Flüchtlingsarbeit: Fünf Ehrenamtliche aus Bickendorf im Gespräch

Sie sprechen über die Situation, ihre freiwillige Arbeit und die Zukunft.

Bis zum Jahresende sollen – laut einer Ankündigung der Stadtverwaltung – alle Schulturnhallen, die als Unterkünfte für Flüchtlinge dienen, geräumt sein. Eine dieser Notunterkünfte ist seit mehr als einem Jahr die Turnhalle der städtischen Förderschule Lindweiler Hof an der Rochusstraße.

Bis zu 70 Menschen leben hier. Viele Menschen aus dem Viertel Bickendorf engagieren sich seither. Sie erleben Bedrückendes, Enttäuschung oder auch Ärger, sind aber überzeugt, dass ihr Leben reicher geworden ist.

Wie ist das Leben in der Turnhalle?

Otto Jäger: Es sind schon verheerende Zustände. Wir merken das im Deutschkurs. Die Menschen sind oft müde und unkonzentriert, haben ständig Kopf- oder Rückenschmerzen, sind häufig krank. Das ist aber kein Wunder, denn es gibt ja keine Ruhe und keine Privatsphäre. Man kann da keine Nacht durchschlafen.

Luise Jäger: Wir wissen eigentlich nie genau, wer zu unseren Angeboten kommt. Es kommt vor, dass wir von einer Woche auf die andere eine komplett neue Gruppe haben. Zum einen, weil manche Bewohner woanders hin verlegt wurden oder eben weil manche, die sonst kamen, aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse oder ihrer Perspektivlosigkeit antriebslos oder sogar depressiv sind. Es hat ja noch nicht einmal jeder Bewohner einen Sitzplatz und für jeden gibt es nur ein halbes Spind.

Christiane Balzer: Es bestehen kaum Möglichkeiten, persönliche Sachen zu lagern. Ein weiteres Problem ist, dass es keinerlei Rückzugsraum gibt. Das macht die Angebote von außerhalb so wichtig.

Was gibt es für Angebote?

Sigrid Derya: Wir bieten mit drei Kolleginnen einmal pro Woche eine Bastelrunde an. Es nehmen Kinder aller Altersstufen teil. Zum Glück können wir den Kunstraum der Förderschule nutzen.

Christiane Balzer: Wir sind beide Lehrerinnen an der Förderschule, das Engagement findet natürlich in unserer Freizeit statt.

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht als Lehrerinnen, dass die Kinder zur Schule gehen können?

Sigrid Derya: Schulplätze sind das Allerwichtigste. Integration kann dadurch am schnellsten geschaffen werden.

Christiane Balzer: Aber in Köln dauert es viel zu lange, bis Schulplätze geschaffen werden. Manche Kinder mussten bis zu drei Monaten warten.

Wie ist die Kochgruppe organisiert?

Christiane Balzer: Wir haben erlebt, dass sich Flüchtlinge im Winter im benachbarten Park mit einem Grill Essen zubereitet haben. Das angelieferte Essen schmeckt den meisten nicht, und alle zwei Wochen wiederholt sich die Speisenfolge.

Dank der Schulleitung können wir zweimal in der Woche, freitags und montags, die Küche im Montessori-Gymnasium nutzen. Es kommen zwischen vier und 16 Bewohner. Zehn Ehrenamtler betreuen im Wechsel die Gruppe. Die Bewohner bringen die Zutaten mit. Eigenes Essen machen zu können, bedeutet für die Geflüchteten ein Stück verlorener Heimat und für uns neue Geschmackserlebnisse. Es wird oft für mehrere Tage im Voraus gekocht, obwohl das Lagern von Essen ziemlich schwierig ist.

Welche Angebote gibt es noch?

Michael Scherberich: Wir haben im Herbst das Bickendorfer Fahrradbüdchen eröffnet. Es soll Werkstatt und Treffpunkt zugleich sein. Flüchtlinge, aber auch Anwohner können alte Fahrräder reparieren oder neu zusammensetzen. Die Räder werden dann gegen einen Obolus abgegeben. Mir macht es einfach Freude, zusammen mit den jungen Flüchtlingen an Fahrrädern zu schrauben und ihnen mehr Mobilität zu geben.

Wie wird das Sportangebot angenommen?

Christiane Balzer: Es ist immer wieder ein Erlebnis zu sehen, welchen Bewegungsdrang die Kinder haben und wie sie es genießen, erstmal nur in der Halle herumzurennen und zu schreien. Wir könnten noch männliche Ehrenamtliche gebrauchen, die in der Halle des Montessori-Gymnasiums Sport für Jungen betreuen.

Haben Sie als Ehrenamtliche die Möglichkeit, über Ihre Eindrücke mit jemandem zu reden, also eine Art Supervision?

Christiane Balzer: Es gibt Angebote. Aber das wäre ja nochmals ein zusätzlicher Zeitaufwand.

Otto Jäger: Es ist schon sehr frustrierend, was wir erleben oder mit anhören müssen. Wir erfahren ja auch, was für ein Leben die Geflüchteten in ihrer Heimat hatten. Aber wenn man sieht, was wir denen über einen längeren Zeitraum anbieten, ist das blamabel für Deutschland. Ich kann auch nicht verstehen, warum es so lange dauert, Container-Wohnungen zu bauen. Man hat manchmal den Eindruck, als ob hinter den Verzögerungen ein System steckt.

Hat sich bei Ihnen als engagierte Ehrenamtler so etwas wie Ernüchterung breit gemacht?

Otto Jäger: Nein. Wir geben sehr viel, aber wir bekommen auch sehr viel. Die Arbeit in der Unterkunft macht auch unser Leben reicher. Ich habe gehört, dass die Zahl der ehrenamtlich Engagierten in den Willkommensinitiativen rückläufig sei. Das ist schade.

Luise Jäger: Bei allem Negativen muss man aber auch sagen, dass viele Bewohner die Atmosphäre der gegenseitigen Unterstützung schätzen. Es gab Fälle, wo Bewohner nicht vom Lindweiler Hof wegziehen wollten in eine Unterkunft mit mehr Privatsphäre. Sie hätten sich dort nämlich einsam und isoliert gefühlt.

Christiane Balzer: Was hier in Bickendorf passiert, ist schon extrem gut. Trotzdem ist es frustrierend, wenn man hören muss, dass der Lindweiler Hof die letzte Turnhalle sein soll, die dem Schulsport zurückgegeben wird, weil die Stadt weiß, dass es hier so viele Ehrenamtler gibt. Das gibt uns das paradoxe Gefühl, dass unser Engagement dazu beiträgt, dass wir die unhaltbare Situation in den Notunterkünften womöglich noch verlängern.

Die Initiative

Seit Dezember 2015 gibt es in Bickendorf/Ossendorf die Initiative „Weltoffen im Veedel“. Mit beteiligt sind die Kirchengemeinden. Der Verein „Aktion Nachbarschaft“ betreibt das Fahrradbüdchen.

www.weltoffen-im-veedel.de

www.aktion-nachbarschaft.de...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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