Forscher finden Mikroplastik in allen untersuchten Meeresschildkröten

In 102 Meeresschildkröten aus drei Weltmeeren fanden britische Forscher winzige Plastikteile. (Bild: Getty Images)

Forscher der University of Exeter haben in Zusammenarbeit mit Greenpeace untersucht, wie viel Mikroplastik von Meeresschildkröten aufgenommen wird. Und die Ergebnisse sind alarmierend: Bei jedem Tier wurden die Wissenschaftler fündig.

Kaum ein anderes Thema macht derzeit so eindrücklich auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam wie Plastik: Immer wieder wird über verendete Wale und Meeresvögel berichtet, deren Mägen mit Massen verschluckter Plastikteile gefüllt sind. Vor allem Mikroplastik, also Stückchen unter fünf Millimeter Größe, macht Experten derzeit Sorgen.

Alle Schildkröten hatten Mikroplastik geschluckt

Jetzt belegt eine neue Studie eindrucksvoll, wie viele der winzigen Teilchen offenbar in den Meeren treiben: Ein Team der britischen University of Exeter und des Plymouth Marine Laboratory hat in Zusammenarbeit mit der Umweltorganisation Greenpeace insgesamt 102 Meeresschildkröten aus dem Pazifik, dem Atlantik und dem Mittelmeer untersucht, die tot am Strand gefunden oder als Beifang verendet waren. Die Forscher wollten herausfinden, wie viel Mikroplastik die Tiere tatsächlich in ihrem Lebensraum verschlucken. Das Ergebnis: In allen untersuchten Tieren fanden die Forscher kleine und kleinste Plastikteile, heißt es in einer Mitteilung der Universität.

Als Mikroplastik werden winzige, feste Teilchen mit einem Durchmesser unter fünf Millimeter bezeichnet. (Bild: Getty Images)

Am häufigsten seien Zellfasern entdeckt worden, die vor allem von Kleidung, Zigarettenfiltern oder Fischernetzen stammen. Insgesamt seien über 800 Synthetikteile in den Test-Schildkröten gefunden worden. Weil aber nur Teile der Organe der Tiere untersucht worden waren, gehen die Experten von einer 20-mal höheren Zahl aus. Die Teilchen stecken laut der Studie vorwiegend in Pflanzen und Sedimenten und werden von den Schildkröten über die Nahrung aufgenommen.

Auswirkungen auf die Schildkröten noch unklar

Zwar sei noch nicht klar, welchen Einfluss die winzigen Partikel auf die Tiere haben – viele seien so klein, dass sie geschluckt und wieder ausgeschieden werden könnten, ohne den Verdauungstrakt zu blockieren, sagte Dr. Emily Duncan, die leitende Autorin der Studie und Teil des Forschungsteams der Universität. Trotzdem sei es wichtig, andere, weniger klar ersichtliche Effekte des Mikroplastiks zu erforschen. “Es könnte zum Beispiel mit Bakterien oder Viren kontaminiert sein oder die Zellstruktur der Schildkröten beeinflussen”, so Duncan.

Besonders belastet waren die Tiere, die im Mittelmeer gefunden wurden. Unabhängig davon, dass die Auswirkungen dieser Verschmutzungen noch nicht genau bestimmt werden können, empfinden die Wissenschaftler die Ergebnisse als alarmierend – und tragisch: “Es ist eine Schande, dass viele oder vielleicht sogar alle Meeresschildkröten weltweit Mikroplastik in sich tragen”, sagt Professor Brendan Godley, ein weiterer Autor der Studie. Das sei zwar nicht das größte Problem dieser Spezies, aber ein “klares Signal”, dass beim globalen Müllproblem ein Umdenken stattfinden müsse. Auch Greenpeace wird in den Ergebnissen der Studie mit der Warnung zitiert, dass die Massen an Wegwerfplastik eine “gesamtgesellschaftliche Krise” ausgelöst haben, die mit größter Dringlichkeit bekämpft werden müsse.

Mikroplastik: Die Funde häufen sich

Nicht nur die Textilindustrie verursacht Unmengen an Mikroplastik, auch viele Kosmetikfirmen verwenden die winzigen Teilchen, etwa für Peelings oder Zahnpasta. Über die Abwässer gelangen sie in die Kläranlagen, die nur einen Teil abfangen, und von dort in Flüsse und Meere, beklagt unter anderem der Bund für Umwelt und Naturschutz. Erst Ende Oktober 2018 wurde darüber berichtet, dass österreichische Forscher auch in einer menschlichen Stuhlprobe Mikroplastik gefunden hatten.