FDP-Bundestagskandidat Ferhat Asi im Yahoo-Talk: Aufstieg "nicht wegen, sondern trotz des Staates"

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Was bewegt junge Menschen dazu, sich zur Wahl zu stellen und was wollen sie im Parlament bewegen? Darüber hat sich Moderatorin Tessniem Kadiri auf unserem Instagram-Kanal in den Wochen vor der Wahl mit jungen Kandidatinnen und Kandidaten unterhalten, die zum ersten Mal um den Einzug in den Bundestag kämpfen.

Für Ferhat Asi steht die FDP für das Versprechen des Aufstiegs (Bild: Ferhat Asi/Facebook)
Für Ferhat Asi steht die FDP für das Versprechen des Aufstiegs (Bild: Ferhat Asi/Facebook)

Der 28-jährige Ferhat Asi wurde bereits Mitte September in den Stadtrat Papenburg und den Ortsrat Aschendorf gewählt, parallel dazu tritt er auch im Kreis Emsland Nord für die FDP zur Bundestagswahl an. Dass ein Kind kurdischer Flüchtlinge heute bei den Liberalen aktiv ist, finden viele noch ungewöhnlich, doch Asi findet sich hier mit dem großen Thema seiner eigenen Biographie wieder: Dem Aufstieg durch Bildung. “Ich will schon fast behaupten, ich habe das gesamte Bildungssystem in Deutschland eigentlich durch”, erzählt er im Yahoo-Talk: Erst ging er zur Hauptschule, dann holte er den Realschulabschluss nach und machte eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Danach kam das Fachabitur und nun steht Asi kurz vor dem Abschluss seines Studiums des öffentlichen Managements: “Es war ein langer Weg aber jetzt bin ich kurz vor dem Ziel.”

Den Liberalen ist Asi bereits als 18-jähriger Hauptschüler beigetreten, damals erst recht ungewöhnlich, das die FDP damals noch viel stärker als heute den Ruf einer rein wirtschaftsnahen Partei hatte. Aus Asis Sicht hat sich hier einiges getan, die Partei habe aus dem Ausscheiden aus dem Bundestag 2013 viel gelernt und stehe heute vor allem für Bildung und Digitalisierung, womit sie auch viele junge Menschen anspreche. Asi unterstützt darum auch die Forderung nach einer Reduzierung des Wahlalters. Gerade nach all den Problemen im Schulbereich in der Coronakrise hält er es für ungerecht, dass 16- und 17-Jährige nun nicht abstimmen dürfen, wie es unter anderem seine Partei schon früher vorgeschlagen hatte. Doch er kritisiert auch “diesen gewissen Unterton” bei vielen, die den Wirtschaftsfokus der FDP ansprechen. Klassisch liberal denkt er zuerst an eine starke Wirtschaft als Voraussetzung für Investitionen in Infrastruktur und Soziales. “Viele fangen ja erst mit dem Verteilen an und denken dann darüber nach, wie wir das erwirtschaften”, sagt Asi mit Blick auf die politische Konkurrenz.

Asi sieht dringenden Aufholbedarf bei der Digitalisierung und im Bildungswesen. Bei letzterem sieht er den Föderalismus vor allem als Hindernis, er beschreibt es als eine geradezu absurde Situation, dass die Bundesregierung durch Entwicklungshilfe Schulen in anderen Ländern unterstützen könne, während die Bildungsministerin keinerlei Einfluss auf die Schulen im eigenen Land habe. Bildung dürfe nicht länger Ländersache bleiben, auch wenn dafür natürlich noch viel Arbeit und Überwindung von Widerständen erforderlich sei. Und gerade wegen seiner Biographie unterstützt Asi die Vorstellungen der FDP für den Umbau des Sozialstaats: “Ich komme ja selber aus ärmlichen Verhältnissen. Dass ich heute da bin, wo ich jetzt bin, ist nicht wegen des Staates, sondern trotz des Staates”, sagt er. “Als meine Mutter Hartz IV bezogen hat, durfte ich nicht mehr als 100 Euro verdienen, weil [alles darüber] dann mit 80% abgezogen wird.” Einem Jugendlichen aus einer Hartz-IV-Familie bleiben so von einem 450-Euro Job nur 170 Euro übrig. Dieses leistungsfeindliche System müsse sich ändern, dann kämen mehr Menschen aus eigener Kraft aus der “Hartz-IV-Spirale”. Er wirbt darum für das liberale “Bürgergeld” mit höheren Zuverdienstgrenzen und ohne bürokratische Demütigungen.

