Fakten gegen Fake-News: Sehenswerte ZDF-Reportage über Flüchtlinge in Deutschland

Frank Brunner
Freier Autor
Kriminalität, Wohnen, Arbeit - Wie beurteilen Deutschlands Bürgermeister das Zusammenleben mit den Flüchtlingen von 2015?

Vor vier Jahren kamen hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland. Zunächst von vielen Deutschen freudig begrüßt, mehrten sich später kritische Stimmen. Tatsächlich waren viele Kommunen anfangs überfordert mit den Asylbewerbern. Die AfD, zuvor vor allem eine EU-kritische Partei, verdankt der Angst vor Migranten ihren Einzug in den Bundestag. Mittlerweile ist es ruhiger geworden. In den Medien dominieren streikende Schüler, Klimapolitik und die Selbstdemontage der SPD. Die Filmemacherin Utta Seidenspinner kümmerte sich um das Thema Flüchtlinge auch nach dem Abflauen der gesellschaftlichen Erregung. Die Ergebnisse ihrer Recherchen sendete das ZDF am Dienstagabend.

Seidenspinner und ihr Team haben über 1500 Bürgermeister interviewt. Sie wollten wissen: Was ist aus der einen Million Neubürger geworden? Wie gut haben Gemeinden den Zuzug gemeistert? Die Rathauschefs von Städten und Gemeinden sind eine gute Adresse für solche Fragen. Denn sie müssen Probleme vor Ort lösen, sind fast täglich mit den Ängsten ihrer Bürger konfrontiert.

Seidenspinner präsentiert eine wohltuend unaufgeregte Reportage, die nichts beschönigt, aber auch nicht der mancherorts anzutreffenden Hysterie verfällt. Der Film zeigt: Auch in punkto Flüchtlinge ist die Welt nicht schwarz-weiß, sondern komplex. Wer sich ein Urteil auf Basis von Fakten bilden möchte, der ist bei „Deutschland und die Flüchtlinge. Die große Bürgermeisterbilanz” besser aufgehoben als in den meisten Talkshows zum Thema.

Arbeitsmarkt: Einfache Jobs erleichtern Integration

In Deutschland leben aktuell 957.600 erwachsene Flüchtlinge, davon sind rund 20 Prozent arbeitslos. Schließen Flüchtlinge die Fachkräftelücke? Etwa 86 Prozent der befragten Bürgermeister verneinten das. Das liegt vor allem daran, dass es in einigen Regionen nur wenige einfache Jobs gibt.

Beispiel Essen im Ruhrgebiet. Hier beträgt die Arbeitslosenquote 10,4 Prozent, weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Kein Wunder, dass Arbeitsstellen fehlen, die Flüchtlinge ohne eine spezielle Ausbildung besetzen können. Von den 18.900 erwachsenen Flüchtlingen in Essen sind 22,8 Prozent arbeitslos gemeldet. Der Rest lernt in Qualifizierungskursen oder bezieht aus anderen Gründen kein Arbeitslosengeld.

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Der Ökonomie-Professor Thomas Bauer sagt. „Es war ein Irrtum zu glauben, dass viele Fachkräfte kommen, denn Deutschland hat ein sehr ausgeprägtes Berufsqualifizierungssystem, das so in anderen Ländern nicht existiert.” Man könne nicht erwarten, dass alle Flüchtlinge nach drei Jahren die Sprache sprechen und perfekt integriert seien, sagt Bauer.

Völlig anders ist die Lage in Leutkirch im Allgäu. Die Arbeitslosenquote beträgt 2,4 Prozent. Hier sucht man händeringend Menschen für einfache Tätigkeiten - etwa in der Gastronomie oder als Pflegehilfskräfte. Der Inhaber einer Bierbrauerei sagt im Film: „Wir finden keine deutschen Mitarbeiter, wir schalten Stellenanzeigen, aber es meldet sich niemand.” Deshalb hat er Flüchtlinge aus Syrien angestellt. Sie arbeiten als Lageristen und Gabelstapelfahrer. Der Bierbrauer betont: „Wir brauchen Flüchtlinge in unseren Betrieben und es kann nicht sein, dass die Politik sagt: Die müssen alle wieder weg.” Ergebnis: In Leutkirch sind nur 9,5 Prozent der Flüchtlinge arbeitslos.

