Experte der Münchner Rück - Damit unsere Klimaversicherung nicht unbezahlbar wird, gibt es nur einen Ausweg

Hinterbliebene von Opfern der Ahrtaflut wollen eine Wiederaufnahme der staatsanwaltlichen Ermittlungen erreichen.<span class="copyright">Boris Roessler/dpa</span>
Hinterbliebene von Opfern der Ahrtaflut wollen eine Wiederaufnahme der staatsanwaltlichen Ermittlungen erreichen.Boris Roessler/dpa

Orkane, Hagelgewitter, Hochwasser und Sturzfluten - katastrophale Schäden aus Wetterkatastrophen bestimmen nicht nur die deutschen Schlagzeilen, sondern auch den Alltag von Versicherern. Doch zum „New Normal“ sollte das auf keinen Fall werden, sagt unser Klima-Experte Tobias Grimm.

Die Menschheit kann die Augen nicht verschließen: Die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels sind spürbar. Meereis und Gletscher schmelzen, Wirbelstürme, Gewitter werden heftiger und mancherorts wechseln Überschwemmungen und Dürren sich ab. Extremwetter werden intensiver. Hohe Temperaturen führen zu mehr Verdunstung und Energie in der Atmosphäre, Wettermuster ändern sich.

Zwar lassen sich einzelne Schadenereignisse nicht allein auf den Klimawandel zurückführen. Doch liefert die Analyse langfristiger Trends von meteorologischen Daten in Verbindung mit versicherungstechnischen und sozioökonomischen Daten wichtige Hinweise, dass Risiken aus Unwettern sich verändern. Für die Versicherer heißt das: Zunehmend hohe Schadensauszahlungen.

Noch müssen wir keine unbezahlbaren Versicherungen fürchten

Wetterkatastrophen zerstören oft Leben und bringen meistens erhebliche finanzielle wie volkswirtschaftliche Risiken mit sich. Aufgabe der Versicherungsbranche ist es, Risiken zu bewerten und abzusichern. Und auch sie steht nun vor der Herausforderung, sich an die Realität des Klimawandels anzupassen. Die Modelle zur Risikobewertung werden deshalb angepasst, um die höheren Schäden durch Extremwetterereignisse angemessen zu berücksichtigen.

 

Mit steigendem Risiko gehen auch die Versicherungsprämien in die Höhe. In der Branche befürchten einige gar eine Entwicklung wie in einigen Regionen der USA: Dass Prämien unbezahlbar hoch sind oder Versicherungsschutz in bestimmten Fällen und Risikogebieten nicht mehr angeboten wird. Die Lage ist in Deutschland allerdings etwas anders. Zwar nehmen die Risiken auch hier zu, die Schadenbilanz 2023 lag für Deutschland bei mehr als vier Milliarden Euro. Im Jahr 2021 kostete allein die Ahrtalkatastrophe die Versicherungen 9,7 Milliarden Euro.

Aber Mitteleuropa ist im Hinblick auf Extremwetter im weltweiten Vergleich in einer eher komfortablen Situation, zumindest relativ gesehen. Selbst in stärker gefährdeten Gebieten liegen die Prämien für eine Elementarschädenversicherung bei mehreren Hunderten Euro pro Jahr.

Zum Vergleich: Ein ähnlicher Versicherungsschutz kostet in US-amerikanischen Küstengebieten oft mehrere tausend Dollar - pro Jahr. Steht in Deutschland ein Haus in einem Hochrisikogebiet, flankieren häufig Selbstbehalte oder Schadenhöchstsummen den Versicherungsschutz. Das gilt für rund 1,5 Prozent aller Gebäude. Ein Rückzug aus dem Geschäft, wie es in den USA in Einzelfällen zu beobachten war, ist in Deutschland nicht zu erwarten.

Prävention ist der einzige Ausweg

Munich Re analysiert seit fünf Jahrzehnten die Auswirkungen der globalen Erwärmung und natürlicher Klimaschwankungen auf wetterbedingte Naturkatastrophen. Das Unternehmen nutzt Langzeitdaten, um Risikoänderungen zu verstehen und die Risikomodelle daran anzupassen.

Die Vergangenheit allein ist nicht mehr unbedingt ein zuverlässiger Indikator für die Zukunft. Deshalb haben Datenanalysen mittels moderner Techniken Einzug gehalten. Risiken können so genauer eingeschätzt und berechnet werden. Es ist keine Option, Prämien zu verlangen, die ein Risiko nicht decken. Das würde nicht nur die Unternehmen, sondern das Schutzsystem Versicherung gefährden.

Damit ausreichend Schutz in Zeiten des Klimawandels gewährleistet werden kann, müssen Versicherungen, Staat und letztlich auch Privatpersonen ihren Beitrag leisten. Prävention ist die zentrale Antwort auf die Frage, wie die Menschen dem Klimawandel begegnen können und wie Versicherungsschutz erhalten bleiben kann.

Der Staat hat dabei die Aufgabe der strukturellen Prävention. Er kann dafür sorgen, dass Neubauvorhaben in Hochrisikogebieten nicht genehmigt werden und bestehende Bebauungen besser geschützt werden. Dazu gehört auch, Dämme und Überflutungsgebiete zu schaffen.

Ebenso gilt es für Privatpersonen, sich selbst zu schützen - und sei es durch noch so einfache Maßnahmen wie sturmfeste Dachbauten oder wasserdichte Fenster.