Friedrich Merz: Kritik für Gendersprache-Tweet

Johannes Giesler
·Freier Autor
·Lesedauer: 3 Min.

Friedrich Merz zählt auf Twitter Beispiele für angebliche gendergerechte Sprache auf und fragt, wer diesen Leuten eigentlich das Recht gegeben habe, "einseitig unsere Sprache zu verändern". Dafür wird der CDU-Politiker in zahlreichen Tweets kritisiert, er erhält aber auch Zuspruch.

Friedrich Merz (vorne) bringt sich derzeit immer wieder ins Gespräch: Dieses Mal mit einem polarisierenden Tweet zu gendergerchter Sprache. (Bild: Reuters)
Friedrich Merz (vorne) bringt sich derzeit immer wieder ins Gespräch: Dieses Mal mit einem polarisierenden Tweet zu gendergerchter Sprache. (Bild: Reuters)

Friedrich Merz, seit Samstag frisch gewählter CDU-Bundestagskandidat des Hochsauerland-Wahlkreises 147, dort hat noch nie eine andere Partei das Direktmandat für Berlin gewonnen als die CDU, nutzt derzeit den Laschet-Söder-Kanzlerkandidaten-Streit in der Union, um sich selbst ins Gespräch zu bringen.

Merz, der Unbequeme

Das macht er einerseits mit lautstarker Unterstützung für Armin Laschet, von der sich Merz offensichtlich einen wichtigen Kabinettsposten verspricht – Merz selbst denkt seit langem ganz unverblümt an das Bundeswirtschaftsministerium.

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Andererseits bespielt Merz derzeit verstärkt Twitter mit polarisierenden Aussagen, um seine "Unbequemlichkeit" zu zeigen. Er formuliert es selbst auf dem Kurznachrichtendienst so: "Ich bin heute so frei und unabhängig, dass ich auch unbequeme Dinge sagen und uns etwas abverlangen kann."

Frauofrau oder Mannomann?

Und was verlangt er uns ab, welche unbequemen Dinge spricht er an? Gendergerechte Sprache. Oder eher: Er urteilt sie ab. Denn er will mit seinen Äußerungen offensichtlich keinen Diskurs anstoßen, wenn er die Frage stellt: "Wer gibt diesen #Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?"

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Dazu zählt März noch Beispiele für gendergerechte Sprache auf. Oder besser, was er dafür hält: "Grüne oder Grüninnen? Frauofrau oder Mannomann? Hähnch*innen-Filet? Kinder und Kinderinnen?"

Wer spaltet?

Weder erklärt Merz, von welchen "Gender-Leuten" er da spricht, noch, mit welchem "Recht" sie das versuchen oder was Merz genau mit "unsere Sprache" meint. Als handle es sich dabei um ein unveränderliches Konstrukt.

Seine Beispiele sind dazu auch nicht aus dem praktischen (Gender-)Sprachgebrauch gegriffen oder sogar schlicht falsch, wie Merz‘ Versuch zeigt, das Wort Kinder zu gendern. Es geht nicht darum, neutrale oder Sachbezeichnungen zu gendern. Sondern Worte, die hohe Relevanz für das Geschlecht haben, wie Personenbezeichnungen: Professor*in, Schüler*in, Ärzt*in.

Statt Leser*in: Das Leser. Sind wir stabil genug für neutral?

Dazu passt, das Merz nicht auf die zugrundeliegende Idee der gendergerechten Sprache eingeht, die viele Menschen als Inklusion verstehen: Sie soll Menschen, die im generischen Maskulinum unsichtbar sind, sichtbar machen. Merz unterstellt stattdessen den Versuch, dass "Gender-Leute" Sprache einseitig für alle ändern – also bestimmen – wollen. Übersetzt hieße das: Gendergerechte Sprache würde die Gesellschaft spalten.

Das ist fern aller wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Studien in den letzten Jahren und Jahrzehnten hervorgebracht haben. Denn die zeigen: Gendergerechte Sprache macht nicht nur Frauen sichtbarer, sie kann auch stereotypen Rollenbildern und Diskriminierung entgegenwirken.

Ist das Satire oder ernstgemeint?

Vermutlich ist Merz Tweet also nicht mehr als der kalkulierte Versuch, Applaus mit einem bekannten Reizthema aus der konservativen und Gegenrede aus der progressiven Ecke zu erhalten – es geht nur um Aufmerksamkeit und nicht um die Sache. Und das gelingt Merz auch, was nicht zuletzt dieser Text zeigt, sondern auch tausende Kommentare und Likes unter seinem Tweet.

Die reichen von vereinzeltem Zuspruch, hin zur Satire-Fähigkeit der Aussage und der Frage, ob solch ein Tweet nicht megapeinlich sein müsse für einen Politiker, der auf bundespolitischer Ebene eine herausragende Rolle spielen wolle bis hin zu dem Satz: "Wer gibt diesem Merz eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache für einen derart reaktionären & bornierten Unfug zu nutzen?"

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