Flucht aus größter Gefahr: Anti-Taliban-Kämpferin Salima Mazari ist in Sicherheit

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Noch im Juli verteidigte Salima Mazari ihren Distrikt entschlossen gegen die Taliban (Bild: FARSHAD USYAN / AFP)
Noch im Juli verteidigte Salima Mazari ihren Distrikt entschlossen gegen die Taliban (Bild: FARSHAD USYAN / AFP)

Die Bilder dieser jungen Frau gingen während des Vormarsches der Taliban im Sommer um die Welt: Gouverneurin Salima Mazari stellte sich in ihrem Distrikt Charkint in der Provinz Balch tapfer den Islamisten entgegen, organisierte eine Bürgermiliz und kämpfte auch selbst an der Front.

Im gebirgigen Gelände konnte Mazari die Taliban zunächst effektiv in Schach halten, doch mit dem Fall der Provinz kam auch ihr Widerstand an sein Ende. Danach blieb Mazaris Schicksal lange unklar. Im Netz kursierten Gerüchte über ihre Gefangennahme durch die Taliban ebenso wie die Meldung, sie sei entkommen. Nun wurde bekannt: Salima Mazari ist tatsächlich in Sicherheit. Die “Time” veröffentlichte einen ausführlichen Bericht über die abenteuerliche Flucht Mazaris, an der einer der Autoren beteiligt war.

Mazari war demnach gerade im Büro ihres Vorgesetzten, des Gouverneurs von Balch, in Mazar-i-Scharif, als die Nachricht von der Kapitulation der Streitkräfte in der Provinz eintraf. Die Taliban kreisten die Stadt ein, die Wege zu ihrem Distrikt waren bereits blockiert. Mazari befahl ihren Kämpfern per Telefon, angesichts der hoffnungslosen Lage ihre Waffen niederzulegen. Für sie selbst kam indes nur die Flucht in Frage - als Kämpferin, Politikerin, Frau und ethnischer Hazara war sie gleich aus mehreren Gründen akut gefährdet und rechnete mit dem Schlimmsten falls sie den Taliban in die Hände fallen sollte.

Vorbei an feiernden Taliban

Zunächst schloss sie sich mit ihrem Ehemann einem Konvoi zur Grenze nach Usbekistan an, doch das Nachbarland gewährte nur den höchstrangigen Flüchtenden wie dem Gouverneur und den Warlords Abdul Rashid Dostum und Atta Mohammed Noor Zuflucht, Mazari wurde wie viele andere abgewiesen. 

In eine Burka gekleidet wurde Mazari zusammen mit ihrem Mann von Verwandten nach Mazar-i-Scharif zurück geschmuggelt. Als letzte Hoffnung blieb der Weg nach Kabul, um irgendwie auf einen Evakuierungsflug zu kommen. Wieder mit Burka und in einer größeren Gruppe von Familienmitgliedern reisend, konnte Mazari ungehindert an den Taliban-Checkpoints vorbei. “Sie haben uns ohne Schwierigkeiten durchgelassen. Es war der Tag, an dem der Staat zusammengebrochen ist, und sie haben gefeiert”, erzählte Mazari “Time”. 

Viele Afghanen mussten ihr altes Leben hinter sich lassen (Bild: Sgt. Samuel Ruiz/U.S. Marine Corps/Handout via REUTERS)
Viele Afghanen mussten ihr altes Leben hinter sich lassen (Bild: Sgt. Samuel Ruiz/U.S. Marine Corps/Handout via REUTERS)

In Kabul wechselte die Gouverneurin häufig die Verstecke und suchte Hilfe bei ihren internationalen Kontakten - darunter “Time”-Autor Zakarya Hassani, der sie im Juli interviewt hatte und bereits nach Paris ausgeflogen worden war. Befreundete Journalisten und Aktivisten, die bereits fieberhaft an der Evakuierung von Kollegen und Freunden arbeiteten, konnten die Aufnahme Mazaris und ihrer Familienmitglieder auf eine Evakuierungsliste für besonders gefährdete Personen des US-Außenministeriums arrangieren. Ende August wurde sie zusammen mit ihrem Ehemann und 12 weiteren Verwandten, darunter mehreren Kindern, zuerst per Hubschrauber zum Flughafen gebracht und dann über Katar in die USA ausgeflogen.

Der Untergang einer Nation

Die Rettung sei zugleich ihr größter Albtraum gewesen, sagt Salima Mazari “Time”. Nach dem schweren Kampf gegen die Taliban habe sie sich von ihrer Regierung betrogen gesehen. “Am Flughafen Kabul wurde ich Zeugin des Falls einer Nation. Ich habe gesehen, wie Familien flohen und alles hinter sich ließen… es war schwer, meine Leute in dieser Lage zu sehen. Ich habe viel geweint. Ich habe an all die jungen Menschen gedacht, die in den letzten 20 Jahren für diese böse Politik geopfert wurden, an die Hoffnungen einer Generation, die nun der Zerstörung anheimfallen.” 

Doch natürlich gibt Mazari auch jetzt nicht auf: “Im Moment ist bewaffneter Kampf nicht mehr die Lösung, wir müssen einen anderen Weg finden, um dem Land zu helfen. Mein Kampf für die Freiheit und den Stolz meines Volkes wird nie enden.”

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