Was die Ferrari-Ansage für Vettel bedeutet

Franziska Wendler

Eigentlich wollte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto im Interview mit der Gazzetta dello Sport nur Gerüchte um eine mögliche Verpflichtung von Max Verstappen dementieren. Die Worte, die er wählte, besaßen jedoch deutlich mehr Sprengkraft als erwartet – vor allem für Sebastian Vettel.

Auf die Frage, ob man es sich bei Ferrari vorstellen könne, Max Verstappen zu verpflichten, antwortete der 49-Jährige: "Ich denke, wir sollten einen großartigen Nummer-1-Fahrer haben und einen, der auch Rennen gewinnen und Punkte holen kann."

Eine Verstappen-Verpflichtung würde demnach "Schwierigkeiten für das Teammanagement mit sich bringen", so Binotto.


Leclerc ist die Zukunft bei Ferrari

Welchem Fahrer der Italiener, die jeweilige Rolle im Ferrari-Team zuordnet, ließ er offen. Spielraum zur Spekulation bleibt allerdings kaum.

In Charles Leclerc hat die Scuderia den "großartigen Nummer-1-Fahrer", der dies bei den zwei Siegen zuletzt einmal mehr unter Beweis stellte. Zudem betonen die Verantwortlichen immer wieder, dass Leclerc die Zukunft von Ferrari ist.

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In Maranello sieht man den jungen Monegassen als künftigen Weltmeister in Rot, auf Vettel scheinen dagegen nur noch wenige Hoffnungen zu liegen. Vettel bleibt deshalb wohl nur noch die Rolle des gelegentlichen Rennsiegers.

Vettel wie Bottas?

Mercedes lebt dieses Prinzip aktuell vor: Auf der einen Seite der fünfmalige Weltmeister Lewis Hamilton, der die Fahrer-Titel einfahren soll - auf der anderen Valtteri Bottas, der ab und an Rennen gewinnt und dem Team hilft, Konstrukteurs-Weltmeister zu werden.

Ähnlich sieht Binotto die Verteilung offenbar auch bei Ferrari, nur dass Vettel ein viermaliger Weltmeister und nicht titellos wie Bottas ist, weshalb er diese Rolle dauerhaft kaum akzeptieren würde.

Für den Deutschen sind die Aussagen seines Teamchefs ein weiterer Schlag. Seit Spa 2018 wartet Vettel auf einen Sieg, während Leclerc mit dem Sieg beim Heimrennen in Monza mit Liebe und Begeisterung der Tifosi überschüttetet wurde.


Vettel unter Zugzwang

Doch was bedeutet die Binotto-Ansage konkret für Vettel?

In der laufenden Saison sind noch sieben Rennen zu fahren. Der Vorsprung von Mercedes ist riesig und Leclerc und Vettel haben nur noch theoretische Chancen ganz vorne mitzumischen - gut für Vettel, da Ferrari deshalb kaum zur Teamorder greifen wird.

Bis Anfang Dezember geht es für den Deutschen nun vor allem darum, das Selbstbewusstsein mit guten Leistungen zu stärken und das eigene Standing bei Ferrari zu rehabilitieren. Die Chemie mit Leclerc ist seit dem Qualifying-Eklat in Monza ohnehin arg gestört.

Auto passt besser zu Leclerc

Aber wie geht es mit Vettel weiter? Bis Ende 2020 läuft sein Vertrag bei der Scuderia. Berichten zufolge könnten aber sowohl Vettel als auch Ferrari den Kontrakt nach Ablauf der aktuellen Saison via Ausstiegsklausel beenden.

Bereits jetzt ist der Ferrari-Bolide eher auf die fahrerischen Bedürfnisse von Leclerc zugeschnitten, der Deutsche hadert dagegen häufig mit seinem Boliden. Es ist unwahrscheinlich, dass Ferrari bei seinem nächsten Boliden Vettel bevorzugt.


Sollte Leclerc 2020 vor Vettel platziert sein und tatsächlich um den WM-Titel mitkämpfen können, müsste sich Vettel vermutlich in dessen Dienst stellen und ihm zum Triumph verhelfen. Spätestens dann dürfte der erfolgshungrige 32-Jährige endgültig genug haben.

Vettel-Wechsel zu Mercedes?

Eine Vertragsverlängerung von Vettel bei der Scuderia kann sich aktuell kaum jemand vorstellen. Als Nummer zwei im Schatten eines aufstrebenden Youngsters sieht sich der 32-Jährige mit Sicherheit nicht. Doch welche anderen Optionen bleiben ihm?

Zu einem Mittelfeld-Team wird Vettel nicht gehen, also bleiben nur Mercedes oder Red Bull. Bei den Silberpfeilen laufen die Verträge von Bottas und Hamilton 2020 aus.

Dass der Finne bleibt, gilt als unwahrscheinlich - falls keine große Leistungssteigerung erfolgt. Neben Hamilton könnte Mercedes dann aber auf einen Nachwuchsmann wie Ocon oder George Russell setzen.

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Hamilton flirtet mit Ferrari

Doch auch ein Verbleib von Hamilton ist ungewiss. Der Brite hat nicht erst einmal durchblicken lassen, dass er sich vorstellen könnte, zum Ende seiner Karriere im Ferrari-Cockpit zu sitzen, um seiner einzigartige Karriere die Krönung zu verpassen.

Mercedes bräuchte dann einen erfahrenen Fahrer mit Erfolgen, da man kaum zwei Youngster gleichzeitig in den Mercedes setzen würde. Ein Tausch zwischen Vettel und Hamilton ist also zumindest denkbar.

Für Vettel wäre dies wohl die maximale Herausforderung, für Hamilton die Chance zu beweisen, dass er auch einen viermaligen Weltmeister im Griff hat.


Red Bull keine Option

Ein Gang zurück zu Red Bull, wo Vettel alle vier WM-Titel gewann, scheint zumindest für die kommende Saison ausgeschlossen. "Vettel hat für uns keine Relevanz", erteilte Boss Helmut Marko Wechselgerüchten eine klare Absage.

Danach ist vieles möglich, denn auch Verstappen könnte langsam ins Grübeln kommen, ob das bei Red Bull mit dem WM-Titel in naher Zukunft klappen wird. Vettel wäre dann sicher ein ernsthafter Kandidat, zumal er immer noch gute Kontakt zu den Red-Bull-Mitarbeitern pflegt. 

Sollte es mit keinem Topteam zu einer Einigung kommen, ist die Option Karriereende wahrscheinlich. Der Deutsche hatte seine Zukunft in der Königsklasse ohnehin an die Regeländerungen ab 2021 geknüpft und sich damit ein Hintertürchen offen gehalten.

Bis dahin ist aber noch etwas Zeit und aktuell interessiert Vettel laut Binotto sowieso nur eines: "Er hat sein Ziel, Weltmeister mit Ferrari zu werden, nicht aus den Augen verloren." In den letzten sieben Rennen muss Vettel nun dafür sorgen, dass die Ferrari-Bosse auch wieder daran glauben.