Werbung

Für Schäden bei Kühen durch Windräder gibt es keine Belege

Zahlreiche Studien ergaben keine Hinweise auf Gesundheitsschäden durch Infraschall von Windrädern. Aktuell kursiert die Behauptung, dass niederfrequente Schallwellen von Windkraftanlagen Kühe krank machen würden. Expertinnen und Experten sind jedoch keine derartigen negativen Effekte bekannt. Fachleute erklärten gegenüber AFP, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für angebliche Fruchtbarkeitsstörungen oder Geburtsfehler bei Kühen gäbe. Auch für Menschen birgt Infraschall von Windrädern laut Studien keine Gefahr für die Gesundheit.

Auf Facebook und X teilen User seit Anfang Februar 2024 ein Bild, auf dem ein Windrad sowie mehrere Kühe zu sehen sind. Darüber prangt ein Schriftzug mit dem Text "Windräder machen Krank!". Unter dem Bild heißt es weiter: "Es gibt Verhaltensstörungen, Störungen der Fruchtbarkeit, Tot- u. Missgeburten."

In dem Beitrag findet sich zudem das Logo sowie der Link zur Website eines Vereins namens "Deutsche Schutz-Gemeinschaft-Schall für Mensch und Tier e.V." (DSGS), der vor Infraschall warnt. Dort heißt es unter anderem, dass es "tausende von Berichten über Menschen und Tiere" gäbe, die sogar "kilometerweit entfernt von Windrädern" krank geworden wären. Neue Studien würden gesundheitliche Probleme bis in 15 Kilometer Entfernung von Windrädern belegen. Zudem ist auch von "Auffälligkeiten und Missbildungen bei Tieren" die Rede. Auf der Seite des Vereins finden sich "Beispiele" von angeblichen Beeinträchtigungen von Rindern, Milchkühen, Kälbern oder auch Hühnern.

<span>Facebook-Screenshot der Behauptung: 7. März 2024</span>
Facebook-Screenshot der Behauptung: 7. März 2024

Zu Windenergie und ihren angeblichen Folgen kursieren immer wieder Falschbehauptungen in sozialen Medien. Nutzerinnen und Nutzer haben in der Vergangenheit etwa fälschlich Windkraftanlagen für Trockenheit oder Herzprobleme verantwortlich gemacht. Auch mit einer irreführenden Aussage zu Infraschall von Windrädern hat sich AFP bereits auseinandergesetzt.

Die aktuell verbreite Behauptung im Zusammenhang mit Kühen ist ebenfalls unzutreffend. Faktenchecks zum Thema Klima generell sammelt AFP hier.

Infraschall bezeichnet Schall unterhalb des Hörbereiches

Bei Infraschall handelt es sich nach Angaben des deutschen Umweltbundesamtes (UBA) um "Geräusche mit einer Frequenz von 20 Hertz und darunter". Generell ist Infraschall weit verbreitet in der Umwelt und wird von natürlichen Quellen wie Wind und Meereswellen sowie durch menschliche Aktivitäten wie Straßenverkehr und technische Anlagen wie Windräder erzeugt. Laut UBA kann Infraschall, obwohl er nicht hörbar ist, als störend empfunden werden. In einer Studie des UBA zu den Auswirkungen heißt es: "Für eine negative Auswirkung von Infraschall unterhalb der Wahrnehmungsschwelle konnten bislang keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse gefunden werden, auch wenn zahlreiche Forschungsbeiträge entsprechende Hypothesen postulieren."

Eine Langzeitmessung des Bayerischen Landesamtes für Umwelt ergab, dass der Infraschall von Windkraftanlagen bereits in 200 Metern Entfernung deutlich unter 60 Dezibel und damit weit unter der Wahrnehmungsschwelle von 0 Dezibel liegt. Eine ähnliche Untersuchung der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg  ergab, dass die Infraschallintensität ab einer Entfernung von 700 Metern von einer Windenergieanlage so gering ist, dass sich nicht mehr unterscheiden lässt, ob eine Anlage ein- oder ausgeschaltet ist. AFP hat sich bereits hier näher mit angeblich schädlichem Infraschall von Windrädern beschäftigt.

