Französische Justiz leitet Vorermittlungen gegen Kardinal wegen Missbrauchs ein

Einen Tag nach der überraschenden Selbstbezichtigung eines französischen Kardinals, vor Jahrzehnten eine 14-Jährige sexuell missbraucht zu haben, hat die französische Justiz Vorermittlungen aufgenommen. Bislang liege keine Strafanzeige vor, sagte die Staatsanwältin Dominique Laurens am Dienstag in Marseille. Ermittelt werden soll nicht nur, ob eine Straftat vorliegt, sondern auch, ob es weitere Opfer gibt.

Der Fall des 78 Jahre alten Kardinals Jean-Pierre Ricard löste eine neue Schockwelle in der katholischen Kirche in Frankreich aus. "Es herrschen Wut und Bestürzung", hieß es in am Dienstag einem Leitartikel der katholischen Zeitung "La Croix". Der Kardinal hatte am Vortag in einem öffentlich verlesenen Schreiben eingeräumt, sich vor 35 Jahren an einer Jugendlichen vergangen zu haben.

Die Diözese von Marseille, in der Ricard zum Tatzeitpunkt tätig war, rief mögliche weitere Opfer oder Zeugen von Missbrauchsfällen auf, sich zu melden. Details zu dem mutmaßlichen Missbrauch an der 14-Jährigen wurden zunächst nicht bekannt. Der Fall ist nach Zivilrecht möglicherweise verjährt, die Frist für einen Prozess endet 30 Jahre nach der Volljährigkeit des Opfers.

Nach Angaben der französischen Bischofskonferenz sind damit nun insgesamt elf ehemalige Bischöfe im Visier der staatlichen oder kirchlichen Justiz. In acht Fällen geht es um Missbrauchsvorwürfe, die übrigen betreffen das Nichtanzeigen mutmaßlichen Missbrauchs, wobei einer der Bischöfe bereits verstorben ist.

Ricard ist das vierte Mitglied des für die Papstwahl zuständigen Kardinalskollegiums, dem sexueller Missbrauch von Minderjährigen zur Last gelegt wird. Er war als Bischof von Bordeaux von 2001 bis 2007 zugleich Vorsitzender der französischen Bischofskonferenz.

Seit 2002 ist er zudem Mitglied der römischen Glaubenskongregation, die unter anderem für den Umgang mit Missbrauchsfällen zuständig ist. 2019 reichte Ricard aus Altersgründen seinen Rücktritt ein und zog sich in ein Pfarrhaus in Südfrankreich zurück.

Zuletzt hatte der Fall des ehemaligen Bischofs von Créteil, Michel Santier, in Frankreich Aufsehen erregt. Mitte Oktober war bekannt geworden, dass der Vatikan ihn wegen Voyeurismus stillschweigend sanktioniert hatte. Öffentlich waren für seinen Rücktritt Gesundheitsgründe genannt worden.

"Nun gibt es wirklich keinen Zweifel mehr, dass der Missbrauch in der Kirche systematisch ist", hieß es im Leitartikel von "La Croix". Die Kirche habe die Augen verschlossen, die Gläubigen fühlten sich verraten.

Nach Schätzungen einer Untersuchungskommission wurden in Frankreich seit 1950 etwa 330.000 Minderjährige von Priestern, Ordensleuten oder Mitarbeitern katholischer Einrichtungen sexuell missbraucht.

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