Mit Frauke Kemmerling durch Ehrenfeld: „Die Unruhe hat ihren Charme“

Die Intendantin des Hänneschen-Theaters liebt auch die Unruhe an Ehrenfeld.

Frauke Kemmerling, die Intendantin des Kölner Hänneschen-Theaters, kommt mit dem Fahrrad – weil sei uns viel zeigen will von ihrem Ehrenfeld. Doch weil wir zu Fuß sind, schiebt sie das Rad geduldig durch ihr Veedel. So wird es für alle ein strammer, aber kurzweiliger Fußmarsch.

Los geht’s vor dem Kölner Künstler Theater, kurz KKT, das vor 22 Jahren von Georg zum Kley gegründet wurde und vor drei Jahren an der Ecke Grüner Weg/Melatengürtel seine neue Spielstätte bezogen hat. „Georg kenne ich seit 1993, damals habe ich als freie Journalistin gearbeitet und Theaterkritiken geschrieben. Das KKT ist eines meiner Lieblingstheater – seitdem ich Chefin im Hänneschen bin, haben Georg und ich viele Gemeinsamkeiten bei unseren Theatern entdeckt.“

Mit dem Fahrrad geht es weiter

Sie nimmt ihr Fahrrad und weiter geht es über den vierspurigen Melatengürtel zur Vogelsanger Straße. Es ist voll und laut, Baustellen, Baugruben und Bagger, keine wirklich schöne Ecke, aber für Frauke Kemmerling ist das Wort Baustelle hier positiv belegt.

„Baustelle bedeutet für mich, dass etwas Neues entsteht. Diese Unruhe hat auch ihren Charme. Es ist für mich Aufbruch. Neuehrenfeld hat sich bereits gewandelt, und ich denke, dass sich Alt-Ehrenfeld rund um die Venloer Straße und das Helioszentrum in den nächsten Jahren auch wandeln wird.“

Die Stille in den Nebenstraßen

Plötzlich ist es ganz still, wir stehen vor der Friedenskirche. Der rote Backsteinbau aus dem Jahre 1876 ist eines der ersten protestantischen Gotteshäuser in Ehrenfeld. „Ich bin evangelisch, gehe gerne hier hin. Dieser Platz ist ein Ruhepol im Veedel. Diese plötzliche Stille, kaum zehn Meter von den Hauptverkehrsachsen, ist in vielen Nebenstraßen zu spüren“, sagt sie.

Ehrenfeld sei ein „Schmelztiegel aller Kulturen – das ist gerade auf der Venloer Straße gut zu sehen. Hier gibt es ein großes Miteinander. Menschen aus verschiedenen Ländern, die sich hier eine Existenz aufgebaut haben. Es sind für mich Kölner mit ausländischen Wurzeln und keine »Ausländer»“, sagt die gebürtige Osnabrückerin, die seit 30 Jahren in Köln lebt und fügt hinzu: „Ich bin auch eine Herzkölnerin.“

Viele Veedel kennengelernt

Sie hat als Studentin in Zollstock, Sülz, Deutz und Kalk gewohnt. Da hat sie übrigens damals ihr Fahrrad gekauft, das, bis auf die rot-weiße Klingel, noch im Originalzustand ist.

Frauke Kemmerling entspannt gern im Neptunbad und genießt es, auf ein Kölsch oder einen guten Wein ins Gasthaus Scholzen einzukehren, das in vierter Generation von der Eigentümerfamilie geführt wird. Scholzen sei für Ehrenfeld, was der Dom für Köln ist, sagt die Theaterfrau schmunzelnd.

In der Buchhandlung Bunt deckt sich Frauke Kemmerling stets mit guten Büchern ein, denn neben dem Theater ist Lesen ihre große Leidenschaft. Die Intendantin hat Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften studiert. Eigentlich wollte sie Journalistin werden, Schauspielerin stand nie auf der Liste der Traumberufe. Trotzdem führte sie ihr Weg zum Theater.

Seit nunmehr fünf Jahren ist sie Theater-Intendantin. Und da ihr Vertrag jüngst verlängert wurde, liegen weitere fünf Jahre als Chefin des Hänneschen vor ihr. „Ich bin sehr zufrieden und glücklich mit dem, was ich erreicht habe. Ich kann in meiner Position auch künstlerisch tätig sein, Regie führen oder Stücke schreiben. Das komplettiert meinen ursprünglichen Berufswunsch. Ich bin wie ein Fußballtrainer, muss nicht selber die Tore schießen, aber ich muss wissen, wie es geht und den richtigen Rahmen für das Team, für ein gutes Arbeiten schaffen.“

Hänneschen als moderne Kulturmarke in Köln

Ihre Vision ist es, das Hänneschen als kölsches Traditionshaus zu einer modernen Kulturmarke der Stadt weiterzuentwickeln. Deshalb hat sie sich im vergangenen Jahr sehr geärgert, als der WDR entschied, die Puppensitzung entgegen einer jahrelangen Tradition nicht mehr im Fernsehen zu übertragen. Sie kann nicht verstehen, weshalb der in Köln beheimatete Sender nach 30 Jahren ein Stück kölscher Identität einfach aus dem Programm streicht.