Dem deutschen Bundesamt für Naturschutz (BfN) liegen "keine Studien oder Erkenntnisse" zum Thema Windkraft und Gesundheit vor, wie es von Seiten des Pressereferats am 13. März 2024 hieß. Gegenüber AFP wies das BfN jedoch auf einen Bericht der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages aus 2019 hin. Darin heißt es, dass einige Medienberichte, in denen einzelne Landwirte tatsächlich von Verhaltensauffälligkeiten ihrer Tiere, Fertilitätsrückgang oder Milchleistungsabnahmen berichten, existieren würden, aber: "Im Rahmen der vorliegenden Arbeit konnte hierzu allerdings keine wissenschaftliche Studie gefunden werden."

Ein am 14. März 2024 aufgenommenes Bild zeigt die Silhouette einer Windkraftanlage bei Sonnenuntergang in der Nähe von Chartres in Zentralfrankreich
GUILLAUME SOUVANTAFP

Windkraftanlagen laut Fachleuten nicht gesundheitsschädigend

Im Übrigen hieß es im Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes, dass es "vergleichsweise wenige Untersuchungen" über die Wirkung des Betreibens von Windkraftanlagen auf Nutztiere gäbe. Die Mehrheit der Studien beziehe sich auf Wildtierarten. AFP hat sich bereits hier mit Falschbehauptungen zu Windkraftanlagen und Rentieren auseinandergesetzt und konnte keine Belege für Geburtsfehler oder Deformationen bei Rentierkälbern durch Windräder finden.

Tatsächlich befassen sich mehrere Studien (etwa hierhier und hier) mit den Effekten von Windrädern auf Wildtiere. Darin wurde etwa festgestellt, dass Rentiere Windräder meiden. Von Fehlgeburten durch Vibration, wie in sozialen Medien in der Vergangenheit fälschlich behauptet wurde, ist allerdings keine Rede. Eigil Reimers, emeritierter Professor an der Fakultät für Biowissenschaften der Universität Oslo, schrieb AFP dazu am 7. Dezember 2023: "Als Biologe für Wild- und Hausrentiere, der seit mehr als 40 Jahren mit Rentieren arbeitet, bezweifle ich Folgeschäden von Windrädern in Form von Sterblichkeit oder Flucht."

Patrick Scherhaufer beschäftigt sich am Institut für Wald-, Umwelt- und Ressourcenpolitik an der Wiener Universität für Bodenkultur mit Windkraftprojekten. Er fasste am 1. Dezember 2023 gegenüber AFP in Bezug auf Rentiere zusammen: "Es gibt zur Beeinträchtigung gute Forschung, aber Tötung und Fehlgeburten können darin definitiv nicht nachgewiesen / belegt werden." Am 8. März 2024 führte er auf Anfrage von AFP zur aktuell geteilten Behauptung aus, dass er keine Untersuchungen speziell zu Kühen kenne. Die Ergebnisse in Bezug auf Störung von Verhalten, Fruchtbarkeit und Tot- und Fehlgeburten könnten allerdings größtenteils übertragen werden.

Keine Studien zu Gefahr für Kühe durch Windkraft

In dem aktuell geteilten Posting wird durch das Bild von Kühen speziell vor den Gefahren durch Windräder für diese Tiere gewarnt. Stefan Holzheu, Umweltwissenschaftler an der Universität Bayreuth, beschäftigt sich seit Jahren mit Infraschall von Windkraftanlagen. Er schrieb AFP am 6. März 2024: "Mir ist keine einzige wissenschaftliche Studie bekannt, die nachweist, dass der schwache Infraschall von Windenergieanlagen irgendeinen Effekt auf Kühe hat."

