Falschbehauptungen über schwedischen Sex-Wettbewerb stellen Ukraine als verdorbenes Land dar

Seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine im Februar 2022 wird in sozialen Medien immer wieder versucht, die Ukraine als moralisch verdorbenes Land darzustellen. Anfang April 2024 kursierte beispielsweise die falsche Behauptung, dass eine Ukrainerin den "World Sex Championship" gewonnen habe. Begleitet wurden derartige Falschbehauptungen von Beleidigungen der Ukraine und ihres Volkes. Die wirkliche Gewinnerin des "World Sex Championship" war aber eine Schwedin. Ihr Foto wurde so manipuliert, dass es so aussieht, als ob sie eine ukrainische Flagge um die Schultern tragen würde.

"Ukrainerin gewinnt World Sex Championship!!!" heißt es in einem Facebook-Post auf Bulgarisch, in dem ein Foto von einer Frau und einem Mann, die unterschiedliche Flaggen um ihre Schultern tragen, gezeigt wird. Dieser Beitrag wurde seit Anfang April 2024 über 570 Mal geteilt.

<span>Facebook-Screenshot der Behauptung: 30. April 2024 </span>
Facebook-Screenshot der Behauptung: 30. April 2024

Der Beitrag löste abfällige und antiukrainische Kommentare aus: "Das ist das Einzige, was sie gut können", "Sie ist bereit für die Front" oder "OMG, waren sie nicht zu gestresst vom Krieg?".

Die gleiche Behauptung wurde auch auf Websites veröffentlicht, die für ihre Clickbait-Inhalte bekannt sind, wie beispielsweise hier oder hier. Zudem wurde sie in verschiedenen Sprachen und auf unterschiedlichen Plattformen wie etwa Instagram auf Englisch und TikTok auf Französisch geteilt.

Die falsche Behauptung wurde auch auf pravda-en.com veröffentlicht – dabei wurde das Foto so manipuliert, dass das Gesicht des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf dem Körper der Schwedin zu sehen ist. Diese Website ist Teil eines koordinierten Netzwerks, das russische Propaganda in Europa und den Vereinigten Staaten verbreitet, wie die französische Beobachtungsstelle für digitale Einflussnahme aus dem Ausland (Viginum) aufdeckte.

Abgebildete Frau ist aus Schweden

Mittels einer umgekehrten Bildsuche und einer Suche nach Schlüsselwörtern fand AFP das Foto auf der Website einer Organisation namens "Swedish Sex Federation". "Wir sind stolz darauf, die Gewinnerinnen und Gewinner der ersten Sex-Weltmeisterschaft 2024 bekannt zu geben", heißt es in einem Pop-up-Fenster, das auch das Foto zeigt. "Sex-Weltmeisterin: Nausi Love (Schweden)", so der weitere Text in dem Pop-up-Fenster, in dem auch auf einen X-Account verwiesen wird.

Bei einem Vergleich des Originalfotos mit dem manipulierten Foto kann man sehen, dass es sich um die schwedische Flagge und nicht um die ukrainische handelt. Die schwedische Flagge ist zwar auch blau und gelb – wie die ukrainische Flagge – sieht aber trotzdem anders aus: Sie trägt ein gelbes Kreuz auf blauem Hintergrund und die Nationalflagge der Ukraine besteht aus zwei horizontalen Streifen in blau und gelb.

<span>Screenshot der falschen Behauptung (links) und Originalfoto gepostet von LiveSexHouse</span>
Screenshot der falschen Behauptung (links) und Originalfoto gepostet von LiveSexHouse

Auf ihrer Website beschreibt sich Nausi Love als "professionelle Sexarbeiterin, Escort-Girl und Model, die wirklich das Seltsame und Perverse liebt" und "fließend Schwedisch und Englisch spricht". AFP kontaktierte sie über die E-Mail-Adresse auf der Website.

"Ich bin weder Ukrainerin noch Russin. Ich habe auch keine ukrainischen oder russischen Wurzeln in meiner Familie", antwortete sie in einer E-Mail am 25. April 2024. "Ich bin ausschließlich schwedische Staatsbürgerin und ich habe schwedische, dänische, finnische, norwegische und jüdische Wurzeln", fügte sie hinzu.

In einigen Beiträgen in sozialen Medien wurde auch behauptet, ihr richtiger Name sei Olesia Prykhodko. "Nein, das ist nicht mein Name", sagte sie AFP in einer weiteren E-Mail am 30. April 2024.

"Nausi Love ist schwedische Staatsbürgerin", erklärte auch die "Swedish Sex Federation" am 25. April 2024 gegenüber AFP.

Ein Podcast über Desinformation vom öffentlichen französischen Sender Radio France Internationale (RFI) widerlegte ebenfalls die falschen Behauptungen.

Im Juni 2023 widerlegte AFP die Behauptung, Schweden habe Sex als offiziellen Sport anerkannt. Wie in dem Faktencheck-Artikel erläutert, beschreibt sich die "Swedish Sex Federation" als "die einzige Organisation der Welt, die Sex als Sport betreibt" und rühmt sich damit, "die ersten Sex-Weltmeisterschaften organisiert zu haben". Der schwedische Sportverband hat den schwedischen Sex-Verband jedoch nicht anerkannt, sodass die Meisterschaften nicht als offizielle Sportveranstaltung gelten können.

Desinformationsnarrative über die Ukraine und ihre Staatsbürger

Um besser zu verstehen, was hinter diesen Narrativen steckt, sprach AFP mit Milena Yakimova, Assistenzprofessorin für Soziologie an der Universität Sofia und Mitglied der "Human and Social Studies Foundation", eines in Sofia ansässigen Think-Tanks, das russische und EU-feindliche Propaganda beobachtet.

"Das ist Teil eines Gesamtbildes, nachdem es der russischen Propaganda nicht gelungen ist, die Menschen in Bulgarien dazu zu bringen, prorussisch zu sein. Zu Beginn der heißen Phase des Krieges sind nicht nur Putins Zustimmungswerte, sondern auch die Russlands in Bulgarien nachhaltig eingebrochen", sagte sie in einem Telefonat gegenüber AFP am 26. April 2024.

Da "dieses entmythologisierte Image nicht mehr gerade gerückt werden konnte" und "dieser Trick mit der Entnazifizierung der Ukraine nicht aufgegangen ist, wurde eine andere Botschaft verbreitet: 'Hier haben wir den Wettlauf mit dem Westen verloren, also werden wir Trost darin suchen, dass die Dinge, die wir einst wollten und mochten, jetzt hässlich, dekadent und degeneriert sind, und darin werden wir unser Selbstwertgefühl suchen.'"

Sie fügte hinzu, dass dieser Ansatz auch für Behauptungen über ukrainische Frauen gelte und die Botschaft folgendermaßen laute: "Sie sind verdorben und korrupt, und sie sind hier, um unsere Männer zu stehlen."

AFP widerlegte auch ähnliche falsche Behauptungen, die sich etwa gegen Julia Nawalnaja, die Witwe des Putin-Kritikers Alexej Nawalny – der am 16. Februar 2024 in einem russischen Gefängnis zu Tode kam – oder gegen ukrainische und EU-Regierungsbeamtinnen und -beamte richten.

Fazit: Die Frau, die auf dem Foto mit dem Schild "World Sex Champion" zu sehen ist, ist Schwedin und nicht Ukrainerin. Desinformationsnarrative werden seit Beginn des völkerrechtswidrigen russischen Einmarsches in die Ukraine im Februar 2022 bewusst von Putins Propagandamaschinerie verbreitet, um die Ukraine und ihre Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zu diskreditieren.