Gartenschau vor Plattenbau: Berlins IGA als Zukunftsmodell

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Gartenschau vor Plattenbau: Berlins IGA als Zukunftsmodell

Der Wolkenhain - illuminiert. Foto: Paul Zinken

Wenn in wenigen Tagen die Internationale Gartenausstellung in Berlin eröffnet, geht es um mehr als Blümchengucken. Das rund 100 Hektar große IGA-Gelände steht für den Versuch, dem wachsenden Häusermeer in der Mitte der Hauptstadt zukünftig eine grüne Lunge am Stadtrand entgegen zu setzen.

Damit will Berlin Modell für Städte sein, die sich durch Zuzug verdichten müssen. Nach dem Blumenzauber soll viel von der IGA bleiben - vor allen die Seilbahn als Infrastruktur-Probelauf für Großsiedlungen. «Berlin wird durch die IGA lebenswerter», sagte die Umweltsenatorin Reine Günther am Freitag.

Doch zuerst kommt die große Schau unter dem Motto «Ein Mehr aus Farben». Zur IGA im Außenbezirk Marzahn-Hellerdorf erwarten die Planer vom 13. April bis Mitte Oktober rund zwei Millionen Besucher. Die Kabinenbahn, die von ihren Erbauern aus Südtirol gesponsert wird, ist jetzt schon der heimliche Liebling der Planer. Eine halbe Stunde vom Alexanderplatz entfernt startet sie nur wenige Schritte von der aufgehübschten U-Bahn-Station Kienberg entfernt beinahe lautlos wie zu einem Alpengipfel.

Statt Bergen sieht der Betrachter aus rund 30 Metern Höhe das Gartenschaugelände, eingerahmt von Plattenbauten aus DDR-Zeiten - eine ungeahnt faszinierende Perspektive. Die «Bergstation» steht auf dem rund 100 Meter hohen Kienberg, der einst aus dem Schutt des zerbombten Berlins aufgetürmt wurde. Auf seinem Gipfel erhebt sich die futuristische Aussichtsplattform «Wolkenhain», die bei gutem Wetter einen Blick bis ins Berliner Zentrum freigibt. Auf der anderen Seite schwebt die Seilbahn wieder hinunter und endet an den Gärten der Welt.

Sie sind seit den 1990er Jahren an diesem eher ungewöhnlichen Standort gewachsen und nun Herz und Anker der gesamten Schau. Die Gärten entführen mit Pflanzen und Architektur nach China, Japan, Bali oder in den Orient, neu hinzugekommen sind ein Englischer Garten samt Cottage für «tea time» und eine größere Tropenhalle. So dicht nebeneinander im Park sind sie einmalig in Deutschland - und bleiben, wenn die IGA vorbei ist.

Till Rehwaldt, Präsident des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten, reicht jetzt schon ein Blick in den Berliner Mauerpark. Dann ahnt er, wie sehr die wachsende Hauptstadt mit 3,6 Millionen Einwohnern neue Grünflächen und Freiräume braucht. Von Riesenschaukeln bis zum Flohmarkt ist im Mauerpark vieles zu finden. Nur Rasenflächen und Grün sehen im beliebten Szene-Stadtteil Prenzlauer Berg oft so kläglich aus wie die abgeliebten Stofftiere der vielen Kiez-Kinder.

In Berlin herrscht nach Jahren des Leerstands Wohnungsmangel, Baulücken schwinden und Gartenkolonien schrumpfen. «Die Berliner Innenstadt ist begrenzt», sagt Rehwaldt. Das Ausweichen mit Parkanlagen an die Peripherie bringe Entlastung.

Die sozialistischen Großsiedlungen, Ende der 1970er Jahre als Platte pur erbaut, muten als Standort für eine Gartenschau auf den ersten Blick gewagt an. Wer hier selbst als Berliner nicht hin muss, kennt den Bezirk mit 260 000 Einwohnern meist nur vom Hörensagen und Klischees: von rassistischen Attacken über den Verein «Arche» gegen Kinderarmut bis hin zur Proll-Comedy-Figur Cindy aus Marzahn.

Im jüngsten Berliner Sozialstrukturatlas liegt Marzahn-Hellerdorf auf dem neunten Rang aller zwölf Bezirke - unter Durchschnitt. Viele Bewohner leben trotzdem gern hier, manche haben ihre Platte gekauft. «Ich hoffe, dass die Ausstellung hilft, das Negativ-Image des Bezirkes abzustreifen», sagt der IGA-Geschäftsführer Christoph Schmidt. Der Bezirk hofft auf einen Schub durchs viele neue Grün, weg vom Wohnklo-Image.

Für Gartenschauen mit internationaler Ausrichtung, die es alle zehn Jahre in Deutschland gibt, ist ein Anwachsen in Stadtteilen mit sozialen Problemzonen nicht neu. Das war schon 2013 in Hamburg so. Auf einer Elbinsel im Stadtteil Wilhelmsburg wurden 70 Millionen Euro in einen neuen Park investiert. Allerdings endete die Schau mit einem Defizit von rund 37 Millionen Euro. «Die städtebauliche Langzeitwirkung lässt sich nicht immer in Metern oder Geld messen», sagt der Landschaftsarchitekt Rehwaldt. «Die Erfahrung ist, dass sich die Investition in dauerhafte Anlagen mit Qualität auszahlen.»

In Berlin schießt das Land fast zehn Millionen Euro zur IGA zu, die Gartenschau- und Langzeit-Investitionen aus verschiedensten Töpfen belaufen sich auf rund 130 Millionen Euro. Die Hauptstadt rechnet mit Einnahmen von 30 Millionen Euro. Anders als bei der jüngsten Bundesgartenschau 2015 im nahen Havelland, die auf einem Schuldenberg von zwölf Millionen Euro sitzen blieb, gibt Rehwaldt dem Berliner Finanzkonzept Chancen. «Die Lage spielt eine große Rolle. In dicht besiedelten Regionen wie Koblenz war die Bundesgartenschau ein großer Erfolg», zählt er auf. Auch Dortmund habe von seiner Lage mitten im Ballungsraum Ruhrgebiet profitiert.

Von Anfang an gewollt war das Berliner Konzept für den Stadtrand allerdings nicht. Beworben hatte sich die Stadt mit dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhofer Feld. Eine starke Bürgerinitiative, die das Feld mit Klauen und Zähnen verteidigt, ließen die Blütenträume zum Risiko werden. 2012 schwenkte der Senat überraschend Richtung Osten um.

Für Michael Tanzer, Geschäftsführer des Seilbahn-Sponsors, geht es hier sehr deutlich um mehr als Blümchen. «Wir wollen in Marzahn-Hellersdorf den Beweis antreten, dass Seilbahnen auch in der Stadt ein wichtiges Transportmittel sind», sagt er. Einen Spitznamen hat die Gondelbahn über den Baumwipfeln schon: «Ü-Bahn».

IGA

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