Hanns Moshammer, Leiter der Abteilung Umwelthygiene und Umweltmedizin der Medizinischen Universität Wien, erklärte AFP am 7. März 2024, dass er keine Studien zu Kühen kenne. Er erläuterte generell, dass es innerhalb der erlaubten Schallpegel keine biologisch fassbaren Gesundheitsschäden geben würde. Sein Fazit: Der Schaden durch Infraschall werde im Internet behauptet, "entbehrt aber bei derzeit eingesetzten Rädern jeder Grundlage".

<span>Windkraftanlage auf einer Wiese hinter Milchkühen in Saint-Gerand bei Pontivy in Westfrankreich am 19. März 2022</span><div><span>JEAN-FRANCOIS MONIER</span><span>AFP</span></div>
Windkraftanlage auf einer Wiese hinter Milchkühen in Saint-Gerand bei Pontivy in Westfrankreich am 19. März 2022
JEAN-FRANCOIS MONIERAFP

Windräder auch für menschliche Gesundheit nicht schädlich

Von Seiten des UBA hieß es gegenüber AFP am 11. März 2024, dass zu Tieren keine Informationen zur Verfügung stünden. "Wir vermuten hier jedoch unbewiesene Behauptungen." Generell führte Christian Fabris, der sich im UBA mit Lärmwirkung und -minderung auseinandersetzt, aus: "Durch Infraschall von Windenergieanlagen erwarten wir derzeit keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen." Auch Langzeiteffekte seien unbekannt. Wenige Betroffene hätten dem UBA über allgemeinen gesundheitliche Beeinträchtigungen und einen Zusammenhang mit Windenergieanlagen berichtet, laut UBA könne das jedoch nicht auf Infraschall zurückgeführt werden. "Wir müssen deshalb bei den Einzelberichten von Behauptungen und Mutmaßungen ausgehen." Abschließend schrieb Fabris: "Die Behauptung, dass Windräder krank machen, geht aus keiner uns bekannten wissenschaftlichen Untersuchung, Studie oder Veröffentlichung hervor."

Der Informationsbeauftragte des Schweizer Bundesamtes für Umwelt schrieb AFP am 14. März 2024 ebenfalls: "Nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse gehen Expertinnen und Experten heute davon aus, dass im Allgemeinen keine schädlichen oder lästigen Immissionen durch Infraschall zu erwarten sind." Auch Umweltmediziner Heinz Fuchsig von der Österreichischen Ärztekammer schrieb AFP am 7. März 2024: "Mir ist kein Fall einer Erkrankung durch Windräder bekannt und auch keine seriöse peer-reviewte Studie."

Holzheu verneinte gegenüber AFP die geteilte Behauptung auch explizit in Bezug auf Menschen: "Infraschall von Windenergieanlagen ist um Faktor 1000 schwächer als der Infraschall in fahrenden PKWs oder Zügen oder auch nur kräftiger Wind. Auch dort sind keine Effekte bekannt. Generell gilt, es gibt überhaupt keine Wirkhypothese, wie der schwache Infraschall von Windenergieanlagen irgendeinen negativen Effekt beim Menschen auslösen könnte."

DSGS verbreite "wissenschaftlich haarsträubende Geschichten"

Zu Eindrücken, wie die DSGS sie gesammelt hat, meinte Holzheu: "Anekdoten gibt es viele und ich habe auch schon Menschen erlebt, die überzeugt waren, unter dem Infraschall von Windenergieanlagen zu leiden." Verantwortlich hierfür macht er allerdings den sogenannten Nocebo-Effekt. Hierbei handelt es sich – analog zum Placebo-Effekt – um durch eine Scheinbehandlung ausgelöste Nebenwirkungen. "Nicht die Windenergieanlagen sind schuld am Leiden dieser Menschen, sondern die Windkraftgegnerorganisationen wie die DSGS, die mit wissenschaftlich haarsträubenden Geschichten den Menschen Angst machen." Auf AFP-Anfrage hieß es von der Presseabteilung der Landwirtschaftskammer Österreich am 18. März 2024, dass keinerlei Beschwerden oder Berichte zu angeblichen Schäden bei Kühen bekannt seien.

