Potenzial für den Arbeitsmarkt: Fast 3,2 Millionen Menschen in "Stiller Reserve"

Sie sind nicht für den Arbeitsmarkt verfügbar, wünschen sich aber trotzdem Arbeit und bilden somit die Gruppe der "Stillen Reserve": Das ungenutzte Arbeitskräftepotenzial in Deutschland hat 2023 bei fast 3,2 Millionen Menschen gelegen. (INA FASSBENDER)
Sie sind nicht für den Arbeitsmarkt verfügbar, wünschen sich aber trotzdem Arbeit und bilden somit die Gruppe der "Stillen Reserve": Das ungenutzte Arbeitskräftepotenzial in Deutschland hat 2023 bei fast 3,2 Millionen Menschen gelegen. (INA FASSBENDER)

Sie sind nicht für den Arbeitsmarkt verfügbar, wünschen sich aber Arbeit und bilden somit die Gruppe der "Stillen Reserve": Das ungenutzte Arbeitskräftepotenzial in Deutschland hat nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr bei fast 3,2 Millionen Menschen gelegen. In Zeiten von Arbeitskräfte- und Fachkräftemangel spielen diese Menschen eine große Rolle - die Linke kritisierte vor diesem Hintergrund Forderungen zur Arbeitszeiterhöhung.

Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag weiter mitteilte, entsprach die Stille Reserve knapp 17 Prozent aller Nichterwerbspersonen. Im Jahr 2022 lag die Zahl bei 3,0 Millionen Menschen beziehungsweise 16 Prozent der Nichterwerbspersonen. Die Stille Reserve umfasst alle, die zwar kurzfristig nicht für den Arbeitsmarkt verfügbar sind oder nicht aktiv nach Arbeit suchen, sich aber trotzdem Arbeit wünschen.

Sie werden in mehrere Gruppen unterteilt. Etwa 372.000 Menschen gehörten vergangenes Jahr zu jenen, die zwar Arbeit suchen, kurzfristig jedoch keinen Job aufnehmen können - etwa wegen Betreuungspflichten. Die zweite Gruppe umfasst mit rund 945.000 Menschen alle, die gern arbeiten würden und auch verfügbar sind. Sie suchen aber nicht aktiv Arbeit, etwa weil sie glauben, keine passende Tätigkeit zu finden.

Die dritte Gruppe ist am schwersten für den Arbeitsmarkt zu erreichen: Rund 1,85 Millionen Menschen suchten keine Arbeit und waren auch nicht verfügbar. Sie hatten aber einen generellen Arbeitswunsch.

Die Gründe für die Nichtverfügbarkeit sind vielfältig und unterscheiden sich zum Beispiel stark je nach Geschlecht. So gaben 32 Prozent der Frauen zwischen 25 und 59 Jahren in der Stillen Reserve an, dass sie aufgrund von Betreuungspflichten derzeit keine Arbeit aufnehmen können. Bei den Männern in dieser Altersspanne waren es nur vier Prozent.

Gesundheitliche Probleme waren bei 35 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen der Hauptgrund für ihre Inaktivität am Arbeitsmarkt. Insgesamt stellten Frauen 57 Prozent und Männer entsprechend 43 Prozent der Stillen Reserve.

Wie die Statistiker weiter mitteilten, hatten im vergangenen Jahr 58 Prozent der Menschen in der Stillen Reserve mindestens ein mittleres oder ein hohes Qualifikationsniveau. Sie verfügten also mindestens über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder über die Hoch- oder Fachhochschulreife.

Die Linken-Arbeitsmarktexpertin Susanne Ferschl nahm die Zahlen zum Anlass, Forderungen von Arbeitgebern sowie Union und FDP nach einer Erhöhung der Arbeitszeit zu kritisieren. "Der Arbeitskräftemangel ist ein Mythos, um Beschäftigte in diesem Land mit noch mehr arbeitsaktivierenden Maßnahmen zu gängeln und zu Überstunden zu drängen", erklärte sie. Nötig wären vielmehr eine "aktivierende Konjunktur- und Industriepolitik und Investitionen in die öffentlichen Daseinsvorsorge".

Der Handelsverband HDE sieht im derzeitigen Arbeitskräftemangel einen "riesigen Bremsklotz" für die deutsche Wirtschaft. Allein im Einzelhandel seien 120.000 Jobs unbesetzt, sagte Verbandspräsident Alexander von Preen den Zeitungen der Mediengruppe Bayern. "Gesamtwirtschaftlich hat das das Potenzial zum Fiasko." Insgesamt würden große Chancen für den Aufschwung der Binnenkonjunktur verschenkt. Es müsse daher vor allem einfacher werden, Arbeitskräfte aus dem Ausland einzustellen, außerdem müssten vorhandene Qualifizierungen leichter anerkannt werden.

hcy/pe