.“

6.000 vorzeitige Todesfälle. Oder 50.000 Lebensjahre. Mit diesen Zahlen hantiert das Umweltbundesamt. Und macht Feinstaub und Stickstoffdioxid dafür verantwortlich. Wolfgang Straff, er arbeitet beim Umweltbundesamt, sagt: „Es stimmt, es gibt zwar keinen NO2-Toten. Was wir aber in zahlreichen epidemiologischen Studien beobachten, sind Effekte, wenn NO2 vorhanden ist. Dann treten viel mehr Krankheiten auf.“

Dieter Köhler, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Lungenheilkunde, hält Dieselabgase für gesundheitlich unbedenklich: „Ein Adventskranz ist gefährlicher.“ (Bild: NDR)

Der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, Dieter Köhler, erklärt nochmal die zugrundeliegenden Studien, in denen die Bevölkerungsgruppen in der Stadt und auf dem Land verglichen wurden: „Allein, wenn die sich die Menschen auf dem Land mehr bewegen oder weniger rauchen oder trinken, würde man diese Unterschiede schon genauso finden. Aber einen Zusammenhang zum Feinstaub herzustellen, ist wissenschaftlich nicht zulässig.“

Das ARD-Exclusiv Diesel-Desaster wird für eine Menge Gesprächsstoff sorgen, denn letztlich prangert es sämtliche Gerichtsurteile und wissenschaftlichen Studien zum Thema als haltlos an.

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