EZB hält Aufschwung in der Eurozone für "zunehmend solide"

Draghi in Frankfurt

Die Europäische Zentralbank (EZB) blickt mit vorsichtigem Optimismus auf die wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone. Die jüngsten Zahlen zeigten, dass "die zyklische Erholung der Wirtschaft der Eurozone zunehmend solide ist", sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag im Anschluss an die Sitzung der EU-Währungshüter in Frankfurt am Main. Auch die Abwärtsrisiken hätten sich "weiter verringert".

Gleichzeitig wies Draghi aber darauf hin, dass die Inflation sich erst langfristig als stabil erweisen müsse. Der Inflationsdruck sei "weiterhin verhalten" und müsse einen überzeugenden Aufwärtstrend erst noch zeigen. Um die Preisstabilität zu wahren, strebt die EZB eine Inflation von knapp unter zwei Prozent an. Im Februar lag die Teuerungsrate in der Eurozone bei zwei Prozent, im März bei 1,5 Prozent.

Draghi rechnet damit, dass die Inflation im April wegen höherer Energiepreise wieder ansteigt und sich dann bis Jahresende "zwischen den derzeitigen Werten" einpendeln wird. Tatsächlich zog die Inflation in Deutschland im April wieder an: Die Verbraucherpreise kletterten um zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag auf Grundlage vorläufiger Berechnungen mitteilte.

Die gute aktuelle Beschäftigungslage, die "von Arbeitsmarktreformen der Vergangenheit profitiere", habe die Realeinkommen ebenso gestützt wie den privaten Konsum, sagte Draghi. Auch wenn der EZB-Präsident diese Entwicklung als einen der Faktoren für etwas positivere Wirtschaftsaussichten in der Eurozone anführte, wiederholte er seine Forderung nach strukturellen Reformen in den Ländern der Währungsunion. Dann könne die geldpolitische Unterstützung der EZB ihre Wirkung noch besser entfalten.

Kurz zuvor hatte die EZB beschlossen, an ihrer Nullzinspolitik festzuhalten. Sie beließ den Leitzins der Eurozone unverändert bei null Prozent, wie ein Sprecher der EZB mitteilte. Dieser Schritt war von Analysten wegen der unsicheren politischen Lage erwartet worden, etwa im Hinblick auf die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahl.

Die EZB hatte den zentralen Zinssatz vor einem Jahr auf den historisch niedrigen Wert von 0,0 Prozent gesenkt, um mit günstigem Kapital Konjunktur und Inflation anzukurbeln. Nachdem die Inflation in der Eurozone im Februar den höchsten Stand seit vier Jahren erreicht hatte, war die EZB unter Druck geraten, von ihrer Politik abzurücken. Im März ließen günstige Verbraucherpreise die Teuerungsrate wieder sinken.

Kritik an der Entscheidung der EZB kam vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). ZEW-Ökonom Heinemann erklärte, die EZB laufe zunehmend Gefahr, "den richtigen Zeitpunkt für eine Änderung ihrer Kommunikation zu verpassen". Die EZB-Politik passe immer weniger zu den verbesserten Wirtschaftsdaten. Spätestens nach einer Wahl des pro-europäischen Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten müsse Draghi erklären, wie der "Ausstieg aus der extrem expansiven Geldpolitik beginnen soll". Macron tritt gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen an.

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