Laut Holzheu zielt die Gemeinschaft darauf ab, Ängste vor einer "unhörbaren und unsichtbarer Infraschallgefahr" zu schüren, wie er auf seiner Website über die DSGS anführt. DSGS-Vorsitzender Peter Jäger, der den Beitrag ebenfalls teilte, verlinkte in seinem Posting auf die Ausführungen der Gesellschaft zu "Auffälligkeiten und Missbildungen bei Tieren". Dort finden sich jedoch keine abrufbaren Studien. Es wird angeführt, dass es sich um "Beispiele" von Beeinträchtigungen und Krankheiten von Rindern, Milchkühen, Kälbern oder auch Hühnern handle.

Auf AFP-Anfrage schrieb Jäger am 14. März 2024, dass der Verein Menschen unterstütze, die seit Jahren schwer betroffen seien. Darunter seien auch Rinderzüchter und Milchbauern. Studien zu den Behauptungen über "Störungen" bei Tieren schickte er auf Nachfrage keine, dafür Videos (etwa hier und hier), in denen einzelne Personen über Beeinträchtigungen durch Infraschall berichteten. Er erklärte außerdem, dass Wahrnehmungsschwellen keine Aussage zur Wirkung von tieffrequentem Schall und Vibration haben könnten – anders als von AFP kontaktieren Fachleuten erläutert. Schall und Vibration werde über das gesamte Kapillarnetz, einem Netz aus winzigen Blutgefäßen, aufgenommen, "und zwar in ihren wandständigen Zellen, den sogenannten Endothelzellen", welche zur Aufnahme von Schall und Vibration fähig seien, behauptete Jäger. Endothelzellen bilden die innerste Zellschicht der Blutgefäße.

Moshammer kann dieser Argumentation wenig abgewinnen, wie er AFP auf Rückfrage am 15. März 2024 schrieb: "Wenn Schall wirklich selbst unter der Hörschwelle noch gefährlich wäre, wie viel mehr müsste ich mich dann vor hörbarem Schall fürchten." Laut Moshammer handelt es sich bei Schall schlicht um eine "rhythmische Änderung des (Luft-)Drucks". Selbst bei einem einfachen Nicken werde der Kopf bereits Schallpegeln von etwa 70 Dezibel ausgesetzt. Holzheu bezeichnete die Argumentation der DSGS gegenüber AFP am 15. März 2024 sogar als "Schwurbelei". Allein die Vermischung von Schall und Vibrationen sei "Quatsch". Auch von Seiten des UBA hieß es am 18. März 2024 dazu: "Es gibt tatsächlich keine wissenschaftlichen Belege, dass solch schwache Infraschallwellen auf Zellebene irgendwelche messbaren pathologischen oder physikalischen Wirkungen auslösen könnten." Das UBA führte zur Harmlosigkeit von Windkraftanlagen einen Vergleich an. Genauso wie wenige Lichtpunkte, etwa einer nachts schwach beleuchteten Stadt, Menschen nicht blenden würden, würde die geringe Intensität von Infraschall von Windrädern Menschen nicht beeinträchtigen.

Fazit: Untersuchungen zeigen keine Anzeichen für gesundheitliche Schäden durch Infraschall von Windkraftanlagen. Aktuell wird behauptet, dass niederfrequente Schallwellen von Windrädern negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Kühen haben könnten. Experten und Expertinnen haben jedoch keine solchen negativen Effekte beobachtet oder dokumentiert. Sie erklärten gegenüber AFP, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für angebliche Fruchtbarkeitsstörungen oder Geburtsfehler bei Kühen gebe, die auf Infraschall zurückzuführen wären. Infraschall von Windkraftanlagen stellt laut Studien auch keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen dar.