Fluide Intelligenz fördern - Abbau beginnt bereits ab 25: Experte verrät, wie Sie Ihr Gehirn fit halten

Neurophysiologe Gerd Wirtz erklärt, warum unser Gehirn bereits viel früher an Leistung verliert und was dagegen hilft.<span class="copyright">Getty Images/iStockphoto</span>
Neurophysiologe Gerd Wirtz erklärt, warum unser Gehirn bereits viel früher an Leistung verliert und was dagegen hilft.Getty Images/iStockphoto

Viele glauben, dass der geistige Abbau erst im hohen Alter beginnt. Neurophysiologe Gerd Wirtz erklärt, warum unser Gehirn bereits viel früher an Leistung verliert und was dagegen hilft.

Stimmt es, dass unser Gehirn schon ab dem 25. Lebensjahr und ab 40 sogar noch stärker abbaut?

Ja, das stimmt tatsächlich. Bereits ab dem 25. Lebensjahr beginnen Abbauprozesse im Gehirn. Besonders betroffen ist die graue Substanz, die Nervenzellkörper enthält. Ab dem 40. Lebensjahr beschleunigen sich diese Prozesse, was zu einer spürbaren Abnahme der kognitiven Fähigkeiten führen kann. Doch keine Panik – das passiert nicht bei jedem gleich und hängt stark vom Lebensstil und den Genen ab.

Abbauprozesse im Gehirn beginnen schleichend und sind zunächst kaum merkbar. Deutlicher werden sie meist ab etwa dem Alter von 50 Jahren. Wir merken dies daran, dass unser Kurzzeitgedächtnis nachlässt. Wo haben wir gleich nochmal die Autoschlüssel hingelegt?

Auch das Verständnis für komplexe Zusammenhänge fällt schwerer. Vor kurzem Gelerntes bleibt nicht mehr so einfach hängen wie noch vor einigen Jahren. Dieser Prozess ist normal und gehört zum natürlichen Altern. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Menschen. Faktoren wie genetische Veranlagungen, Lebensstil, Gesundheitszustand und Umwelteinflüsse spielen eine große Rolle dabei, wie schnell und stark diese Abbauprozesse ablaufen.

Es kommt auch darauf an, wie gut das Gehirn trainiert ist. Je mehr wir im Leben gelernt haben und je mehr wir unser Gehirn fordern, desto besser ist es auf die Alterungsprozesse vorbereitet.

Was genau passiert im Gehirn während dieses Abbauprozesses?

Im Laufe der Zeit schrumpfen unsere Nervenzellen, was einen natürlichen Teil des Alterungsprozesses darstellt. Dabei kommt es zu einem Verlust von Synapsen, den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Weniger Synapsen bedeuten, dass die Kommunikation zwischen den Neuronen abnimmt, was unser Gedächtnis, unsere Aufmerksamkeit und unsere Reaktionsgeschwindigkeit beeinträchtigt. Die Fähigkeit unseres Gehirns, Informationen schnell und effizient zu verarbeiten, lässt nach.

Der Stoffwechsel im Gehirn verändert sich ebenfalls. Dieser biochemische Prozess, der für die Energieversorgung der Nervenzellen verantwortlich ist, wird weniger effizient. Mit weniger Energie können die Nervenzellen nicht mehr so gut arbeiten, was zu einer allgemeinen Verringerung der kognitiven Leistungsfähigkeit führt.

Auch die Kommunikation zwischen den Zellen verschlechtert sich, da die Produktion von Neurotransmittern nachlässt. Neurotransmitter sind chemische Botenstoffe, die Signale zwischen den Nervenzellen übertragen. Bekannte Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin und Acetylcholin sind besonders betroffen. Dopamin spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Bewegungen und der Motivation, Serotonin beeinflusst unsere Stimmung und unser Wohlbefinden, und Acetylcholin ist entscheidend für Gedächtnis und Lernen.

Mit dem Rückgang dieser Botenstoffe wird die neuronale Kommunikation gestört. Das führt dazu, dass Signale im Gehirn langsamer oder unvollständig übertragen werden, was wiederum die kognitiven Funktionen beeinträchtigt. Sie bemerken möglicherweise, dass Sie sich weniger gut konzentrieren können, häufiger Dinge vergessen oder länger brauchen, um auf Fragen zu antworten.

