Flucht aus Psychiatrie: Geiselnehmer legt Geständnis ab

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Der Angeklagte wird in das Gerichtsgebäude geführt. Er und ein weiterer suchtkranker Patient waren Mitte Mai 2020 aus der Forensik geflohen, nachdem sie einen Pfleger mit einem Messer bedroht hatten.
Der Angeklagte wird in das Gerichtsgebäude geführt. Er und ein weiterer suchtkranker Patient waren Mitte Mai 2020 aus der Forensik geflohen, nachdem sie einen Pfleger mit einem Messer bedroht hatten.

Zwei Männer bedrohen Pfleger mit Messern und fliehen aus der Psychiatrie - der Ausbruch endet für einen von ihnen tödlich. Nun legt der überlebende Ausbrecher vor Gericht ein Geständnis ab.

Kleve (dpa) - Nach einer spektakulären Geiselnahme und Flucht aus der geschlossenen Psychiatrie in Bedburg-Hau vor einem Jahr hat einer der Ausbrecher vor dem Landgericht Kleve am Mittwoch ein Geständnis abgelegt.

Er habe einem Pfleger ein Messer an den Hals gehalten und ihn unter Todesdrohungen gezwungen, ihn und einen Mitpatienten aus der streng gesicherten Anstalt am Niederrhein zu bringen, sagte der drogensüchtige Deutsche, der am Verhandlungstag 45 Jahre alt wurde, vor dem Landgericht Kleve.

Später habe er auch das dem Pfleger gestohlene Auto in einer nächtlichen Fahrt über Holland bis Aachen gesteuert. Unterwegs hätten sie noch in Venlo Station gemacht und Kokain besorgt.

Die Flucht ging die ganze Nacht durch. Am folgenden Tag, dem 26. Mai 2020, entdeckte die Polizei die Flüchtigen in Aachen. Der damals 37 Jahre alte Kompagnon des Angeklagten nahm auf einem Kinderspielplatz in Aachen eine unbeteiligte Frau als Geisel und bedrohte sie mit einem Messer. Nach mehreren Warnungen erschoss ihn die Polizei. Der Angeklagte hatte sich unmittelbar vor der Festnahme von seinem Begleiter getrennt und war ganz in der Nähe überwältigt worden, nachdem ihn ein Polizeihund attackiert und gebissen hatte.

Auslöser für die Tat sei ein Gerichtsbeschluss gewesen, dass er nach seinem Maßregelvollzug zur Drogenentgiftung wegen zweier alter Straftaten wieder in reguläre Haft kommen sollte, sagte die Anwältin des 45-Jährigen. Das habe ihn völlig aus der Bahn geworfen, weil er keine Perspektive mehr gesehen habe. Damit habe er im Maßregelvollzug auch alle Chancen auf Lockerungen verloren, sagte der Angeklagte. Er habe daraufhin etwa zwei Wochen vor der Tat damit begonnen, verstärkt heimlich verdünntes Desinfektionsmittel zu trinken, das aus hoch konzentriertem Alkohol besteht. Am Tattag, dem 25. Mai, habe er außerdem von einem Mitpatienten hergestellten «Aufgesetzten» in großen Mengen getrunken.

Alkohol, Drogen, Entgiftungen und Rückfälle zögen sich wie ein roter Faden durch das Leben des Angeklagten, sagte seine Anwältin. Er ist laut Bundeszentralregister 17 Mal vorbestraft, meist wegen Drogendelikten und Beschaffungsdiebstählen.

Am Abend des Ausbruchs habe er das Gefühl gehabt, keine Kraft mehr zu haben, berichtete der groß gewachsene Angeklagte mit Glatzkopf und auffälligen Nackentattoos. «Wenn Du gehen möchtest, nimm mich mit», habe er zu seinem später getöteten Mitpatienten gesagt. «Dann gehen wir sofort», habe dieser erwidert. Der Entschluss sei so spontan gekommen, dass er erst mal seine Hausschuhe gegen Turnschuhe eintauschen musste, berichtete der Angeklagte. Auch andere wichtige Dinge habe er zurückgelassen, darunter seinen Ausweis.

Die beiden Männer betraten gegen 22.20 Uhr den Aufenthaltsraum der beiden Nachtschicht-Pfleger. Sie hätten sie mit einem selbst gebastelten Rasierklingen-Messer und einem Küchenmesser bedroht. Einen Pfleger sperrte der 45-Jährige in einen Raum ein, wie er vor Gericht berichtete. Den anderen zwang er, den Pförtner unter einem Vorwand zum Öffnen der Sicherheitsschleuse zu bringen. «Wenn sich die Schleuse nicht öffnet, überlebst Du das nicht», hatte der Angeklagte dabei gedroht. Der Pfleger gab vor, mit den beiden Patienten zusammen den Müll rausbringen zu wollen. Der Pförtner öffnete. Die beiden Patienten gingen raus auf den Parkplatz.

Dem Angeklagten drohen bis zu 15 Jahre Haft wegen Geiselnahme und schweren Raubs. Das Gericht hat noch mehrere Verhandlungstage angesetzt. Gehört werden unter anderem zahlreiche ehemalige Mitpatienten.

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