Forscher haben herausgefunden, was Hochbegabte von anderen unterscheidet — außer der Intelligenz

 - Copyright: Marharyta Gangalo/Shutterstock
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Was macht hochbegabte Menschen aus? Klar, sie sind besonders schlau – schlauer als die meisten anderen Menschen. Psychologen messen Hochbegabung daher meist im Rahmen etablierter Tests, indem sie den Intelligenzquotienten (IQ) bestimmen. Die meisten Menschen liegen dort irgendwo zwischen 85 und 115. Wer einen höheren IQ hat, gilt als überdurchschnittlich intelligent. Wer aber die magische Grenze von 130 knackt, darf sich offiziell hochbegabt nennen. Das schaffen nicht viele, nur etwa zwei von 100 Menschen.

Um Hochbegabte ranken sich allerlei Mythen. Manche glauben, besonders schlaue Menschen müssten nie lernen und würden sich alles Gehörte oder Gelesene sofort merken. Andere denken, dass Hochbegabte zwar sehr klug, dafür aber sozial schwierig seien – von nerdig bis hin zu ängstlich und zurückgezogen oder aber verhaltensauffällig, also aggressiv und mit psychischen Problemen belastet.

Aber was davon stimmt wirklich? Sind Hochbegabte verrückte Genies? Komische Typen mit lauter Spleens? Ob sich hochbegabte Menschen in ihrer Persönlichkeit messbar von anderen unterscheiden, haben Uzeyir Ogurlu und Adnan Özbey, zwei Forscher von der pädagogischen Fakultät der US-amerikanischen Universität von Wisconsin-Stevens Point, in einer sogenannten Metastudie untersucht. Sie wurde im Fachmagazin "High Ability Studies" veröffentlicht.

Dem Mythos nach müssten Hochbegabte neurotisch und wenig verträglich sein

13 bereits veröffentliche Studien anderer Wissenschaftler mit insgesamt knapp 8000 Teilnehmern nahmen sich die Forscher vor und analysierten sie mithilfe bestimmter statistischer Verfahren gleichzeitig. In diesen Studien waren Hochbegabte jeweils mit nicht hochbegabten Menschen verglichen worden. Die Forscher interessierte bei der Analyse aber nicht der IQ, sondern jegliche andere Unterschiede in der Persönlichkeit, die bedeutsam waren.

Dazu verwendeten sie ein seit Jahrzehnten gut etabliertes Persönlichkeitsmodell, bei dem die Eigenschaften von Menschen mithilfe von fünf Dimensionen beschrieben werden: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für Erfahrungen. Dieses Modell der Big 5, wie Psychologen es auch nennen, macht aus, dass sich jeder Mensch auf einem bestimmten Punkt auf diesen fünf Dimensionen verorten lässt – meist über Fragebögen, die der Befragte selbst ausfüllt.

Wer hier etwa niedrig auf der Dimension Extraversion punktet, ist eher introvertiert, zieht seine Kraft aus dem Alleinsein und findet Partys eher anstrengend als bereichernd. Und wer hoch auf der Dimension Neurotizismus landet, der gilt als emotional eher instabil, als ängstlich und gehemmt. Auch Stimmungsschwankungen gehören dazu. Dem Klischee des Hochbegabten als schrägen Vogel folgend hätten die Forscher bei diesen beiden Dimensionen also zum Beispiel Unterschiede zu normal Intelligenten finden können. Oder auch auf der Dimension Verträglichkeit: Menschen, die hier nur wenige Punkte erhalten, gelten als unangepasst, durchsetzungsstark und eigensinnig.

Was man von Hochbegabten lernen kann

Tatsächlich aber ergab die große Analyse nur einen einzigen relevanten Unterschied zwischen Normal- und Hochbegabten (außer dem Unterschied beim IQ) – und er fand sich auf keiner der eben genannten Dimensionen. Stattdessen ergab die Studie einen bedeutenden Unterschied auf der Dimension Offenheit: Hochbegabte waren deutlich offener für jegliche neue Erfahrungen. Ihnen fällt es damit sowohl leichter, die Perspektive eines Menschen, der völlig anders denkt als sie selbst, anzunehmen und zu durchdenken, als auch, ihre Komfortzone zu verlassen: neues Essen auszuprobieren etwa oder sportliche Herausforderungen anzunehmen. Offenheit für neue Erfahrungen geht der psychologischen Forschung zufolge auch einher mit intellektueller Neugier, Flexibilität, Unkonventionalität, einem Gefühl für Kunst, Kreativität und liberalen politischen Einstellungen.

"Die Ergebnisse dieser Studie entlarven das Missverständnis, dass Begabte eine maladaptive Persönlichkeit oder soziale Schwierigkeiten haben", schreiben die Forscher. Also ist nichts dran am Vorurteil, dass Hochbegabte oft komische Typen sind? Vielleicht kommt dieser Eindruck durch eine kleine Gruppe unter den Hochbegabten zustande. Denn etwa 15 Prozent von ihnen würden regelmäßig nicht als hochbegabt erkannt, wie der Psychologe James T. Webb 2015 in seinem Buch "Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung" schrieb. Sie werden nicht erkannt, weil sie zum Beispiel in der Schule nicht so brillieren, wie man es von Hochbegabten erwarten würde – sondern im Gegenteil recht schlechte Leistungen zeigten, dafür aber oft verhaltensauffällig seien.

Womöglich hat sich also ausgehend von diesen "Underachievern", wie man sie in der Forschung nennt, der Mythos der sozial seltsamen Hochbegabten entwickelt. Bleibt die Frage: Was kann man eventuell von Hochbegabten lernen – auch wenn man nicht mit einem IQ über 130 gesegnet ist? Die Antwort ist: Die Offenheit für neue Erfahrungen zu kultivieren und neugierig auf andere Menschen, andere Erfahrungen jeglicher Art und andere Denkweisen zu sein, kann jedem dabei helfen, die Welt und ihre Zusammenhänge besser zu verstehen – eine Art Weitblick für Entwicklungen zu lernen und insgesamt flexibler und wohlwollender durch Leben zu gehen.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 13. Mai aktualisiert. Er wurde am 14. Februar 2022 veröffentlicht.

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