Von Links und Rechts in die Zange genommen

Um seinen Aufstieg musste Asi auch wegen seiner Herkunft besonders hart kämpfen. Er lebe in einer “rechtskonservativen Gegend”: “Man sagt, das Emsland ist das Bayern von Niedersachsen”. In einem solchen Umfeld habe er als Mensch mit Migrationshintergrund “das Leben im Dispo angefangen”, wie Asi es ausdrückt. Offensichtlich sei etwa die Ungleichbehandlung bei Bewerbungen gewesen. Auch im Wahlkampf bekomme er noch problematische Reaktionen: “Die FDP hat auch Ausländer?”, habe etwa eine ältere Person gefragt. “Für mich sind das aber keine Rassisten, das sind Menschen, die aus dieser alten Welt kommen und das nehm ich ihnen nicht übel, weil sie das gar nicht kennen, nie mit Ausländern oder Menschen mit Migrationshintergrund zu tun hatten.” In seiner Generation sehe er dafür keine Probleme mehr. Eher werde er als als FDP-Mitglied “in die Zange genommen, von der linken und der rechten Seite” - von den einen wegen seiner Parteizugehörigkeit, von den anderen wegen seiner Herkunft. “Ich krieg natürlich auch Nachrichten und E-Mails, mir wurde schon vorgeworfen, dass ich PKK-Terrorist bin, ich werde auf diversen AfD-Seiten auf Facebook aufgelistet, das passiert”, berichtet Asi. “Aber ich mach nicht aus diesen paar Fällen eine Pauschalisierung, dass alle so denken.” 

Asi ist stolz auf seinen Aufstieg gegen alle Widerstände und die aktuelle Präsenz als Jungpolitiker etwa auf Plakaten im öffentlichen Raum, er will so Beispiel für junge Menschen in ähnlichen Situationen sein. Die Chancen dafür dürften aber auch nicht mehr so stark vom Zufall abhängig sein. So setzt er sich auch dafür ein, dass junge Migrantenfamilien im Ausländerrecht mehr Spielraum bekommen, eine Existenz aufzubauen und nicht sofort von der Abschiebung bedroht sind, wenn etwa der Vater kurzzeitig keine Arbeit habe - genau das habe auch seiner Familie einmal gedroht. Asi leugnet nicht, dass gerade die FDP noch viel Nachholbedarf in Sachen Diversität hat, aus seiner Sicht biete derzeit generell keine Partei ein richtiges Angebot für migrantische Jugendliche. In der eigenen Partei arbeitet er in der “Liberalen Vielfalt” daran mit, dies zu verbessern.

Den Wahlkampf erlebte er als eine intensive Zeit, zwischendurch fühlte er sich “schon ausgebrannt”, doch es gebe auch viel Motivation durch den Zuspruch aus der Bevölkerung. Immerhin fiel der Wahlkampf mit den Semesterferien zusammen, auch sonst habe das Studium auf jeden Fall vorrang: “Die Bachelorarbeit geht natürlich vor, meine Mutter würde mich umbringen wenn ich da jetzt der Meinung bin, dass ich hier auf cool mache und im Bundestag sitze und Anträge schreibe”, scherzt Asi. Ernster fügt er hinzu: “Politiker sein, im Bundestag sitzen, das ist nicht auf Dauer, du kannst in vier Jahren wieder abgewählt sein.” Deswegen seien die Bildung und ein sicherer Job viel wichtiger. Für Asi ist das ohnehin eine eher hypothetische Frage, mit seinem Listenplatz sieht er kaum Chancen auf den Einzug ins Parlament und das Direktmandat sei fest in der Hand der CDU. Er betrachtet diesen Wahlkampf vor allem als wichtige Lernerfahrung. Zunächst will er nun vor allem sein Studium beenden, eine berufliche Zukunft aufbauen und in der Kommunalpolitik weitere Erfahrungen sammeln - um dann in vier Jahren auf einem aussichtsreicheren Listenplatz erneut für den Bundestag anzutreten.

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