Zusätzlich können sich im Gehirn mit der Zeit abnormale Proteinablagerungen ansammeln. Diese Ablagerungen sind charakteristisch für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und beeinträchtigen die Funktion der Neuronen weiter, indem sie Entzündungen und Zellschäden verursachen. Entzündungsprozesse im Gehirn nehmen ebenfalls zu, was die Nervenzellen zusätzlich schädigen kann. Chronische Entzündungen sind mit einem höheren Risiko für verschiedene neurologische Erkrankungen verbunden und können die Alterung des Gehirns beschleunigen.

Wie unterscheidet sich die 'kristalline Intelligenz' von der 'fluiden Intelligenz' und welche Rolle spielt sie im Kontext des Gehirnabbaus?

Unsere Intelligenz besteht aus verschiedenen Komponenten, von denen die fluide und die kristalline Intelligenz besonders wichtig sind. Fluide Intelligenz ist die Fähigkeit, logisch zu denken, Probleme zu lösen und sich an neue Situationen anzupassen. Sie ermöglicht es uns, neue Informationen zu verarbeiten und kreative Lösungen zu finden. Doch leider nimmt diese Fähigkeit mit dem Alter ab. Der Grund: Fluide Intelligenz ist stark von der aktuellen Funktionalität unseres Gehirns abhängig, und diese wird durch den altersbedingten Abbau der grauen Substanz, den Verlust von Synapsen und die Verringerung der neuronalen Kommunikation beeinträchtigt.

Kristalline Intelligenz hingegen basiert auf dem Wissen und den Fähigkeiten, die wir im Laufe unseres Lebens durch Bildung, Erfahrung und Lernen erworben haben. Dazu gehören unser Wortschatz, Allgemeinwissen und alles, was wir durch wiederholte Erfahrungen gelernt haben. Interessanterweise bleibt diese Form der Intelligenz im Alter oft stabil oder nimmt sogar zu. Der Grund: Sie beruht auf robusten, lang etablierten neuronalen Netzwerken, die weniger anfällig für den altersbedingten Abbau sind. Deshalb können Sie noch den Text eines alten Lieblingsliedes auswendig mitsingen, auch wenn Sie vergessen haben, warum Sie gerade in die Küche gegangen sind.

Dieser Unterschied erklärt, warum einige kognitive Fähigkeiten mit dem Alter nachlassen, während andere stabil bleiben oder sich sogar verbessern. Die fluide Intelligenz nimmt ab, weil unser Gehirn mit der Zeit langsamer neue Verbindungen bildet und Informationen verarbeitet. Die kristalline Intelligenz bleibt stabil, weil sie auf dem basiert, was wir über Jahre hinweg gelernt und immer wieder genutzt haben.

Im Alltag bedeutet das, dass ältere Menschen länger brauchen, um neue Technologien zu erlernen oder neue Probleme zu lösen, aber auf ein umfangreiches Reservoir an Wissen und Erfahrung zurückgreifen können. Ein älterer Mensch mag Schwierigkeiten haben, ein neues Smartphone zu bedienen, wird aber keine Probleme haben, ein komplexes Kreuzworträtsel zu lösen oder eine Geschichte aus seiner Jugend zu erzählen.

Lässt sich ein solcher Abbau im Gehirn wirklich so pauschal (z.B. ab 40 etc.) vorhersagen oder gibt es individuelle Unterschiede?

Der Abbau im Gehirn lässt sich nicht pauschal vorhersagen, da es erhebliche individuelle Unterschiede gibt. Genetische Veranlagungen, Lebensstil, Gesundheitszustand und Umwelteinflüsse spielen eine große Rolle dabei, wie schnell und stark diese Abbauprozesse ablaufen. Manche Menschen zeigen schon früh Anzeichen eines kognitiven Rückgangs, während andere bis ins hohe Alter geistig fit und agil bleiben.

Ein entscheidender Faktor ist die „Kondition“, mit der man in den Alterungsprozess startet. Unser Wissen und unsere Fähigkeiten basieren auf den Verbindungen im Gehirn. Je mehr wir im Leben gelernt haben, desto mehr dieser neuronalen Verbindungen haben wir. Wenn wir also mit einem gut trainierten Gehirn und vielen Reserven in den Abbauprozess starten, wird ein kritisches Niveau an Zellabbau erst später erreicht.

