Gammelfleischskandal erschüttert weltgrößten Fleischexporteur Brasilien

Unter Verdacht: BRF-Werk in Chapeco

Brasilien, der größte Fleischexporteur der Welt, wird von einem Gammelfleischskandal erschüttert. Staatschef Präsident Michel Temer beraumte für Sonntag eine Krisensitzung seines Kabinetts an. Die Korruptionsaffäre war am Freitag nach zweijährigen Ermittlungen der Polizei publik geworden. Dutzende Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden sollen bestochen worden sein, um über den Verkauf von verdorbenem Fleisch hinwegzusehen. Der Skandal könnte Brasiliens Handelsbeziehungen zur EU und zu den USA belasten.

Bei den Ermittlungen handelt es sich laut Polizei um die "größten in der Geschichte"; 1100 Beamte waren beteiligt. Nach Razzien in dutzenden Produktionsstätten wurden 27 Haftbefehle erlassen. Das Landwirtschaftsministerium feuerte 33 Beamte.

Drei Betriebe wurden geschlossen, darunter eine Geflügelfabrik des internationalen Großkonzerns BRF. Weitere 21 Betriebe wurden unter Beobachtung gestellt. Die Justiz fror Guthaben der unter Verdacht stehenden Unternehmen in Höhe von einer Milliarde Real (301 Millionen Euro) ein.

Temer setzte für Sonntag eine Krisensitzung unter anderem mit Landwirtschaftsminister Blairo Maggi und Außenhandelsminister Marcos Pereira an, wie das Präsidialbüro mitteilte. Der einflussreiche Landwirtschaftsverband CNA forderte eine "strenge Untersuchung". Da Brasilien der größte Fleischexporteur der Welt ist, könnte der Skandal weitreichende Folgen für die Wirtschaft des Landes haben.

Er wurde zudem zu einem heiklen Zeitpunkt aufgedeckt: Brasilien und mehrere andere Länder des südamerikanischen Wirtschaftsblocks Mercosur werben derzeit für ein Handelsabkommen mit der Europäischen Union. Ein Sprecher der EU-Kommission sagte der Nachrichtenagentur AFP, Brüssel habe von den brasilianischen Behörden Aufklärung über die Vorfälle verlangt.

Die USA hatten erst vergangenes Jahr Frischfleisch-Importe aus Brasilien akzeptiert. Bei einem Telefonat Temers mit US-Präsident Donald Trump am Samstag war der Skandal laut Temers Büro aber kein Thema.

Außer dem Konzern BRF ist unter anderem auch das Unternehmen JBS von den Ermittlungen betroffen, der zu den Weltmarktführern der Fleischproduzenten zählt. Die betroffenen Unternehmen beteuerten, von ihren Produkten gingen keinerlei Gesundheitsgefahren aus. Ihre Aktienkurse rutschten dennoch deutlich ab.

JBS schaltete in der Zeitung "O Globo" eine ganzseitige Anzeige, in der hervorgehoben wurde, dass die Ermittler keine Gesundheitsprobleme durch JBS-Produkte erwähnt hätten. Auch BRF schaltete ähnliche Anzeigen. Nach Angaben der Behörden wurden jedoch in einigen Fällen krebserregende Stoffe beigemischt, um den Geruch des verdorbenen Fleisches zu überdecken. Brasilien exportiert Fleisch in mindestens 150 Länder.

Für Verunsicherung bei den Verbrauchern sorgten überdies Berichte, dass einigen Hühnchenfleischprodukten Pappe beigemischt worden sei. Wenn sie für ihre Familie Fleisch kaufe, erwarte sie, dass es "in gutem Zustand" ist, sagte Silvia Farías, die in einem Supermarkt in Rio de Janeiro einkaufte, zu dem Skandal.

Eumar Novacki, ein hochrangiger Vertreter des brasilianischen Landwirtschaftsministeriums, erklärte, bei den Verstößen handele es sich um "vereinzelte" Taten. Brasiliens Lebensmittelkontrollsystem sei "robust", außerdem würden brasilianische Ausfuhren auch noch einmal im Ankunftsland inspiziert.

Brasiliens Ansehen wird bereits durch den Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras erschüttert. Dutzende brasilianische Politiker sollen Schmiergelder vom Konzern Odebrecht und anderen Baufirmen angenommen haben, das in ihren eigenen Taschen landete oder für Parteienwahlkämpfe ausgegeben wurde. Im Gegenzug erhielten die Firmen gutbezahlte Aufträge von Petrobras.

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