„Der Herzkarneval, wie ihn unsere Puppensitzung verkörpert, gehört in den Heimatsender WDR. Ich finde es schade, dass wir dieses Alleinstellungsmerkmal für Nordrhein-Westfalen, für Köln nicht nutzen. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar und froh, dass RTL West sich der Verantwortung stellt und uns als neuer Medienpartner zur Seite steht“, sagt die Herz-Kölnerin und schiebt Fahrrad unter der Bahnunterführung entlang. 

Hier, jenseits der Senefelderstraße, hat sich Alt-Ehrenfeld schon stark gewandelt. Viele kleine Geschäfte mit interessanten Konzepten sind in den vergangenen Jahren entstanden, wie die „Eisdielerin“, das „Café Rotkehlchen“ und der Lebensmittelladen „The Good Food“ in dem es zu guten Preisen krumm gewachsenes Obst und Gemüse gibt, und auch Lebensmittel, die kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums sind.

Stammgast beim Italiener um die Ecke

Vor dem Restaurant Piccola parkt Frauke Kemmerling ihr Rad an den Ehrenfeld-typischen Radsammelparkplätzen. „Hier bin ich Stammgast, da habe ich schon meinen Geburtstag gefeiert. Davide Giglio ist mein Italiener um die Ecke, gutes Essen, immer voll, ohne Chichi. Bei den kleinen Tischen kommt man schnell ins Gespräch, eine angenehme Kettenreaktion.“

Davide Giglio, der junge Piccola-Chef, ist Ehrenfelder, er ist hier geboren und – wie er lachend versichert – Gastronom, seit er auf der Welt ist. „Ich bin hier im Veedel aufgewachsen, an der Venloer Straße. Noch 2002 war diese Straße komplett asi, jetzt verändert sich alles, aber auch die Mieten steigen. Der Kölner geht inzwischen in Ehrenfeld aus, die Innenstadt ist bald wie ausgestorben.“ Wenn Kölnern danach zumute ist, „die Puppen tanzen zu lassen“, ist sehr oft Ehrenfeld die Bühne dafür.

Multi-Kulti und Schick

Doch so ein Szene-Veedel hat auch seine negativen Seiten, vor allem für die Anwohner. „Manchmal sind mir zu viele Betrunkene auf der Straße. Das ist aber nicht typisch für Ehrenfeld, sondern eine Großstadterscheinung. Was mir generell nicht gefällt, ist das Rumlaufen mit der Kölsch- und Schnapsflasche in der Hand auf der Straße. Das Kölsch an der Theke hat etwas mit Kneipenkultur zu tun, aber die Bierpulle in der Hand, das ist weniger schön.“

Frauke Kemmerling holt ihr Rad und wir biegen jetzt in die Lessingstraße ein. Es handelt sich um eine kleine Wohnstraße, sehr ruhig, und die meisten Häuserfassaden sehen gut gepflegt aus. „Das Besondere hier sind die Drei-Fenster-Häuser. Wenn Sie aufmerksam durch die Straßen gehen und auch mal nach oben schauen, werden Sie es sofort merken“ sagt sie und lenkt den Blick zu den oberen Stockwerken.

„Es ist typische Alt-Ehrenfelder Architektur“, beschreibt sie und holt zu einem großen Lob aus: „.Mein Veedel ist laut, ist eng, aber dafür ist es lebendig, hat eine tolle Jazzszene und eine vielseitige Gastronomie. Unter anderem dadurch hat es eine super Lebensqualität, deshalb habe ich mir genau hier auch so ein kleines Drei- Fenster-Haus gekauft.“

Kemmerling mag Alt- und Neuehrenfeld

Die Subbelrather Straße ist für die Frau mit dem 27 Jahre alten Fahrrad die Grenze zwischen Alt- und Neuehrenfeld, zwischen Multikulti und dem etwas schickeren Veedel. Sie mag beide Teile, vor allem aber die Kartoffelbrötchen von Helga Schragen, deren Bäckerei seit 52 Jahren an der Veedelsgrenze existiert.

Frauke Kemmerling wäre aber nicht Intendantin des Hänneschen-Theaters, wenn sie nicht zum Schluss auf eine besondere Attraktion im Veedel hinweisen würde. Auf Melaten, direkt hinter der Millionärsallee, steht auch ein Denkmal für den Gründer des Hänneschen-Theaters, für Johann Christoph Winters.

Der Förderverein des Theaters ließ es im Jahr 2002, zum 200-jährigen Bestehen des Kölner Puppentheaters, errichten. „Ich gehe da gerne spazieren, denn es gibt auf Melaten nicht nur dieses Sandstein-Denkmal, sondern noch viel mehr spannende kölsche Geschichte.“ 

Frauke Kemmerling

Frauke Kemmerling hat an der Kölner Universität Germanistik, Philosophie, Sprach - und Theaterwissenschaften studiert. 1993 begann sie ihr Volontariat im Hänneschen-Theater und entwarf, schnitzte und schminkte als Abschlussarbeit eine Puppe mit dem Gesicht von Günter Grass.

Zwischen 1995 und 2012 war sie Kulturamtsleiterin der Stadt Hürth. 2012 kehrte sie ins Hänneschen zurück, jetzt aber als Intendantin. Sie lebt seit 30 Jahren in der Eifel und in Köln. ...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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