Extra 3: Ausflug ins politische Bermudadreieck

Ereignisreiche Ostern: Christian Ehring musste einiges aufarbeiten.

Als Satiriker steht man im Dauerstress. Pausenlos kommt irgendjemand auf der Welt auf dumme Ideen, die man persiflieren muss. Da ist es leicht, ins Hintertreffen zu geraten. Besonders, wenn man gerade Sendungspause hatte, ist es fast unmöglich, Schritt zu halten mit den sich überschlagenden Ereignissen. Besonders schlimm ist es, wenn sich mehrere Regierungschefs gleichzeitig vornehmen, sich möglichst undemokratisch zu verhalten. Für die politischen Geistesblitzer im eigenen Land bleibt dann kaum noch Zeit. Wen interessiert schon, was Merkel und Schulz fabrizieren, wenn Trump, Putin, Erdogan, Kim Jong Un ein absolutistisches Feuerwerk abbrennen?

Bei seiner ersten Sendung nach den Ferien stehen die Macher von Extra 3 vor genau diesem Problem. Gleich nach der Osterpause muss Christian Ehring sich praktisch ohne Dehnübungen sofort ins ganz tiefe Wasser stürzen.

Ist ja auch viel passiert: Trump hatte Besuch vom Osterhasen, aß ein Stück Schokoladenkuchen mit dem chinesischen Staatschef und vergaß darüber, in welches Land er eigentlich 59 Marschflugkörper geschickt hatte. Nebenbei lies er außerdem die „Mutter aller Bomben“ über Afghanistan abwerfen. Genug für eine ganze Sendung eigentlich. So viel Zeit ist aber nicht, weil Kim Jong Un drauf ist wie immer und mit MS-Dos-gestütztem Atomkrieg droht und Erdogan mal eben am Ostersonntag von der eigenen Bevölkerung die Demokratie in seinem Land hat aushebeln lassen.

Trump, Erdogan und Kim Jong Un fressen die Hälfte der Sendung

Kein Wunder also, dass gut die Hälfte der Sendung wirkt wie eine Folge Terra X. Thema: Das politische Bermudadreieck zwischen den USA, Nordkorea und der Türkei, in dem seit kurzem die Schiffe mit den Namen Menschenrechte, Gewaltenteilung, Demokratie und Frieden ziellos umher tuckern und abzusaufen drohen.

Lustig ist es freilich – das ist es ja immer. In „Trump Today“ wird kurz zusammengefasst, was der Führer der freien Welt in den Osterferien so getrieben hat. Beispiel: Weil die Mutter aller Bomben so ein Erfolg war, plane der Präsident demnächst den Abwurf der Großmutter aller Bomben, der Stiefmutter aller Bomben, der Bekannten der Mutter aller Bomben und des Schwippschwagers der Mutter aller Bomben.

Fast nahtlos kommt die Sendung dann zum nächsten, von einem Größenwahnsinnigen mit seltsamer Frisur regierten Land. Nordkorea, der isolierte Staat ohne Pressefreiheit, dafür mit großem Interesse an Atomwaffen sei der heißeste Anwärter für die WM 2026, sagt Ehring. Und widmet Kim Jong Un dann gleich ein Frühlingslied. Zur Melodie von „Ich wollt ich wär ein Huhn“ von den Comedian Harmonists bringt ein Männerchor die Zuschauer auf den neusten Stand.

AKP, Afd – eigentlich egal

Dann geht’s zum dritten Eck im Despodadreieck. Türkei-Time! Zwar habe, sagt Ehring, jemand, der es mit derartiger Vorbereitung – Verhaftungen, Pressegängelung und Spionage – nur auf 51 Prozent schaffe, nicht das Zeug zum Diktator, trotzdem hält Oliver Kalkofe vor einer an die Hakenkreuzfahne angelehnten Türkeiflagge als Festredner eine Laudatio auf Erdogan. „Herzliches Beileid Türkei und herzlichen Glückwunsch Recep Tayyip Erdogan!“, beginnt er. Zu den 400000 Türken, die in Deutschland für das Referendum gestimmt hatten, hat er auch eine Meinung. Die hätten sich perfekt angepasst – nur halt an den doofen Teil Deutschlands. Ob AKP oder AfD sei doch eigentlich egal.

Zusammenfassend geht es dann in einer Kurzdoku auf die Despotica-Messe. Dort findet sich alles, was das Diktatorenherz begehrt: In fünf Minuten gibt’s Polizeigrifftechniken aus Russland, Raketentests aus Nordkorea und Gefängnistipps aus der Türkei – und dann ist die erste Sendungshälfte vorbei. War ja auch viel los bei den Männern mit den maximalen Egos und dem minimalen Demokratieverständnis.

Nächster Halt: CDU. Die CDU wird für den Versuch abgeklatscht, per Crowdfunding ein Kampagnenthema zu finden. Mit einer Straßenumfrage wolle man der Union helfen. Dann schnell ein Interview mit Max Giesmann als Sigmar Gabriel und ein Ortsbesuch bei einer Uni, die verzweifelt gegen Möwendreck kämpft.

Zum Schluss bleibt dann noch Zeit für eine längere satirische Behandlung der Zuckerlobby. Die ist hintersinnig und erschreckend witzig. Trotzdem wird man am Ende der Sendung das Gefühl nicht los, dass es mehr Zeit gebraucht hätte. Weil ja Satire eigentlich Prophylaxe gegen Despoten sein sollte und nicht Notfallmedizin, wenn es schon zu spät ist. Andererseits: Es schon wirklich eine besonders ereignisreiche Osterwoche. (jl)

Foto: Screenshot/ZDF

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