Wohnungsmarkt: Unmut in Ballungszentren, Willkommen in kleinen Orten

55 Prozent der Bürgermeister bezeichneten den Wohnungsmarkt als größtes Problem in ihren Kommunen. 29 Prozent sagten, dass sich das Problem durch die Flüchtlinge verschärft habe.

Beispiel Ludwigshafen. Schon vor der Flüchtlingskrise fehlte es an Wohnraum, der Zuzug verschärfte den Mangel. Während alteingesessene Bürger in heruntergekommenen Sozialwohnungen leben, ließ die Stadt für die Neuankömmlinge Häuser errichten - wenn auch in sehr schlichter Modulbauweise. Das führte zu Unmut unter den Deutschen. Viele fühlen sich von der Politik vergessen.

Beispiel Golzow in Brandenburg. Der Landstrich zehn Kilometer entfernt von der polnischen Grenze kämpft seit Jahren mit Abwanderung. Vor allem junge Leute ziehen weg. Der letzten Schule im Ort drohte die Schließung. 2016 fuhr der ehrenamtliche Bürgermeister Frank Schütz (CDU) ins Flüchtlingslager nach Frankfurt / Oder und holte syrische Familien mit kleinen Kindern nach Golzow. Die Schule im Ort blieb offen. Alteingesessene Golzower - von denen viele nach dem Krieg selbst vertrieben wurden und die wissen, wie sich Flucht anfühlt - akzeptieren die Neubürger. „Sie haben unsere Gemeinde bereichert” sagt eine Einwohnerin im Film.

Kriminalität: Gefühl der Unsicherheit nimmt zu

Die Gesamtkriminalität ist in Deutschland ist rückläufig, Ängste gibt es dennoch. Rund 26 Prozent der befragten Bürgermeister erklärten, dass das Sicherheitsbedürfnis ihrer Bürger stark zugenommen hat. In Großstädten sind es sogar 39 Prozent.

Beispiel Freiburg. Auch dort sank die Kriminalität in den vergangenen Jahren. Gewaltdelikte nahmen beispielsweise um 11,1 Prozent ab. Dagegen stieg die Zahl der Sexualdelikte um 23 Prozent. 2016 ermordete ein afghanischer Asylbewerber eine junge Medizinstudentin. Seitdem haben viele Freiburger ein Gefühl großer Unsicherheit.

Gesellschaftliche Stimmung: Ein gespaltenes Land

92 Prozent der Bürgermeister erklärten, dass sie die Flüchtlinge verkraften können. Nur 6 Prozent sagten, dass die gesellschaftlichen Konflikte durch den Zuzug der Flüchtlinge zugenommen haben. Allerdings: Im Osten bejahen das mehr als doppelt so viele. Richtig ist aber auch: Rund 21 Millionen Deutschen haben Flüchtlingen aktiv geholfen.

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Beispiel Altena in Nordrhein-Westfalen. Bürgermeister Andreas Hollstein (CDU) bekam 2016 genau 270 Flüchtlinge zugeteilt. Freiwillig nahm er einhundert Menschen mehr auf. Hollstein, seit 20 Jahren Bürgermeister in Altena, sagte: „Ich wurde deshalb bedroht, meine Familie, meine Kinder wurden bedroht, ich erhielt Hassmails.” Ende 2017 wurde Hollstein von einem Rechtsradikalen mit einem Messer angegriffen und verletzt. Einschüchtern ließ er sich davon nicht.

Fazit nach 43 Minuten Reportage: Wer Flüchtlinge in Brennpunkten ansiedelt, in denen sie mit Deutschen um einfache Jobs und preiswerte Wohnungen konkurrieren, muss sich nicht wundern, wenn es zu sozialen Konflikten kommt. Bevölkerungsarme Regionen mit einem Mangel an Nachwuchs und Arbeitskräften können dagegen von Migranten profitieren.

Am Ende des Films sagt einer der Bürgermeister „Ja, Integration kostet viel Geld, aber keine Integration kostet uns noch viel mehr Geld.” Schön, dass das ZDF die Reportage nicht - wie oft üblich - irgendwann vor Mitternacht versendet, sondern in die Primetime gehoben hat.

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