Das bedeutet, dass Menschen, die ein Leben lang geistig aktiv waren, sich häufiger neuen Herausforderungen gestellt und ständig dazugelernt haben, oft länger ihre kognitiven Fähigkeiten behalten. Ein gut genutztes Gehirn ist wie ein gut trainierter Muskel – es bleibt länger stark und leistungsfähig. Ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger körperlicher Aktivität, gesunder Ernährung, ausreichend Schlaf und sozialen Kontakten kann den Gehirnabbau verlangsamen. Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und ein bewegungsarmer Lebensstil beschleunigen hingegen den Abbauprozess.

Auch der allgemeine Gesundheitszustand spielt eine Rolle. Chronische Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen können die Gehirngesundheit beeinträchtigen und den Abbau beschleunigen. Regelmäßige medizinische Vorsorge und das Management solcher Erkrankungen können daher ebenfalls dazu beitragen, das Gehirn länger fit zu halten.

Nicht zu vergessen sind die Umwelteinflüsse. Ein anregendes Umfeld, das geistige Herausforderungen bietet, kann die Gehirnleistung unterstützen. Dazu gehören berufliche Tätigkeiten, Hobbys, soziales Engagement und der Austausch mit anderen Menschen. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass der Abbau im Gehirn sehr individuell ist. Wer frühzeitig für geistige Fitness sorgt, einen gesunden Lebensstil pflegt und sich in einem anregenden Umfeld bewegt, hat gute Chancen, länger geistig fit zu bleiben. Es liegt also viel in unseren eigenen Händen, wie gut unser Gehirn im Alter funktioniert.

Gibt es Methoden oder Strategien, mit denen man dem Abbau im Gehirn entgegenwirken kann?

Ja, die gibt es! Zahlreiche Studien belegen, dass eine gesunde Lebensweise auch auf das Gehirn wirkt. Hier einige Tipps, wie Sie Ihr Gehirn fit halten können:

Bewegung: Sportlich aktive Menschen verlieren weniger Nervenzellen. Also, ab aufs Fahrrad oder die Joggingstrecke! Regelmäßige körperliche Betätigung fördert die Durchblutung und sorgt dafür, dass Ihr Gehirn mit ausreichend Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird.

Soziale Kontakte: Menschen mit vielen sozialen Kontakten haben ein besser erhaltenes Gehirn. Besonders gut: Sport mit Freunden gemeinsam ausüben! So schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe und fördern gleichzeitig Ihre körperliche und geistige Gesundheit.

Guter Schlaf: Ausreichend und qualitativ guter Schlaf ist essenziell für die Gehirngesundheit. Während des Schlafs erholt sich das Gehirn, verarbeitet Erlebnisse und festigt Erinnerungen. Achten Sie darauf, eine regelmäßige Schlafroutine einzuhalten.

Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung versorgt das Gehirn mit den nötigen Nährstoffen. Obst, Gemüse, Nüsse und Fisch sind besonders gut für die Gehirnfunktion. Vermeiden Sie zu viel Zucker und gesättigte Fette, die das Gehirn belasten können.

Geistige Aktivitäten: Lesen, Puzzles lösen oder das Erlernen neuer Fähigkeiten hält das Gehirn auf Trab. Fordern Sie sich regelmäßig heraus, indem Sie neue Dinge ausprobieren – das kann ein neues Hobby sein, eine Fremdsprache lernen oder ein kompliziertes Sudoku lösen.

Ungewöhnlicher Tipp: Lachen Sie mehr! Lachen ist nicht nur gut für die Stimmung, sondern auch für das Gehirn. Es aktiviert verschiedene Bereiche des Gehirns, fördert die Durchblutung und setzt Endorphine frei, die für ein Wohlgefühl sorgen. Schauen Sie sich eine lustige Serie an, lesen Sie witzige Bücher oder treffen Sie sich mit Freunden, die Sie zum Lachen bringen.

Unser Gehirn beginnt zwar schon früh abzubauen, aber mit der richtigen Lebensweise können wir diesen Prozess verlangsamen. Bewegung, soziale Kontakte, guter Schlaf, gesunde Ernährung und geistige Herausforderungen sind Ihre besten Verbündeten im Kampf gegen den geistigen Verfall. Bleiben Sie aktiv, und Ihr Gehirn wird es Ihnen danken!