Frankreich: Eben noch systemrelevant, heute Gelbweste

Annika Joeres

Mit der strengen Ausgangssperre haben sich die Franzosen abgefunden. Doch die sozialen Folgen der Corona-Wirtschaftskrise bringen die Gelbwesten wieder auf die Straße.

Gelbwesten-Aktion in Bordeaux, als die Bewegung 2018 auf ihrem Höhepunkt war – in der Corona-Krise formiert sich neuer Protest. © Nicolas Tucat/​AFP/​Getty Images

Die französischen Gelbwesten haben ein neues Symbol entdeckt: An diesem Samstag werden sie mit gelben Masken auf die Straße gehen. Viele Städte haben ihre Demonstrationen zwar aus "Hygiene-Gründen" verboten, aber in einigen Facebook-Gruppen planen viele, sich dennoch am Kreisverkehr oder in den Innenstädten zu treffen. "Jetzt erst recht", heißt oft die Parole.

Eigentlich hatte sich die Bewegung vor einem Jahr mehr oder weniger aufgelöst. Zum Jahreswechsel 2018/2019 gingen noch Hunderttausende Gelbwesten auf die Straße, um für bessere Löhne, geringere Steuern für arme Französinnen und Franzosen und mehr Mitbestimmung zu kämpfen. Präsident Emmanuel Macron hatte die Wut mit einem höheren Mindestlohn und einem Marathon an Diskussionsveranstaltungen vorerst eingefangen. Jetzt aber, wo Frankreich sich in der Corona-Krise auf Jahrzehnte hoch verschuldet, wo Konservative und auch einige von Macrons Ministern von längeren Arbeitszeiten und Sparprogrammen sprechen, flammt der alte Unmut wieder auf.

Als Macron kürzlich ein Pariser Krankenhaus besuchte, wurde er ununterbrochen von aufgebrachten Pflegekräften kritisiert. "Wir können unsere Miete nicht zahlen", klagte eine Frau im Kittel. "Alle wollen nur noch weg aus dem Krankenhaus", sagte ihre Kollegin. Ein merklich angespannter Präsident stellte schließlich fest, er müsse dringend weiter. Der Liberale kann sich nicht wie Bundeskanzlerin Angela Merkel über steigende Umfragewerte freuen: Nur ein gutes Drittel der Französinnen und Franzosen ist mit seiner Antwort auf die Krise zufrieden. 

"Diese Menschen werden unter der Corona-Krise besonders leiden"

Aber in großen Anti-Corona Demos wie in anderen Ländern drückt sich das bislang nicht aus. Auch Verschwörungserzählungen, wie sie gerade in Deutschland florieren, finden bislang in Frankreich wenig Unterstützung. Dass das Virus von Bill Gates erfunden sein könnte oder ohnehin harmlos sei, glauben hier nur wenige – oder zumindest äußern sie diese Meinung seltener öffentlich. Die Franzosen haben sich zumindest vordergründig mit der Ausgangssperre abgefunden. Das ist erstaunlich, weil Frankreich im Gegensatz zu Deutschland eine viel strengere Ausgangssperre anordnete: Jeder Mensch durfte nur noch mit einem Passierschein eine Stunde täglich das Haus verlassen und auch nur im Umkreis von einem Kilometer.

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