Frauke Petrys Rückzieher kann ihre große Chance sein

Frauke Petry bei einem Pressetermin in Berlin (Bild: dpa)

Die AfD-Sprecherin strebt doch keine Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl an. Viele Folgen hat das vorerst nicht. Die Zügel hatte sie nicht in der Hand – und wird kein Sprecher haben.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eigentlich wurde ein Machtkampf erwartet: Beharrt Frauke Petry auf der alleinigen Spitzenkandidatur, oder setzt sich eine Teamlösung für die Bundestagswahl in diesem Herbst durch? Beim Parteitag der AfD sollte diese Gretchenfrage noch im April geklärt werden. Doch Petry, Landes- und Fraktionschefin in Sachsen, tritt nicht an.

Sie begründet ihren Schritt damit, dass „drängende Sachfragen“ wie etwa die grundsätzliche Ausrichtung der Partei unabhängig von Personalfragen diskutiert werden müssten. Das ist zumindest ein Teil der Wahrheit. Der andere ist, dass sie sich aus der Schusslinie nehmen musste – denn nicht machtlose Gruppen ignorieren sie oder opponieren offen. Petry drohte auf dem Bundesparteitag eine Niederlage, der kam sie nun zuvor.

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Die Sachfragen müssen indes tatsächlich geklärt werden. Die AfD ist noch eine junge Partei. Sie wird zwar kaum in absehbarer Zeit auseinanderbrechen, aber noch immer walten in ihr unerfahrene, teil ungestüme Kräfte. Für Vorsitzende ist die AfD ein Alptraum, die Partei, eh mehr eine Bewegung, kann auch ohne Chefs; lebt sie doch mehr von den Ressentiments ihrer Anhänger als von der programmatischen Schärfe ihrer Kader.

Seit weit über zwei Jahren zeichnet sich der lange Marsch der AfD ab, die nationalistische Partei der Konservativen rechts von CDU und CSU zu werden. Auf diesem Weg entledigte man sich des einstigen Gründers Bernd Lucke. Petry erkannte die Zeichen der Zeit und die Stärke dieser Entwicklung, stellte sich nicht gegen sie. Petry kann austeilen, das manövrierte sie in dieser Phase nach oben. Aber wie „rechts“ ist sie tatsächlich? Träumt sie nachts von Großdeutschland wie ein Bernd Höcke?

Petry wird sich inhaltlich erklären müssen

Aus der Jägerin ist eine Getriebene geworden. Noch halten die zwei großen Flügel der Partei zusammen. Doch der rechtsnationale Kreis verhehlt seine Ambitionen nicht, und der Kreis der Bürgerlichen kann nur mühsam mithalten. Petry steht in der Mitte zwischen beiden, derzeit verortet sie sich im Nirgendwo der Partei.

Das kann sich ändern. Petry muss sich nur entscheiden, ob sie weiter die rechtsnationale Klaviatur bespielt oder nach wirtschaftsliberalen Noten sucht. Hat sie sich erstmal positioniert, hat Petry in dieser jungen und wilden Partei alle Chancen, weiter Fuß zu fassen.

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Gewissermaßen ist ihr Rückzieher für diese Bundestagswahl klug. Sie weiß, dass Intrigen und böse Manöver zum Geschäft in ihrer Partei gehören. Da gibt es wüste Beschimpfungen auf dem offenen Podium und Machtpoker in den Hinterzimmern, teils mit unschönen Methoden. Nun bietet sie, vorerst, eine kleinere Angriffsfläche. Den Marsch der Rechtsnationalen konnte sie eh nicht aufhalten. Entweder sie wandert an anderer Stelle mit – oder sie sammelt die verbliebenen noch halbwegs Liberalen in der Partei. So machte es einst Horst Seehofer, als er von Edmund Stoiber und Angela Merkel für das Schattenkabinett im Bundestagswahlkampf 2005 einst ausgebootet wurde. Er sammelte Punkte in der Zwischenzeit bei den Sozialpolitikern, ordnete seine Kohorten. Und feierte in der Großen Koalition sein Comeback als Bundesminister. Es ist wie eine Blaupause für Petry.

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