Filmemacher Loznitsa zeigt in Cannes Doku über Kriegsalltag in der Ukraine

Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa, der seit langem im europäischen Ausland lebt und auch einen Wohnsitz in Berlin hat, hat am Donnerstagabend in Cannes seinen neuen Dokumentarfilm mit dem Titel "Invasion" in Cannes vorgestellt. (LOIC VENANCE)
Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa, der seit langem im europäischen Ausland lebt und auch einen Wohnsitz in Berlin hat, hat am Donnerstagabend in Cannes seinen neuen Dokumentarfilm mit dem Titel "Invasion" in Cannes vorgestellt. (LOIC VENANCE)

"Wenn es Tränen gibt, sollen es Tränen der Freude sein", sagt eine ukrainische Standesbeamtin zu Ivan und Viktoria, einem frisch getrauten Paar. Die Braut trägt ein hochgeschlitztes weißes Kleid, er eine rosa Rose an der Uniform - eine Momentaufnahme aus dem Kriegsalltag. Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa, der seit langem im europäischen Ausland lebt, hat am Donnerstag seinen Dokumentarfilm "Invasion" in Cannes vorgestellt.

"Ich wollte zeigen, wie der Krieg die Gesellschaft verändert", sagt Loznitsa. Zehn Jahre ist es her, dass Loznitsa in Cannes mit seinem Dokumentarfilm "Maidan" die ukrainischen Proteste zeigte, die zum Sturz des damaligen Kreml-treuen Präsidenten Viktor Janukowitsch führten. Nun geht es in "Invasion" um den russischen Angriffskrieg in seinem Land.

Eine "Ode an die Ukraine" solle sein Film sein, betont Loznitsa, der 2022 von der ukrainischen Filmakademie ausgeschlossen wurde, weil er sich gegen einen pauschalen Boykott russischer Filmemacher ausgesprochen hatte. Dazu habe er seine Meinung nicht geändert, sagt er.

Lange Einstellungen, keine Musik, keine Kommentare - Loznitsa bleibt seinem Stil treu. "Ich will in das Material nicht eingreifen, ich will es nicht korrumpieren", erklärt er. Auf diese Weise werde der Zuschauer in das Geschehen hineingezogen. "Er wird Teil der Tragödie", erklärt der Filmemacher. "Ich will so ehrlich wie möglich sein, wenn ich etwas dokumentiere - ob ich es mag oder nicht."

Eine Szene in dem gut zwei Stunden langen Film sei für ihn besonders schmerzlich gewesen, sagt der Regisseur. Zu sehen ist ein schicker Buchladen auf zwei Etagen mit dunklen Holzregalen, schmiedeeisernem Treppengeländer, Ledersofa. Vor der Kasse und im Lager stapeln sich Bücher, teils in Kartons, teils mit Schnüren gebündelt. Junge Männer holen die Stapel aus dem Laden und werfen sie auf einen Lastwagen, wortlos, geschäftig.

Es sind russische Bücher. Dostojewski, Puschkin, Bilderbücher, Übersetzungen von Jack London und Stefan Zweig. Später laufen sie über ein Laufband in eine Altpapierpresse, so langsam, dass die Titel zu lesen sind.

"Diese Szene hat mir sehr wehgetan", sagte Loznitsa. "Ich kenne den Laden, ich kenne die Bücher. Ich hatte manche von ihnen als Kind auf dem Nachttisch liegen", erinnert er sich. Die Zerstörung der russischen Bücher sei eines der Zeichen, wie die Gesellschaft sich verändere. "Ich kann die Gefühle verstehen, aber ich kann es nicht akzeptieren", sagt er. "Der Akt des Vernichtens ist für mich unerträglich."

Beerdigungen, Schießübungen, das Abfüllen von Kanistern an einer Wasserstelle - all das ist in dem Dokumentarfilm zu sehen. "Na, wo ist Euer Lächeln", ruft ein Weihnachtsmann, der mit einer Gruppe von Kindergartenkindern tanzt und anschließend Geschenke verteilt. Eine junge Frau hofft auf die Freilassung ihres Partners, der in russischer Gefangenschaft ist. "Wir sind nur 30 oder 40 Kilometer voneinander entfernt, es ist verrückt", sagt sie.

Loznitsa hat gleich nach Kriegsbeginn angefangen, an der Dokumentation zu arbeiten, ohne allerdings selbst in die Ukraine zu fahren. Ein oder zwei Mal pro Monat ist ein kleines Team losgefahren, in Städte und Dörfer in verschiedenen Landesteilen. "Wir wollten einen möglichst breiten Ausschnitt der Gesellschaft zeigen", sagt er.

Der ukrainische Filmemacher zählt zu den Stammgästen in Cannes. Sein Film "Mein Glück" war der 2010 der erste ukrainische Film, der auf dem Festival gezeigt wurde. Es folgten "Maidan" sowie "Donbass", "Babyn Jar. Kontext" und "Luftkrieg".

Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, den früher erfolgreichen Schauspieler und heutigen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für einen seiner nächsten Filme zu verpflichten, lacht er, wird aber schnell wieder ernst. "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht", meint er. Seine ganze Hoffnung sei darauf gerichtet, dass dieser Krieg ende. "Dafür bete ich jeden Tag."

kol/ck